Deutsche Sportjugend für Kinderschutz

Wenn Körperkontakt zum Problem wird

Da es auch in Sportvereinen zu sexuellen Übergriffen kommen kann, hat die Deutsche Sportjugend das Thema Kinderschutz zu einem ihrer Schwerpunktthemen im kommenden Jahr erklärt.
15.11.2018, 22:29
Lesedauer: 3 Min
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Wenn Körperkontakt zum Problem wird
Von Jörg Niemeyer

Das Thema ist keinesfalls beliebt, wird mancherorts zum Tabu erklärt – und kann doch jederzeit aktuell werden. Weil auch der Sportverein Stätte eines sexuellen Übergriffs werden kann, hat die Deutsche Sportjugend (DSJ) das Thema Kinderschutz zu einem ihrer Schwerpunktthemen der kommenden Jahre erklärt. „Die DSJ ist zu der Erkenntnis gekommen, dass Kindern im Sport nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet wird“, sagt der Vorsitzende der Bremer Sportjugend (BSJ), Bernd Giesecke.

Die DSJ wolle die Landessportbünde für das Thema sensibilisieren, sagt Giesecke. „Es geht aber nicht darum, Angst zu machen.“ Angst davor, sich als Übungsleiter oder Trainer vielleicht falsch zu verhalten oder zu Unrecht eines Übergriffs bezichtigt zu werden. Der Grat, auf dem sich Vereins- und Verbandsmitarbeiter, aber auch Lehrer in den Schulen bewegen, ist manchmal allerdings sehr schmal. So beispielsweise beim Turnen: Hilfestellung muss sein, es bedeutet aber auch körperlichen Kontakt. Oder in der Umkleide: Sind inzwischen alle fertig mit dem Duschen? Für einen Mann ist der Gang in die Mädchenumkleide ebenso tabu wie für eine Frau der Gang zu den Jungs. „Man müsste eigentlich immer mindestens einen weiblichen und einen männlichen Betreuer einsetzen“, sagt Giesecke. Das können Verein oder Schule im Alltag jedoch schon aus personellen Gründen nicht immer leisten.

Hochsensibles Thema

Die Tatsache, dass Körperkontakt häufig sogar notwendig ist – zum Beispiel zur Demonstration und Korrektur von Bewegungsabläufen oder zum Schutz vor Unfällen –, kann das Verhältnis zwischen Sportler und Übungsleiter zusätzlich verkomplizieren. Auch deshalb beschreibt die BSJ in ihren „Handlungsempfehlungen zur Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt“ problematische Situationen. Sie erläutert, was unter sexueller Gewalt zu verstehen ist, und sie gibt Tipps, was im Fall eines Übergriffs getan werden kann. Das Problem ist hoch sensibel, denn ein möglicher Übergriff hat ebenso schwerwiegende Folgen wie ein zu Unrecht erhobener Vorwurf, in dessen Zusammenhang Personen namentlich belastet werden.

Bernd Giesecke ist froh, dass es in Bremen derzeit keinen konkreten Fall gebe. Der letzte bekannt gewordene liege bereits einige Jahre zurück. „Es wird aber nie die hundertprozentige Sicherheit geben, dass nichts geschieht“, sagt der BSJ-Vorsitzende. Auch deshalb bietet die BSJ zur Vorbeugung Schulungsmaßnahmen für Vereine und Verbände an.

„Leider kannst du niemanden zwingen“

Mit Svenja Pfeifer, der hauptamtlichen Jugendbildungsreferentin des Landessportbundes Bremen (LSB), und Elke Eichstaedt, der ehrenamtlichen BSJ-Beauftragten zum Thema Kinderschutz, stehen zwei Ansprechpartnerinnen zur Verfügung, die auch persönlich in die Vereine und Verbände gehen. Ein Angebot, das nach Meinung von Bernd Giesecke noch nicht kräftig genug genutzt werde. „Wir versuchen ja, Trainer, Übungsleiter und Betreuer zu erreichen“, sagt er, „aber leider kannst du niemanden zwingen.“

Das gilt auch für die Teilnahme an der BSJ-Hauptversammlung an diesem Freitag, in der der Kinderschutz besonders thematisiert wird. In den Räumlichkeiten des LSB wird es zunächst einen Impulsvortrag des Kinderschutzbundes mit anschließender Aussprache geben. Später sollen die Delegierten dann ein Kinder- und Jugendschutzkonzept der BSJ verabschieden und Elke Eichstaedt als erste offizielle BSJ-Beauftragte bestätigen.

„Wir sind uns der Verantwortung bewusst“

Die BSJ versuche, so Giesecke, beim Thema Kinderschutz mit gutem Beispiel voranzugehen. „Wir sind uns der Verantwortung bewusst.“ So habe er selbst der BSJ ein Führungszeugnis vorgelegt – eine Maßnahme, die die Sportjugend bei von ihr organisierten Ferienfreizeiten auch von Trainern und Betreuern erwartet. „Bei unseren Veranstaltungen lassen wir uns das Führungszeugnis zeigen“, sagt Giesecke. Die Bremer Sportjugend empfiehlt allen Vereinen und Verbänden, sich Führungszeugnisse von Mitarbeitern vorlegen zu lassen, die Kinder und Jugendliche betreuen oder trainieren. Ob ihrer Empfehlung gefolgt werde, könne die BSJ allerdings nicht überprüfen.

Bernd Giesecke sieht grundsätzlich eine der Hauptaufgaben der BSJ in der Prävention und Sensibilisierung für den Kinderschutz – ohne erhobenen Zeigefinger, wie er betont. „Aber wir wollen den Vereinen zeigen: Ihr müsst euch um dieses Thema kümmern wie um eure Übungsleiter oder um eure Sportstätten.“ In einem Beitrag für den WESER-KURIER hatte Elke Eichstaedt das Engagement der BSJ vor einigen Monaten so begründet: „Das Ziel unserer Aktivitäten ist es, für eine Kultur der Aufmerksamkeit zu sensibilisieren und aktiv daran mitzuwirken, dass der Schutz vor sexualisierter Gewalt zur selbstverständlichen Alltagsaufgabe im Sport wird.“

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Zur Sache

Kinderschutz steht im Fokus

Auf ihrer Hauptversammlung nimmt sich die Bremer Sportjugend neben den üblichen Regularien alljährlich eines Hauptthemas an. An diesem Freitag wird es ab 18 Uhr im Hause des Landessportbundes Bremen (Auf der Muggenburg 30, Überseestadt) der Kinderschutz sein. Außerdem zeichnet Nicola Oppermann (Sparkasse Bremen) die drei Gewinner des Engagement-­Förderpreises 2018 aus.

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