Tischfußball

Weg vom Kneipen-Image: Bremer Vereine wollen eigenen Verband gründen

Zwei Bremer Vereine wollen mit der Gründung eines eigenen Verbands Tischfußball als Sportart voranbringen und machen deshalb trotz aller Rivalität gemeinsame Sache.
19.09.2018, 19:00
Lesedauer: 3 Min
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Weg vom Kneipen-Image: Bremer Vereine wollen eigenen Verband gründen
Von Elena Matera
Weg vom Kneipen-Image: Bremer Vereine wollen eigenen Verband gründen

Kickern ist seine Leidenschaft: Matthias Serwatka vom Roten Stern Bremen setzt sich für die Gründung eines Tischfußballverbands ein.

Christina Kuhaupt

Kickertische stehen im Raum, Pokale füllen die Regale. Eine Flagge mit der Aufschrift „Roter Stern Bremen“ hängt über dem Sofa. Beim Tischfußballverein Roter Stern Bremen in der Neustadt wird fast täglich gekickert. Neben dem Roten Stern sind die Kickerfreunde in Hastedt der zweite große Tischfußballverein in Bremen. Eigentlich sind sie Konkurrenten, doch die Vereine ziehen an einem Strang. Ihr gemeinsames Projekt: Die Gründung des Bremer Tischfußballverbands (BRTFV).

Tischfußball soll ein etablierter Sport in Bremen werden, das ist das Ziel der beiden Vereine. „Als Verband haben wir einfach mehr Möglichkeiten“, sagt Matthias Serwatka vom Roten Stern. „Wir werden gefördert, können selbst viel mehr Turniere ausrichten, müssen weniger Steuern zahlen und können intensiver Jugendarbeit leisten.“ Erst als Verband können der Rote Stern und die Kickerfreunde Mitglied im Deutschen Tischfußballverband (DTFB) werden, der regelmäßig bundesweit Turniere organisiert.

Turniertische für 2000 Euro

Bei der Verbandsgründung geht es den Vereinen vor allem um eines: Die Anerkennung des Tischfußballs als Sportart. Denn nach Ansicht der Vereine ist Kickern mehr als reine Kneipenbeschäftigung. Im Landessportbund Bremen wurde Tischfußball bisher noch nicht als Sportart aufgenommen. Für eine Aufnahme bräuchte es noch einen dritten Verein, mehr Mitglieder und mehr Jugendförderung. „Das kann noch etwas dauern. Die Verbandsgründung ist am wichtigsten“, sagt Serwatka.

Seit gut fünf Jahren ist Serwatka bereits festes Mitglied im Roten Stern. Das Kickern fasziniert ihn so sehr, dass er sich sogar einen eigenen Kickertisch aus Holz gebaut hat. Eine von Serwatkas Lieblingsaufgaben ist es, sich um die Anfänger zu kümmern. Er ist gerne eine Stütze für die Neulinge, erklärt ihnen die Regeln, die Technik, das Spiel. Hautnah bekommt er mit, wie sie sich stetig verbessern. Auch Frauenturniere werden regelmäßig in beiden Bremer Vereinen geführt. „Bei uns spielen viele Frauen, ältere und jüngere Menschen. Das ist das Schöne am Tischfußball. Er verbindet die unterschiedlichsten Charaktere und Lebensgeschichten und stärkt damit den Teamgeist umso mehr“, sagt Serwatka.

In Bremen gibt es viele Spieler mit Talent. Beide Vereine haben Bundesligateams. Die Kickerfreunde spielen in der ersten Liga, der Rote Stern in der zweiten. Auch der aktuelle Deutsche Meister im Tischfußball-Einzel ist ein Bremer: Semin Mensah von den Kickerfreunden. „Wir haben uns schon längst zu einem professionellen Sport entwickelt, der nicht mehr belächelt werden sollte“, sagt Hans Woitke. Der 38-jährige Informatiker ist Vorstandsvorsitzender der Kickerfreunde Bremen. „Wir trainieren, haben internationale Wettkämpfe. Es ist Ausdauer für Körper und Geist. Technik, Reaktionsfähigkeit und mentale Stärke – all das braucht man für den Tischfußball.“ Doch dem Kickern haftet noch zu oft das Kneipenimage an.

Bis das Trainingsfieber einen packt

In etlichen Kneipen und Bars gehören Kickertische zum Inventar und sind oft Zentrum des Geschehens. Dicht aneinander gedrängte Menschen umrunden sie. Es wird getrunken, gejubelt und ab und an verschüttet jemand auch mal ein Getränk. Die Kickertische kleben, es riecht nach Bier und Rauch. Im Vergleich zur Kneipe wirken die Kickertische des Vereins Roter Stern Bremen fast schon steril. Hier klebt nichts. Und das ist nicht ohne Grund so. Hier stehen immerhin hochwertige Turniertische, die durchaus die 2000 Euro-Marke überschreiten können.

Die meisten, die es in die Vereine verschlägt, haben bereits Vorerfahrung in Kneipen gesammelt, so wie auch Woitke. An professionelles Spielen hatte er am Anfang nie gedacht, bis ihn das Trainingsfieber irgendwann gepackt hat. „Beim Kickern in der Kneipe ist es locker. Außerdem sind die Regeln nicht ganz so streng“, sagt Woitke. „Im professionellen Tischfußball gelten hingegen knallharte Regeln, an die man sich halten muss.“ Reden etwa gilt als Ablenkung. Die 360-Grad-Drehung der Männchen ist strikt verboten. Außerdem wird der Ball nicht durch das Einwurfloch ins Spiel gebracht, sondern bei der mittleren Figur der Fünferreihe hingelegt.

Die Gründung des neuen Verbands ist im vollen Gange. Anfang September gab es bereits die erste Sitzung. Der fünfköpfige Vorstand steht fest, dazu gehören auch Serwatka und Woitke. Das Finanzamt hat den Satzungsentwurf genehmigt. Nun fehlt nur noch ein letzter Schritt: Das Vereinsregisteramt muss die Bewerbung annehmen. „Das sollte aber durchgehen“, sagt Woitke zuversichtlich. Die Spannungen, die sonst zwischen dem Roten Stern und den Kickerfreunden herrschen, sind bei den Verhandlungen über den gemeinsamen Verband nicht zu spüren. „Wir haben ja auch ein gemeinsames Ziel“, sagt Woitke. „Die sportliche Rivalität bleibt natürlich trotzdem erhalten – und das ist auch gut so.“

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