Tour de France

Lennard Kämnas Soloritt in den Alpen

Sporthistorische Dimensionen: Als erster Bremer gewinnt Lennard Kämna eine Etappe der Tour de France.
16.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Tabeling und Olaf Dorow
Lennard Kämnas Soloritt in den Alpen

"Das bedeutet mir unglaublich viel": Lennard Kämna ist Etappensieger der Tour de France geworden.

Pool/BELGA/dpa

Beim Sportverein Radrenngemeinschaft Bremen (RRG Bremen) gibt es, wie vielerorts, eine Whatsapp-Gruppe. Am Dienstag ging es in der digitalen RRG-Gruppe, zumindest erzählt das so der 2. Vereinsvorsitzende Hans-Joachim Wiese, dann so: „Piep, piep, piep, piep“, erzählt Hans-Joachim Wiese. Das Piepen habe kaum aufhören wollen. Wieses Schilderung wird schon stimmen. Lennard Kämna, der einst als Junge von elf, zwölf Jahren bei der RRG Bremen seine ersten Trainingskilometer einer Rennrad-Laufbahn zurücklegte, jagte am Dienstag zum vorläufigen Höhepunkt dieser Laufbahn.

Er gewann eine Etappe der Tour de France. Das hatten bereits 26 Radrennfahrer vor ihm geschafft. Ein Bremer hatte es noch nie geschafft. Der Dienstag hat, darum kommt auch bei nüchterner Betrachtung wohl niemand herum, eine gewisse sporthistorische Dimension bekommen. Für die deutsche Radsportszene, für den deutschen Rennstall Bora-Hansgrohe, für Bremen. Und, natürlich, für Lennard Kämna.

Überglücklich hatte er schon weit vor dem Zielstrich die Arme ausgebreitet, sich auf die Brust geklopft und ungläubig den Kopf geschüttelt. Nach einem höchst beeindruckenden Soloritt in den Alpen ist dieser junge Mann aus Bremen, dem in der Szene nachgesagt wird, ein Riesentalent zu sein, endlich am Ziel seiner Träume angelangt. Nur wenige Tage nach seinem 24. Geburtstag, nur wenige Tage nach Platz zwei, „nur“ Platz zwei, holte er sich nach einer cleveren Attacke rund 20 Kilometer vor dem Ziel seinen ersten Etappensieg bei dem bedeutendsten Radrennen der Welt. Lennard Kämna triumphierte auf dem 16. Teilstück von La Tour-du-Pin nach Villard-de-Lans vor dem Giro d‘Italia-Champion Richard Carapaz und sorgte bei seinem erneuten Angriff für den ersten deutschen Etappensieg seit John Degenkolbs Sieg vor zwei Jahren in Roubaix.

„Ich kann es noch gar nicht glauben. Das ist ein wunderbarer Tag für mich, einfach großartig. Das bedeutet unglaublich viel für mich“, sagte Kämna und fügte hinzu: „Das ist eine große Erleichterung. Wir hatten so viele Rückschläge. Ich bin auf der letzten Kuppe All in gegangen. Ich wusste, dass mich auf der Abfahrt keiner mehr einholt.“

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Diesmal ließ sich Lennard Kämna nicht mehr austricksen, nachdem er am Puy Mary vier Tage zuvor noch vom cleveren Kolumbianer Daniel Martinez übersprintet worden war. Und seine große Enttäuschung über die verpasste Chance verarbeiten musste. Am Dienstag ergriff er die Chance und ließ sie nicht mehr los. Am vorletzten Anstieg setzte Kämna die entscheidende Attacke. Danach spielte er seine Zeitfahrqualitäten aus und fuhr Kletterspezialist Richard Carapaz aus Ecuador davon. Der Vorsprung wuchs und wuchs. Der Giro-Sieger blieb chancenlos beim Supertempo des Bremers.

Womöglich ist in dem Wintersportort nun der Stern von Lennard Kämna so richtig aufgegangen. Dem früheren Junioren-Weltmeister trauen die Experten eine Menge zu, womöglich sogar irgendwann den Toursieg. „Ob ich da persönlich jemals hinkommen werde, steht in den Sternen. Man kann nie sagen, ich werde mal gut genug sein, um die Tour zu gewinnen: Es wäre schwachsinnig, das zu behaupten. Das kann auch nicht jeder“, sagte der Youngster, an dem in der Branche allseits seine Überlegtheit und Bodenständigkeit geschätzt wird.

Der Coup am Dienstag war ein Sieg mit Ansage, schon am Ruhetag hatte der Norddeutsche sich diese Etappe ausgeguckt. „Jedes Mal in einer Ausreißergruppe kommen neue Erfahrungen dazu. Es ist immer ein Pokerspiel. Ich habe das Gefühl, dass ich darin besser werde“, sagte Kämna, der für den insgesamt 92. deutschen Etappenerfolg bei der Tour gesorgt hatte. Auch für sein Bora-Hansgrohe-Team war es nach den Enttäuschungen der letzten Tage eine große Erleichterung.

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Die Favoriten gönnten sich dagegen vor dem Tag der Wahrheit einen weiteren Ruhetag. Mit mehr als zehn Minuten Rückstand rollten die Stars um Gelbträger Primoz Roglic und dessen Landsmann Tadej Pogacar über den Zielstrich. Kräfte schonen war angesagt vor der Königsetappe am Mittwoch zum 2304 Meter hohen Col de la Loze hinauf. Titelverteidiger Egan Bernal verlor erneut den Anschluss zu den Favoriten - womöglich auch aus Kalkül. Das steigert die Chancen des Kolumbianers auf einen Etappensieg in den nächsten Tagen.

Am Mittwoch wird die Tour mit der Königsetappe fortgesetzt. Am Ende des 170 Kilometer langen Teilstücks mit Start in Grenoble steht die Kletterpartie zum 2304 Meter hohen Col de la Loze an. Der Anstieg der höchsten Kategorie weist auf 21,5 Kilometer eine durchschnittliche Steigung von 7,8 Prozent auf und bildet das Dach der Tour.

Einem spannenden Finale steht auch nichts mehr im Weg. Alle rund um den zweiten Ruhetag durchgeführten 785 Kontrollen auf das Virus waren negativ. Damit können alle 22 Teams die Reise nach Paris fortsetzen. Bis zur Schlussetappe am Sonntag sind keine weiteren Tests mehr vorgesehen. „Besser geht es nicht. Das Konzept funktioniert sehr gut. Ich bin zufrieden, dass niemand positiv getestet wurde“, sagte Lennard Kämna.

Auch Tour-Chef Christian Prudhomme saß nach einer Woche Quarantäne wieder im roten Auto der Tour-Organisation mit der Nummer eins. Der 59-Jährige ist negativ auf das Virus getestet worden, nachdem es am ersten Ruhetag noch ein auffälliges Ergebnis bei ihm gegeben hatte.

Kurz nachdem Prudhomme die Startflagge geschwenkt hatte, gingen die Attacken auch schon los. Schnell bildete sich eine große Ausreißergruppe, in der Kämna zusammen mit Teamkollege Daniel Oss vertreten war. Später gesellte sich auch Simon Geschke zu der Gruppe. Der Berliner hatte 2015 in Pra-Loup für den letzten deutschen Erfolg auf einer Tour-Bergetappe gesorgt. „Lennard ist ein guter Freund von mir, ein superstarker Fahrer. Hut ab“, sagte Simon Geschke in einem ersten TV-Interview nach der Zielankunft. Unterwegs in der Fluchtgruppe habe er zu dem Freund aus Bremen gesagt: „Heute ist dein Tag!“ So kam es.

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