Bremer fördert Fußball in Afghanistan „Wie Bern ’54“

Der Bremer Mansur Faqiryar ist in Afghanistan ein Volksheld - und engagiert sich jetzt für sein Heimatland.
06.02.2016, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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„Wie Bern ’54“
Von Frank Büter

Der Bremer Mansur Faqiryar ist in Afghanistan ein Volksheld - und engagiert sich jetzt für sein Heimatland.

Inzwischen ist es ruhiger geworden um Mansur Faqiryar. Eine hartnäckige Verletzung hat seine Karriere im Sommer 2014 abrupt gestoppt – ob er jemals wieder Fußball spielen kann, vermag der 30-Jährige noch nicht zu sagen. Aber er ist seinem Sport treu geblieben. Mansur Faqiryar engagiert sich jetzt in Flüchtlingsprojekten der Uni Bremen und hat sogar eine eigene Stiftung gegründet, um den Fußball in seiner afghanischen Heimat zu fördern.

Der in Kabul geborene Mansur Faqiryar flüchtete im Sommer 1987 mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester vor dem Bürgerkrieg in Afghanistan. Ziel war Bremen, wo bereits ein Onkel Zuflucht gefunden hatte. Faqiryar wuchs in Kattenturm auf, besuchte die Schule in Obervieland, wo er später auch sein Abitur gemacht hat. Bereits als F-Junior schloss er sich der Fußballabteilung des damaligen VfB Komet an und spielte in der Jugend unter anderem für den SV Werder und den FC Union 60.

Den Durchbruch im Herrenbereich schaffte Mansur Faqiryar beim FC Oberneuland, mit dem er 2008 in die Regionalliga aufstieg und in den DFB-Pokal einzog. Dort gelang dem FCO in der Erstrundenpartie eine faustdicke Überraschung, als man sich nach Verlängerung und Elfmeterschießen gegen den Zweitligisten Koblenz durchsetzte. „Ein großartiger Erfolg“, sagt Mansur Faqiryar, der den letzten Elfmeter abgewehrt und damit entscheidenden Anteil am Weiterkommen hatte.

Faqiryar pariert zwei Elfmeter

In der Folgesaison wechselte Mansur Faqiryar zum Regionalligisten VfB Oldenburg, wo er bis zu seiner Vertragsauflösung Ende Dezember 2014 lange Zeit Stammkeeper und Mannschaftskapitän war. Die konstant starken Leistungen des Deutsch-Afghanen sorgten auch in seinem Geburtsland für Aufmerksamkeit. 2011 wurde Mansur Faqiryar erstmals in die afghanische Nationalmannschaft berufen. Er war fortan Teil einer bunt zusammengesetzten Auswahl mit einheimischen Spielern, aber auch Akteuren afghanischer Herkunft, die im Ausland leben. „Norweger, Amerikaner, Deutsche... das war echt exotisch, wir mussten uns gegenseitig übersetzen.“ Mansur Faqiryar selbst spricht Dari, eine der Landessprachen im Vielvölkerstaat. „Das habe ich von zu Hause mitbekommen, das war mir auch sehr wichtig und hilfreich“, sagt Faqiryar.

Im August 2013 trat Afghanistan erstmals nach zehn Jahren Pause auch wieder auf heimischem Boden zu einem Länderspiel an. 10 000 Zuschauer sahen dabei in Kabul einen 3:0-Erfolg gegen Pakistan – „damit ging ein Traum in Erfüllung“, sagt Mansur Faqiryar. Doch es sollte noch besser kommen für Torwart Faqiryar und seine Teamkameraden. Im September 2013 nämlich sorgte Afghanistan bei der Südasienmeisterschaft für Furore und gewann überraschend den Titel. Mansur Faqiryar, Vize-Kapitän der Auswahl, wurde dabei in seiner Heimat zum Volkshelden, als er beim 1:0-Erfolg im Halbfinale gegen Gastgeber Nepal gleich zwei Elfmeter parierte.

Es waren nur noch sieben Minuten zu spielen gewesen, als sich der Bremer beim ersten Strafstoß für die linke Ecke entschied und den Schuss abwehrte. „Es gab danach große Unruhe auf der Tribüne, das Spiel stand kurz vor dem Abbruch“, erinnert sich Faqiryar noch gut an die Geburtsstunde seines Heldenstatus. Der Unparteiische zeigte sich offenbar beeindruckt von der Kulisse – und ließ den Elfmeter wiederholen. „Ich soll mich zu früh bewegt haben“, sagt Faqiryar. „Ein Witz, wenn man sich die Bilder anschaut. Da müsste jeder Elfmeter zurückgepfiffen werden.“ Doch die Entscheidung stand, der Elfmeter wurde wiederholt – und diesmal hielt Faqiryar den Ball sogar fest.

Euphorie im Land

„Damit begann der Hype“, sagt der Schlussmann, der dann auch im Finale kein Gegentor zuließ und sich mit Afghanistan gegen Indien mit 2:0 behauptete. Ein Triumph, der in der Heimat für eine riesige Begeisterung sorgte. „Diese Freude, diese Euphorie im Land – das war unvorstellbar“, sagt Mansur Faqiryar. „Mehrere Tage lang wurde auf den Straßen gefeiert, es wurden Flaggen gehisst – das war eine Aufbruchstimmung vergleichbar mit dem deutschen WM-Sieg in Bern ’54 .“

Trotz Sicherheitsbedenken lief die Nationalmannschaft in der prall gefüllten Arena noch eine Ehrenrunde, bis das Team schließlich unter Personenschutz wieder hinausbegleitet wurde. Der Feiermarathon war damit aber noch längst nicht beendet. Die Fernsehsender rissen sich um Interviews mit den Volkshelden. Auf den Straßen spielten die Kinder Fußball. Und Präsident Karsai ehrte die Nationalspieler bei einem gemeinsamen Essen und schenkte allen als Erfolgsprämie ein Apartment in Kabul, das inzwischen bezugsfertig ist.

Im Speedboot zu den Spielen

Der Name Faqiryar war in dieser Zeit in aller Munde – in Afghanistan ebenso wie in Bremen und Umgebung. Er wurde Oldenburgs Sportler des Jahres, und er wurde zum Nordsportler des Jahres gewählt. Der damals 28-Jährige war auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er schloss die Regionalligasaison mit Oldenburg auf Platz drei ab – „es lief alles sehr gut, ich war richtig gut drauf“. Seine gute Form stellte der Torwart auch bei einer Länderspielreise im Rahmen des „Challenger Pokals 2014“ auf den Malediven unter Beweis. Im Inselstaat im Indischen Ozean absolvierte das afghanische Nationalteam jeden zweiten Tag ein Spiel, „bei 30 Grad im Schatten“, so Faqiryar, der mit seinen Teamgefährten per Speedboot zu den Spielen anreiste.

Faqiryars starke Leistungen auf den Malediven hinterließen einen bleibenden Eindruck. Der Hauptstadtklub Male, mehrfacher Landesmeister und Asiencupteilnehmer, zeigte Interesse an einer Verpflichtung des Bremers. Und auch Vereine aus Indien und Singapur lockten mit einem Profivertrag. Im Sommer 2014 schien Mansur Faqiryar die Welt offen zu stehen – doch ausgerechnet dann begann die Leidenszeit.

Nach einem Trainingsunfall schmerzte die Hüfte, er spürte permanent ein Stechen. Schmerzmittel brachten keine Linderung, eine Magnetresonanztomographie (MRT) ergab indes keinen eindeutigen Befund. Mansur Faqiryar suchte diverse Ärzte auf. Er probierte verschiedene Therapieformen aus – ohne Erfolg. Der Torwart verlor seinen Stammplatz beim VfB Oldenburg, zum Jahresende 2014 schließlich wurde dort sein Vertrag aufgelöst.

Trainerlaufbahn möglich

Obwohl vereinslos und ohne Spielpraxis wurde er im Juni 2015 erneut für das afghanische Nationalteam nominiert. In der WM-Qualifikation gegen Syrien bestritt Mansur Faqiryar sein bisher letztes Länderspiel. „Ich war nicht fit und auch nicht schmerzfrei“, sagt Faqiryar, der zu allem Überfluss in der 35. Minute mit einem Innenbandriss im Knie verletzt ausschied. In seinem Heimatland genießt Faqiryar auch heute noch „eine gewisse Bekanntheit und Beliebtheit, man bringt mir sehr viel Respekt entgegen“. Der Torwart hält immer noch regelmäßig Kontakt mit den Verbandsfunktionären. Ein Comeback im Leistungssportbereich aber scheint derzeit ausgeschlossen. „Nach den letzten eineinhalb Jahren sehe ich das ganz nüchtern“, sagt Mansur Faqiryar. „Und ich weiß auch nicht, ob ich mir damit einen Gefallen tun würde.“ Ganz ohne Fußball auskommen will er aber nicht. Er besitzt die B-Lizenz, „gut möglich, dass ich eine Trainerlaufbahn einschlage“.

Immerhin hat Faqiryar inzwischen eine genaue Diagnose und ist Anfang November beim Spezialisten Dr. Michael Dienst in München auch schon operiert worden. Ursache für den Dauerschmerz war ein Knorpelbruch, in der Hüfte hatte sich ein Weichteil gelöst. Dieses Weichteil wurde entfernt, der Knorpel geglättet. Die Entzündung ist nun weg, „jetzt warte ich den Heilungsprozess ab“, sagt der 30-Jährige. Sein großer Wunsch: „Ich möchte einfach wieder schmerzfrei Sport treiben.“ 20 Kilogramm habe er inzwischen zugenommen, „es wird Zeit, dass ich mich wieder körperlich betätigen kann“.

Gänzlich untätig war er während seiner sportlichen Zwangspause allerdings nicht. Mansur Faqiryar hat sein Studium (Wirtschaftsingenieurswesen) forciert und schreibt nun an seiner Masterarbeit, die er in diesem Frühjahr abschließen möchte. Und er hat sich verstärkt für regionale Sportprojekte in der Flüchtlingsarbeit engagiert und eine eigene Stiftung, die „Mansur Faqiryar Foundation“, gegründet. Unterstützt wird er unter anderem von Werders U23-Trainer Alexander Nouri (Kurator) und dem früheren Unternehmer Klaus Berster aus Westerstede als Treuhänder.

Mit der Stiftung möchte Mansur Faqiryar in seiner Heimat Entwicklungsarbeit leisten; er will dazu beitragen, die Perspektiven der afghanischen Jugend nachhaltig zu verbessern, denn „Afghanistan liegt mir sehr am Herzen.“ Ihn schmerzt es, dass viele junge und gut ausgebildete Menschen das vom Krieg gebeutelte Land verlassen – diesem „Exodus“ möchte er etwas entgegensetzen. „Teamplay für Afghanistan“, so heißt das Startprojekt. Es steht für Bildung und Toleranz und soll benachteiligte Menschen – insbesondere Jugendliche – durch die Verankerung von Spiel, Sport und Bewegung im Schulalltag fördern. Der Volksheld Mansur Faqiryar hat in seiner Heimat viel Gutes erfahren – jetzt möchte er den Menschen, die ihn so sehr verehren, etwas zurückgeben.

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