Interview

„Wir brauchen neues Integrationskonzept“

Björn Fecker ist unter anderem ist Präsident des Bremer Fußball-Verbandes. Er meint, dass es zwischen Bundesliga und Fan-Szene noch viel aufzuklären gibt und spricht sich für ein neues Integrationskonzept aus.
01.01.2019, 21:48
Lesedauer: 6 Min
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„Wir brauchen neues Integrationskonzept“
Von Mathias Sonnenberg
„Wir brauchen neues Integrationskonzept“

Mesut Özil trat nach der WM 2018 aus der deutschen Nationalelf zurück und erhob Rassismus-Vorwürfe.

Daniel Maurer /dpa

Herr Fecker, mal angenommen, Sie hätten drei Wünsche frei für 2019. Welche sollen für Sie in Erfüllung gehen?

Björn Fecker: Dass wir auf und neben dem Fußballplatz zu einem respektvollen Miteinander kommen. Dass es den Verantwortlichen gelingt, die momentane Spaltung zwischen Fans und Profifußball wieder zu kitten. Und dass die absoluten Spitzenklubs in der Welt nicht vergessen, wer die Basis beim Fußball ist, letztlich durch Eintrittsgelder und Kauf von Trikots die Gehälter zahlt, aber auch wer die Talente ausbildet.

Haben Sie denn das Gefühl, dass der Respekt im vergangenen Jahr auf dem Fußballplatz besonders gelitten hat?

Fußball ist immer auch ein Abbild der Gesellschaft, da wurden schon auch Grenzen überschritten. Wir müssen immer daran denken, dass ein Schiedsrichter und der Gegenspieler ihrem Hobby nachgehen und alle Fußball spielen, weil sie den Sport so lieben.

Die Deutsche Fußball Liga ist den Fans entgegengekommen und wird die Montagsspiele abschaffen. Das klingt doch nicht unbedingt nach Spaltung.

Ich weiß nicht, ob es der große Wurf für die Fans ist, wenn man die Montagsspiele jetzt auf den Sonntagabend verschiebt. Und was in der Diskussion zu kurz kommt: Das ist ein Geschäft zu Lasten des Amateurfußballs. Wir müssen aufpassen, dass der Sonntag nicht zum Dauer-Spieltag wird und damit uns Amateure direkt trifft. Uns fehlen die Ehrenamtlichen, die Zuschauer und auch die Aktiven, die sonntags dann eben zur Bundesliga gehen.

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Zuletzt hat die Bundesliga aber doch sogar für das Ehrenamt geworben.

Das Ehrenamt hochleben lassen und gleichzeitig den unzähligen Ehrenamtlern mehr Sonntagsspiele vor die Füße knallen zu wollen, das ist genau mein Humor. Deswegen müssen wir sehr genau aufpassen, wo die Montagsspiele der Ersten und Zweiten Liga künftig landen. Grundsätzlich aber gibt es aber nach wie vor viele Dinge zwischen Bundesliga und Fan-Szene aufzuarbeiten.

Allein die gerade veröffentlichten Anstoßzeiten für Werder, wo der Verein nur ein einziges Mal am Samstagnachmittag spielt, die Fans aber nun auf einem Sonntagabend nach Gladbach dürfen, ist wenig fanfreundlich. Ich hoffe, dass sich jetzt die Leute durchsetzen, die aufeinander zugehen und miteinander sprechen und die Scharfmacherei und Zündelei anderen überlassen.

Gezündelt wird allerdings in erster Linie in den Fan-Kurven mit Bengalos.

Ich nehme die Ultras auch nicht aus ihrer Verantwortung. Aber wenn Innensenatoren und Innenminister mit Gefängnisstrafen für den Einsatz von Pyrotechnik drohen, trägt das sicherlich auch nicht gerade zur Dialogbereitschaft bei.

Sie haben erklärt, dass Sie die sogenannten kalten Pyrofackeln, die nur mit 230 statt bis zu 2000 Grad brennen, für eine Alternative halten.

Um es klar zu sagen: Ich halte es auch für Wahnsinn, in einer Menschenmenge eine Pyrofackel zu zünden, weil man damit nicht nur sich selbst, sondern viele andere massiv gefährdet. Nun gibt es aber in Dänemark neue Entwicklungen in Sachen der sogenannten „kalten Pyro“. Alles was ich möchte, ist, eben die dortigen Ergebnisse abzuwarten und sich dann die Fakten anzusehen und zu bewerten.

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Im Sommer 2018 war Integration nach der WM und dem Rücktritt von Mesut Özil ein großes Thema im Fußball.

Aus meiner Sicht müssen wir das Integrationskonzept des DFB neu aufstellen, das ist schon sehr in die Tage gekommen. Wir müssen beispielsweise Antworten auf die Frage finden: Wie schaffen wir es, Menschen mit Migrationshintergrund in das Ehrenamt zu bringen? Wir sind jetzt weit über die Ankommensphase hinaus und müssen jetzt konkrete Hilfe geben, was ein Verein oder auch Verband machen kann und nicht nur theoretisch bleiben.

Wie kann das denn in der Praxis aussehen?

Wichtig ist, dass wir die Menschen mit Migrationshintergrund ins Boot holen, die eben jetzt schon im Ehrenamt arbeiten. Die wissen am besten, auf welche Hürden sie gestoßen sind und was wir daraus lernen können. Wir sollten zum Beispiel die Frage stellen, ob ein Förderprogramm, wie wir es gerade für Frauen gestartet haben, hier auch sinnvoll sein kann.

Es muss unser Ziel sein, die Vielfalt, die wir auf dem Platz haben, auch in den Vereinen und Verbänden abzubilden. Das gilt auch für junge Leute. Da sind alte Strukturen manchmal hinderlich, so dass geschaut werden muss, ob man das digitale Zeitalter und die sozialen Netzwerke besser nutzen kann, um neue Leute zu gewinnen.

Das hört sich in der Theorie gut an.

Aber wir sind ja schon dabei, das auch praktisch umzusetzen. Es gibt einen sogenannten Führungsspieler-Treff, da tauscht sich unser Jugendausschuss mit Mannschaftskapitänen der A-Junioren aus, um zu erfahren, was es für Probleme und Ideen gibt. Die Zeiten, in denen der Verband gesagt hat, wo es langgeht, sind einfach vorbei.

Was für Probleme gibt es denn?

Nur ein Beispiel: Wir haben Nachwuchs-Probleme bei den A-Junioren, aber die Anstoßzeit für die Spiele ist noch immer häufig sonntags um 11 Uhr. Wir reden hier nicht über Regionalliga-Kicker, sondern Jugendliche, die Fußball als Hobby betrachten. Da sind wir gut beraten, sie zu beteiligen, was man ändern könnte.

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Viele Sportarten haben unter Nachwuchsprobleme zu leiden und kämpfen um ihre Existenzen. Wie ist der Fußball in Bremen aufgestellt?

Wir haben den großen Vorteil, dass Fußball einfach die Sportart Nummer eins ist. Aber ich warne davor, die Augen zu verschließen. Wir haben gerade im Mädchen- und Frauenfußball große Probleme, da ist die Anzahl der Mannschaften definitiv zu gering. Wir haben für den Bereich Mädchenfußball jetzt zwei junge Menschen gewonnen, die beim Bremer Fußball-Verband ihr freiwilliges soziales Jahr leisten und sowohl im Verein als auch in der Schule in diesem Bereich aktiv sind. Das kann ein gutes Beispiel werden.

Wie ist eigentlich das Thema E-Sport im Bremer Fußball verankert?

Ich persönlich bin da ganz offen. Ich finde, dass wir nicht vorbei sehen können, dass viele junge Menschen E-Sport oder eben E-Football betreiben. Bei E-Football geht es ja grundsätzlich um die Frage: Ignoriere ich das oder gehe ich bewusst als Verband in diese Richtung mit? Ich halte es für verkehrt, wenn wir sagen, dass uns das nicht interessiert. Ich nehme aber viel Skepsis bei uns wahr. Der Habenhauser FV hat in diesem Bereich eine eigene Sparte, mit denen sind unsere Experten auch im Austausch. Aber die Zocker müssen auch verstehen, dass wir ein Fußball-Verband sind und uns in erster Linie für den realen Fußball interessieren.

Aber der E-Sport boomt total.

Deshalb müssen wir uns auch fragen: Wie kann ich den E-Football für die Vereine am Besten nutzen? Wie können auch junge Menschen, die gerne E-Football betreiben, von den Strukturen eines Vereins profitieren? Wir haben von A-Jugendlichen immer wieder gehört, dass das klassische Vereinsheim out ist, in dem man früher nach dem Spiel oder Training den obligatorischen Stiefel getrunken und Pommes Mayo gegessen hat.

Und trotzdem könnten sie sich vorstellen, im Vereinsheim zu bleiben und beispielsweise nach dem Training noch eine Runde zu zocken. Oder eben erst zu zocken und dann schauen, ob man das Können auf der Konsole auch im richtigen Training hinkriegt. In Berlin werden schon E-Football-Turniere in Vereinen veranstaltet, an denen allerdings nur Spieler teilnehmen dürfen, die auch Mitglied eines Vereins sind.

Das könnte doch auch was für Bremen sein.

Das stimmt. Wir müssen aber auch sehen, dass viele Vereine schon am Limit sind, was das ehrenamtliche Engagement betrifft. Und jetzt kommt noch eine zusätzliche Aufgabe hinzu. Andererseits wäre das auch die Möglichkeit, junge Leute in Vereine zu holen und ihnen dann auch die Freiheit zu geben, etwas Neues zu entwickeln.

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Ist das denn überhaupt Sport?

Diese Diskussion ändert nichts, denn Fakt ist nun mal, dass sehr, sehr viele junge Menschen vor den Playstations sitzen und zocken. Das können wir als ältere Generation noch so doof finden, es ist eben die Realität. Dann kann man doch auch überlegen, ob wir das nicht nutzen, um diese jungen Menschen in die Vereine zu holen.

Zurück ins reale Fußball-Leben. Mit dem Bremer SV und FC Oberneuland dominieren zwei Teams die Bremen-Liga, der Rest ist weit zurückgefallen. Spricht das für Schwäche oder Stärke des Bremer Fußballs?

Für uns ist es wichtig, dass der Bremer Meister im Sommer in die Regionalliga aufsteigt. Dann hätten wir einen echten Vergleich, wie stark die Bremen-Liga ist. Ich glaube, dass ein Bremer Vertreter mit einer vernünftigen Planung und gutem Konzept die Chance hätte, sich dort dann auch zu halten.

Zuletzt hat Oberneulands Trainer Kristian Arambasic noch mal dafür geworben, dass einige Bremer Klubs in der Oberliga Niedersachsen mitspielen sollten, um für höhere Aufgaben besser vorbereitet zu sein.

Diese Medaille hat halt zwei Seiten. Einerseits gibt es Vereine, die sich das gut vorstellen könnten und es sportlich auch schaffen würden. Andererseits aber viele Klubs, die die Stark Bremen-Liga als die für sie maximal höchste Liga ansehen und dort eben auch gegen den Bremer SV und FC Oberneuland spielen wollen. Die Vereine müssen entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Ich bin für diese Diskussion offen, denn die gemeinsame Oberliga Niedersachsen/Bremen gab es ja schon in der Vergangenheit. Es müssten natürlich auch die Niedersachsen überzeugt werden, denn für jede Bremer Mannschaft muss perspektivisch eine aus Niedersachsen ausscheiden.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Björn Fecker (41) ist Präsident des Bremer Fußball-Verbandes, Vizepräsident des Norddeutschen Fußball-Verbandes und Mitglied im DFB-­Vorstand. Für die Grünen sitzt er in der Bremischen Bürgerschaft.

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