Wintersport Warum die Ski-Begeisterung in Bremen und umzu groß ist

Holger Kühnel ist Vorsitzender des Landesskiverbandes Bremen. Tochter Kea startete 2018 als Freestylerin bei Olympia. Im Interview spricht er unter anderem über das Skifahren im Flachland.
26.01.2019, 21:36
Lesedauer: 7 Min
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Warum die Ski-Begeisterung in Bremen und umzu groß ist
Von Olaf Dorow
Bremen ist Flachland. Warum wollen sich denn so viele Bremer auf Skiern einen Hang hinunterstürzen?

Holger Kühnel: Das hat eine ganz lange Geschichte. Seit fast 90 Jahren schon gibt es den Bremer Ski-Club. Damals gab es drumherum nichts in der Richtung, auch keinen Landes-Skiverband. Es hat sich da eine Tradition herausgebildet, die stetig weitergetragen worden ist.

Aber haben Sie eine Erklärung, warum diese Tradition so nachhaltig zu sein scheint?

Man hat wohl sehr frühzeitig eine enge Verbindung zu Ski-Vereinen im Harz gepflegt. Da wurde dann immer hingefahren, da gab es beständig die Vereinsmeisterschaften. Das war auch immer mit einem großen Rahmenprogramm verbunden. Heute würde man Event dazu sagen.

Oder liegt die Begeisterung eher an einer Art Defizit? Man will haben, was man nicht hat, also Berge und Schnee?

Das war damals etwas Neues. Das war nicht bekannt, das hatte keiner im ganzen Norden. Man hatte eine gewisse Alleinstellung. So ist der Bremer Ski-Club gewachsen. Und war jahrzehntelang der größte Ski-Club in ganz Deutschland.

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Ist er das nicht immer noch mit seinen aktuell rund 3300 Mitgliedern?

Es gibt den Audi-Ski-Club Ingolstadt, einen Werksverein. Angeblich soll er 11.000 Mitglieder stark sein. Da wird man als Werksangestellter wahrscheinlich per Zuwinken Mitglied. Es ist aber eben der Grund, warum es nicht mehr ganz unbestritten ist, dass der Bremer Deutschlands größter Ski-Club ist.

Na gut, vielleicht nur zweitgrößter. Aber wieso deutlich größer als Hamburg oder Niedersachsen? Da ist es zumeist auch nicht bergiger?

Die Bremer Funktionäre im Verein und später im Verband haben von Anfang darauf geachtet, immer den einen großen und starken Verein zu haben. In Bayern oder im Schwäbischen haben Sie in jedem Dorf einen kleinen Verein mit 100 oder 150 Leuten. In Bremen hat man versucht, das alles zu binden.

Offenbar mit großem Erfolg. . .

. .. ja, das ist ganz gut gelungen. Wenn Sie sich die Mitgliederstruktur anschauen, dann kommt geschätzt ein Drittel aus den niedersächsischen Gemeinden rund um Bremen.

Was kann mir der tolle Bremer Ski-Club (BSC, d. Red.) denn anbieten, wenn ich Mitglied werden wollte?

Es gibt ein sehr attraktives Skireisen-Programm. Der BSC bietet jedes Jahr, glaube ich, zwischen 35 oder 38 Reisen an. In Bremerhaven (beim Ski-Club Bremerhaven, d. Red.) sind es immerhin zwischen sechs und zehn Reisen, die jeweils zwischen 15 und 50 Leute in die Berge bringen. Darüber hinaus haben die Vereine ein umfangreiches Sportprogramm. Man kann eigentlich an jedem Tag der Woche in irgendeiner Halle irgendetwas machen.

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Was denn so?

Alle denkbaren Arten von Gymnastik. Sportgymnastik, Funktionsgymnastik, Kraftsport, Spiele wie Volleyball zum Beispiel. Ich meine, der BSC hat inzwischen sogar eine Tanzgruppe.

Ist da eine Entwicklung, ein Trend zu erkennen, was die Leute vor allem wollen?

Vor vielleicht zehn, zwölf Jahren kam verstärkt die Umwelt-Diskussion auf. Die Frage: Können wir in zehn, in 20 Jahren überhaupt noch Ski fahren? Das Präsidium des Deutschen Ski-Verbandes hat damals die Devise ausgegeben: Macht aus euren Vereinen Ganzjahres-Vereine.

So einfach ging das?

Na ja, es fiel in die Zeit, in der die Nordic-Walking-Welle losging. Eine Trainingsmethode, die aus dem Skilaufen kommt. Daraus hat sich viel entwickelt: Präventionskurse, Gesundheitssport, Gymnastik als Vorbereitung auf die Wintersaison. Ich bin ja selbst auch Übungsleiter (beim Ski-Club Bremerhaven, d. Red.). Und sehe: Wir haben Leute, die die Sportkurse besuchen. Aber die fahren gar nicht Ski.

Viele Vereine und Verbände klagen aber über Nachwuchssorgen. Sie auch?

Da müssen auch wir uns Gedanken machen, wie wir das auffangen können. Im Ski-Bereich haben wir so ein Rennprogramm, das wir Zwergen-Cup nennen. Da machen wir fünf bis sechs Veranstaltungen zwischen Ende Januar und April. In der Regel gibt es die Rennen für Vier- bis Zehnjährige im Harz. Da gibt‘s in Torfhaus einen kleinen Slalomhang ohne großartiges Gefälle, wo die einfach Spaß haben können. Das ist ein jedesmal richtiges Highlight mit Siegerehrungen und Medaillen. Da sind die Eltern oft aufgeregter als die Kinder. So gewinnen wir für künftige Skireisen durchaus Publikum.

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Was haben Kinder außer dem Spaß davon, wenn sie Skifahren lernen? Beim Schwimm-Kurs ist das ja klar. Aber beim Ski-Kurs?

Wir versuchen, den Leuten nahezulegen: Das ist ein Natursport. Man ist in der Natur unterwegs. Unseren Übungsleitern bringen wir in der Ausbildung nahe: Achtet nicht nur auf die Technik! Wenn Ihr in einem Skigebiet seid, macht euch kundig. Wie heißen die Berge? Was gibt’s für Besonderheiten? Damit ihr sagen könntet: Wenn wir nach Süden schauen, sind das da die Spitzen der Dolomiten. Und da gibt’s die und die Geschichte dazu.

Und müssen Sie den Leuten auch erzählen, dass ein Ski-Hobby ganz schön teuer sein und die Familienkasse belasten kann?

Da haben wir uns schon an verschieden Ecken gestoßen. Wir würden hier in Bremen gerne längere Winterferien haben. wie sie es in fast allen anderen Bundesländern gibt. Die Antwort ist immer: Das ist ja ein Reichen-Sport, das können sich normale Familien gar nicht leisten.

Was ist Ihr Gegenargument?

Zum einen versuchen wir nicht, in einem Drei- oder Vier-Sterne-Hotel zu buchen. Wir bieten auch einen Hütten-Urlaub an. Vielleicht auch mit einem Lager, in dem zehn Leute in einem Zimmer nächtigen. Da müssen alle mit anpacken bei der Reisegestaltung bis hin zum Küchendienst. Und je einfacher die Hütte, umso länger wird hinterher von ihr erzählt.

Es fördert den Gemeinschaftssinn?

Im letzten Herbst bei der Theorie-Ausbildung für unsere künftigen Übungsleiter haben wir ganz bewusst geübt: Was macht man denn mit den Teilnehmern vor Ort? Was macht man, wenn das Wetter kein Skifahren zulässt?

Da denkt man an Apres Ski und ordentlich Alkohol.

Nee, es sollte sportlich sauber bleiben. Zum Beispiel mit Spielen. Es sollte eben nicht in irgendwelche andere Richtung abdriften. Wir können natürlich nicht wieder die Musikfibel unter den Arm klemmen, es muss ja auch zeitgemäß sein. Und was die Kosten für die ganze Ausrüstung anbelangt, haben wir uns in Bremerhaven etwas sehr Gutes einfallen lassen.

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Was denn?

Es wurde ein Klubheim mit einer Werkstatt aufgemacht. Da sind für relativ kleines Geld Materialien zu leihen. Da stehen ungefähr hundert Paar Alpin-Ski zur Verfügung, und 40 Paar Langlauf-Ski. Auch Sommer-Rollski oder Schneeschuhe kann man da leihen. Helme, Schuhe, Stöcke, Snowboards. Um einfach die Kosten etwas einzufangen. Wenn wir mit anderen Kollegen in Deutschland sprechen, finden die das immer ganz toll.

In der kommenden Woche brechen nun 40 bis 60 Bremer Sportler zu den Alpin-Meisterschaften auf. Vor zehn Jahren waren es noch dreimal so viele. Wollen also immer weniger Wettkämpfe machen?

Die Leute nehmen Urlaub für solch ein Ski-Erlebnis. Da wollen viele dann nicht unbedingt auch noch einen Wettkampf absolvieren. Sie wollen zunächst mal Spaß haben und nicht gehetzt sein. Das ist natürlich etwas, was unser Wettkampfwart gar nicht gerne hört. Aber ich kann das schon nachvollziehen.

Ihre Tochter Kea ist einst Bremer Alpin-Meisterin gewesen. Und erlangte zuletzt als Olympionikin einen gewissen Bekanntheitsgrad. Hat sich das auf die Szene ausgewirkt?

Zunächst mal waren alle mächtig stolz. Ich bekam Glückwünsche von Leuten, die ich ewig nicht mehr gesehen habe. Und in Bremen gab es sogar mehr Applaus als in Bremerhaven. Dass jetzt direkt deswegen Leute bei den Vereinen geklingelt haben und Mitglied werden wollten, hat es aber nicht so gegeben.

Also kein Kea-Kühnel-Boom als Boris-Becker-Boom im Kleinen?

Das hängt sicher auch damit zusammen, dass das, wenn sich die Leute so einen Freestyle-Wettbewerb im Fernsehen anschauen, ein bisschen weit weg erscheint. Erst recht, wenn man noch kein Skifahren kann und es erst erst mal nur lernen will. Da ist man dann sehr weit entfernt davon, auf Skiern über Hindernisse und durch die Luft springen und fliegen zu können. Da müsste eine andere Direktheit hergestellt werden.

Wie könnte sie aussehen?

Wir haben im März eine Veranstaltung in der Skihalle in Bispingen ausgeschrieben. Da kommt Kea mit, quasi als Zugpferd. In der Halle gibt es einen kleinen Park mit Hindernissen. Wir werden da wahrscheinlich mit zwei Schulen aus Bremerhaven hinfahren. Da gibts dann schon das Echo: Oh toll, die ist dabei!

Herr Kühnel, Sie sind 67 und seit Langem Verbandsvorsitzender. Sportwart Hans-Jürgen Böschen ist 70 und noch viel länger dabei. Will niemand in die Fußstapfen treten?

Wir hatten im Dezember Jahreshauptversammlung. Der Vorstand hat sich noch mal für drei Jahre zur Wahl gestellt. Und ist auch gewählt worden. Für die Zukunft sehe ich einen Kandidaten für den Vorsitz. Der muss nur noch ein bisschen bearbeitet werden (lacht, d. Red.). Aber wir müssen uns intensiv umschauen. Zwei Posten sind nicht besetzt. Wir haben weder einen Snowboard- noch einen Pressewart. Es mangelt halt auch bei uns an Leuten, die ein Ehrenamt übernehmen.

Heißt das gar, in ein paar Jahren sprechen wir nicht mehr über die Ski-Hochburg Bremen?

Nein, das glaube nicht. Die Mitgliederzahlen waren auch schon mal deutlich geringer als jetzt und haben sich wieder erholt. Das wird schon weitergehen, wenn wir mal abtreten. Dazu ist der Skisport hier zu tief verwurzelt.

Das Gespräch führte Olaf Dorow.

Info

Zur Person

Holger Kühnel (67) ist Steuerberater in Bremerhaven und Vorsitzender des Landesskiverbandes Bremen. Er ist Vater von drei skibegeisterten Kindern. Seine Tochter Kea startete 2018 als Freestylerin bei Olympia.

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Alpin-Meisterschaften in Steinach

Etwa 40 bis 60 Bremer werden in der kommenden Woche bei den Offenen Bremer Alpin-Meisterschaften in Steinach/Tirol starten. Weil wegen Schneemangels im Oktober die traditionelle Ausbildungswoche ausfallen musste, bietet der Bremer Skiverband von Donnerstag bis Sonnabend einen Lehrgang in Steinach an. Am Sonnabend wird die Meisterschaft im Riesenslalom, am Sonntag die im Slalom ausgetragen.

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