Mentaltrainerin im Interview Petra Michaelis erklärt „Wir betreiben Raubbau am Gehirn“

Petra Michaelis ist ausgebildete und lizenzierte Trainerin der Gesellschaft für Gehirntraining. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie als selbstständige Referentin und Coachin im Bremer Umland.
01.06.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Wir betreiben Raubbau am Gehirn“
Von Nico Schnurr

Petra Michaelis ist ausgebildete und lizenzierte Trainerin der Gesellschaft für Gehirntraining. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie als selbstständige Referentin und Coachin im Bremer Umland.

Frau Michaelis, haben Sie heute schon Ihr Gehirn trainiert?

Petra Michaelis: Ja, gleich heute Morgen habe ich Kopfstand-Lesen gemacht.

Sie haben einen Kopfstand gemacht und dabei gelesen?

Nein, nicht ich habe den Kopfstand gemacht, sondern die Zeitung. Ich habe mir einen Artikel ausgesucht, ihn auf den Kopf gestellt und falsch herum gelesen.

Wieso machen Sie das?

Ich mache das, um mein Gehirn zu wecken und den Arbeitsspeicher zu aktivieren. Dafür muss ich rausgehen aus der Routine und mein Gehirn vor neue Aufgaben stellen, die Zeitung auf dem Kopf lesen zum Beispiel.

Und das machen Sie jeden Morgen?

Der Morgen ist der perfekte Zeitpunkt für Denksport. Das ist vergleichbar mit einem Sportler, der wärmt sich ja auch vor der körperlichen Leistung auf. Genauso sollte man morgens, vor der Arbeit, seinen Kopf aufwärmen und ihn auf den Tag vorbereiten. Aber auch nach dem Mittag, wenn die Konzentration im Keller ist, lohnt es sich, sein Gehirn zu trainieren. Drei bis zehn Minuten reichen da schon völlig aus.

Sie stellen also täglich Ihre Zeitung auf den Kopf?

Nein, ich wechsle die Übungen ständig – das Gehirn liebt Abwechslung. Routine gibt uns Sicherheit im Alltag, aber sie ist Gift für die geistige Leistungsfähigkeit. Wenn wir routiniert arbeiten, schaltet das Gehirn auf Energiesparmodus. Und wenn etwas nicht so sehr gebraucht wird, dann entwickelt es sich zurück.

Funktioniert das Gehirn also wie ein Muskel?

Das Gehirn funktioniert nicht exakt so wie ein Muskel, und trotzdem lässt es sich gut vergleichen. Sowohl das Gehirn als auch die Muskeln sind leistungsfähiger, wenn sie trainiert werden. Man kann sein Gehirn also durchaus fit machen.

Und wie kann ich mein Gehirn trainieren, wenn ich gerade mal zwei Minuten auf den Bus warte und mich langweile?

Schauen Sie sich Ihre Umgebung an und buchstabieren Sie im Kopf die Namen der Dinge rückwärts, die Sie im Straßenbild entdecken. Das Gehirn kann man immer und überall neu herausfordern.

Wenn es darum geht, sein Gehirn immer wieder neu herauszufordern, sind Kinder dann nicht die perfekten Denksportler?

Absolut, Kinder sind von Natur aus großartige Denksportler. Sie sind neugierig und wissbegierig. Kinder können sich nicht ­allein auf ihre Erfahrungen verlassen, deswegen trainieren sie ihre geistige Fitness ständig.

Ab wann schleicht sich Routine in unser Denken ein?

Das ist individuell schon sehr unterschiedlich, aber Studien zeigen, dass der Rückgriff auf Erfahrungen in unserer Gesellschaft etwa im Alter von 25 Jahren stark zunimmt. Ab dann etwa überwiegt der Erfahrungsschatz, und der Arbeitsspeicher unseres Gehirns wird weniger stark beansprucht.

Wie schafft man es dann, bis ins hohe Alter geistig fit zu bleiben?

Die Grundpfeiler der geistigen Fitness lassen sich mit Denksport und mentalen ­Aktivierungsübungen stärken. Sie helfen, die Arbeitsgeschwindigkeit und Merk­spanne des Gehirns zu verbessern. Wir können ­beeinflussen, wie viele Informationen unser Gehirn aufnehmen und speichern kann. Ich finde, das ist eine Erkenntnis, die Mut macht.

Wie trainiert man am besten: allein oder in Gemeinschaft?

Wer in Gemeinschaft trainiert, kommuniziert mit anderen – das kann den Trainingseffekt definitiv erhöhen. Oft fällt es in einer Gruppe aber auch ganz einfach leichter, sich zu motivieren, sein Gehirn herauszufordern.

Ganz generell gefragt: Wie steht es um die deutschen Gehirne?

Wir leben in einer Leistungs- und Informationsgesellschaft, in der unsere Sinne permanent mit Reizen überflutet werden. Wir bewegen uns weniger als die Generationen vor uns und werden gleichzeitig immer älter. Das verändert uns und unsere mentale Fitness. Die Aufmerksamkeitsspannen werden kleiner. Wir lassen unsere Gehirne immer seltener zur Ruhe kommen und gönnen ihnen kaum Pausen. Dabei wollen Gehirne nicht nur immer wieder neu herausgefordert werden, sie müssen sich auch ausruhen.

Unsere Gehirne sind also gestresst?

Ja, das kann man so sagen. Dabei erhöht positiver Stress – zum Beispiel die Anspannung vor einer Prüfung – sogar unsere geistige Leistungsfähigkeit. Zu oft setzen wir unsere Gehirne aber negativem Stress aus. Wir machen zu wenig Pausen.

Wie kommt das?

Viele haben verlernt, auf ihre Gehirne zu hören. Sie überhören das Warnsignal, wenn die Konzentration nachlässt. Sie arbeiten weiter und setzen ihre Gehirne einer Dauerbelastung aus. Zu oft betreiben wir so Raubbau am Gehirn. Denn dauerhaft zu arbeiten, erscheint vielleicht sehr fleißig, wirkt sich aber negativ auf unsere geistige Fitness aus. Mindestens alle zwei Stunden sollten wir unseren Gehirnen eine Pause geben, bei besonderer Anstrengung sogar schon nach 20 Minuten.

Wie sollten diese Pausen genutzt werden?

Wenn die Konzentration nachlässt, sollten wir raus in die Natur, ein wenig spazieren gehen. Bewegung ist gut für den Geist, weil sie den Blutkreislauf anregt und die Versorgung des Gehirns verbessert. Bevor es nach der Pause wieder ans Arbeiten geht, hilft es, die mentalen Abläufe mit Denksport anzuregen.

Frau Michaelis, macht das Denken glücklich?

Ja, zu denken kann glücklich machen, ganz sicher.

Wie muss man denken, um es zu werden?

Wenn ich mich geistig fit halte, bin ich ganz automatisch zufriedener. Ich kann mich leichter konzentrieren, bin aufmerksamer, kann Informationen schneller verarbeiten und kreativere Lösungen finden. Wenn ich mein Gehirn trainiere, dann kann ich meine geistige Fitness nutzen, um meine Erfolgserlebnisse zu steigern. Wer geistig fit ist, wird aber auch deshalb glücklicher, weil er effektiver denkt und sich so mehr Freiräume schafft.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

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