Präsident Hubertus Hess-Grunewald über Investoren, Werders Leistungszentrum und die Streitkultur im Klub

„Wir werden unser Herz nicht verkaufen”

Herr Dr. Hess-Grunewald, haben Sie seit der Mitgliederversammlung eigentlich schon mit Detlev Reichelt gesprochen?Hubertus Hess-Grunewald: Ich kenne Detlev seit 25 Jahren, weil ich ja auch zu dieser Fünften Herren gehöre, in der er Fußball spielt. Natürlich haben wir gesprochen.
06.12.2016, 00:00
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„Wir werden unser Herz nicht verkaufen”
Von Andreas Lesch
„Wir werden unser Herz nicht verkaufen”

Klare Ansage: Geschäftsführer und Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald.

Andreas Gumz, gumzmedia

Herr Dr. Hess-Grunewald, haben Sie seit der Mitgliederversammlung eigentlich schon mit Detlev Reichelt gesprochen?

Hubertus Hess-Grunewald: Ich kenne Detlev seit 25 Jahren, weil ich ja auch zu dieser Fünften Herren gehöre, in der er Fußball spielt. Natürlich haben wir gesprochen.

Detlev Reichelt hat auf der Mitgliederversammlung Sie für Ihre Arbeit als Präsident gelobt, Werder aber insgesamt 20 Minuten lang gehörig die Leviten gelesen und einige sportliche, wirtschaftliche und personelle Entscheidungen der Vergangenheit kritisiert. Wie fanden Sie das?

Ich habe ja gleich in meiner ersten Reaktion auf seine Ausführungen gesagt, dass Detlev uns einige kluge und hilfreiche Hinweise gegeben hat. Es waren aber auch ein paar Aussagen dabei, die nicht korrekt waren und die man nicht so stehen lassen konnte. Grundsätzlich bin ich aber sehr dafür, dass wir in einem Klima des kritischen Dialoges mit den Mitgliedern stehen. Das fand ich sehr positiv.

Sie haben ihn lange reden lassen…

… das habe ich bewusst gemacht. Es gab ja vorher schon einen langen Redebeitrag, bei dem im Saal sehr viel Unruhe aufkam und die Begrenzung der Redezeit gefordert wurde. Aber das wollte ich nicht. Wir haben früher Veranstaltungen ohne eine einzige Reaktion gehabt. Früher kam bei der Frage nach dem Wunsch nach einer Aussprache nur Schulterzucken. Und jetzt kommt mal endlich jemand, der etwas sagen möchte, und dann würde man ihn sofort wieder in die Schranken weisen? Nein, das wäre nicht in Ordnung gewesen.

Warum halten Sie den kritischen öffentlichen Austausch für wichtig?

Wenn wir es wirklich ernst meinen damit, dass wir ein demokratischer Verein sind mit den Mitgliedern als Souverän, dann müssen diese Mitglieder auch die Möglichkeit haben, direkt mit den Funktionären zu sprechen. Dieses Forum müssen wir ihnen neben dem Werder-Konvent auch an diesem Abend bieten. Wir wollen den Mitgliedern zeigen: Hier könnt ihr euch hinstellen, hier könnt ihr auch mal Dampf ablassen. Und wir Funktionäre müssen uns auch legitimieren für unsere Entscheidungen und für die Fehler, wenn sie gemacht wurden.

Jetzt ist die Kritik geäußert worden. Wie schätzen Sie das ein: Waren das Einzelmeinungen? Oder spiegeln sie eine breitere Befindlichkeit wider?

Ich glaube schon, dass es bei den Mitgliedern Fragen gibt, weil wir seit Jahren sportlich stagnieren. Deshalb sind das bestimmt keine vereinzelten Meinungen, sondern schon der Ausdruck einer bestimmten Grundstimmung und vielleicht auch Unzufriedenheit. Deshalb muss man das auch ernst nehmen. Wir werden mit Sicherheit Aspekte, die geäußert worden sind, in unseren internen Diskussionen thematisieren. Das wird nicht ungehört verhallen.

Das klingt so, als würden Sie eine neue Streit- und Diskussionskultur im Verein einführen wollen?

Ja, das ist so. Das ist mir wichtig. Wir achten darauf, dass wir nicht nur sagen, dass jeder seine Meinung auf den Tisch legen soll, sondern dass wir uns mit abweichenden Meinungen auch beschäftigen. Aber es gilt auch, dass man auch Fehler machen darf. So halte ich es auch mit meinen Mitarbeitern. Jeder kann sich bei mir sicher sein, dass ich ihn dann auch schütze. Diese Streitkultur wird spürbar besser.

Sie haben auf der Mitgliederversammlung auch gesagt, dass die Gremien und Abteilungen ihre Rolle und ihre Einflussmöglichkeiten mit deutlich mehr Selbstbewusstsein wahrnehmen. Was heißt das?

Ein Beispiel: Bei der Hauptversammlung, in der der alte Aufsichtsrat entlastet und der neue eingesetzt wird, waren diesmal nicht nur das dreiköpfige geschäftsführende Präsidium anwesend, sondern viele Mitglieder des Gesamt-Präsidiums. Damit zeigt der Verein: Hier sind wir, wir wollen auch unsere Stimme erheben. Zum Beispiel auch, wenn es um die Frage nach einem Investor und der Zukunft von 50+1 geht, also der Vorgabe, dass der Verein beim Einstieg eines Investors immer die Mehrheit haben muss. In dieser Frage haben wir uns klar positioniert, und dabei bleibt es: Wir werden unser grün-weißes Herz nicht verkaufen.

Ein Thema mit viel Diskussionsstoff ist auch die Zukunft des Nachwuchsleistungszentrums. Sie haben angedeutet, dass der Standort in der Pauliner Marsch am Weserstadion hinterfragt werden muss. Wie waren die ersten Reaktionen?

Ich hatte gleich am Tag nach der Mitgliederversammlung einen schon länger anberaumten Termin mit der Sport- und Sozialsenatorin Anja Stahmann und ihrem Staatsrat Jan Fries, die das Leistungszentrum besichtigt haben. Das passte natürlich wunderbar. Und wir haben inzwischen auch mit den Vertretern aller Fraktionen im Beirat darüber gesprochen, welchen Zukunftsfragen wir uns stellen müssen.

Wie kann die Politik Werder denn helfen?

Indem man gemeinsam nach Lösungen sucht. Indem man die bürokratischen Hemmnisse nicht zu groß macht. Dass man konstruktiv schaut und sagt: Wir wollen hier etwas möglich machen und nicht etwas verhindern.

Wie war’s denn mit Frau Stahmann?

Ich habe eine sehr sachkundige und wohlwollende Senatorin erlebt, die gesagt hat: Es kann ja nicht sein, dass Werder überlegt, hier wegzuziehen.

Aber so leicht wird es ja wohl nicht gehen.

Nein, das ist ein sehr komplexes Thema. Mit der Standortfrage geht es natürlich auch um ein Stück Werder-Identität. Aber Fakt ist auch: Mittelfristig können wir mit den hochmodernen Leistungszentren wie in Hoffenheim und Leipzig unter den jetzigen Voraussetzungen nicht mithalten. Wir müssen Antworten auf unsere Fragen finden. Das ist einfach so.

Also neu und größer bauen etwas außerhalb der Stadt?

So einfach ist es nicht. Wir halten den Standort nach wie vor für attraktiv. Er ist ein Stück Werder-DNA, das sagt ja schon unser Name aus. Wir haben hier eine enge Verzahnung und ein räumliches Miteinander. Hier trainieren die Profimannschaft, die U 23 und alle Nachwuchsteams. Wir haben das Internat, die Geschäftsstelle. Das ist ein Faustpfand, das wir ungern aus der Hand geben möchten.

Andererseits…

… haben wir ein paar Dinge, an denen wir nicht vorbeikommen. Wir haben ein Hochwasserproblem. Das Stadion ist jetzt geschützt, aber der Rest ist es nicht. Und wir haben hier die besondere Problematik mit dem Naherholungsgebiet und den Anwohnerrechten. Das ist eine der ganz großen Zukunftsfragen für Werder Bremen. Was machen wir? Wir haben Tradition. Wir sind Werder, und deshalb sind wir hier auf dem Peterswerder und eben nicht auf einer Wiese im niedersächsischen Umland zu Hause.

Was wäre Ihnen persönlich am liebsten?

Ich würde gern am Standort bleiben.

Werder bekommt vom DFB regelmäßig drei Sterne für sein Leistungszentrum, das ist die höchste Auszeichnung. Sind die drei Sterne gefährdet?

Ja. Weil die Anforderungen, an denen wir gemessen werden, dynamisch sind. Die wachsen stetig.

Zum Beispiel?

Es geht um Fragen wie: Haben die Leistungsmannschaften eine eigene Kabine? Da müssen wir sagen: Nein, haben wir nicht. Oder: Sind die Kabinen 24 Quadratmeter groß? Nein, sie sind nur 20 Quadratmeter groß. Früher reichten 20 Quadratmeter, jetzt nicht mehr.

Sie waren in Leipzig bei RB – was haben Sie da gesehen?

In Leipzig haben die U 19 und die U 17 einen eigenen Wellness-Bereich. Und die Profis noch einmal einen ganz eigenen. Davon können wir nur träumen.

Ein Architekt ist beauftragt, zwei Entwürfe zu machen. Einmal für hier am Weserstadion und einmal für einen ganz neuen Standort. Wie ist da der Stand?

Es gibt jetzt eine Begehung. Wir müssen klären: Wie viel mehr Platz brauchen wir eigentlich? Brauchen wir mehr Kabinen, mehr Besprechungsräume, mehr Behandlungsräume? Die Bestandsaufnahme ist gemacht. Jetzt plant der Architekt, der auch die Trainingszentren von Bayern und Dortmund konzipiert hat: Variante Rennwagen und Variante Mittelklasseauto. Sowohl für den Standort am Weserstadion als auch für alternative Flächen.

RB Leipzig hat allein 33 Millionen Euro für das Gebäude ausgegeben, heißt es. Wer soll das hier in Bremen bezahlen?

(lacht) Das ist dann erst der nächste Schritt. Wir haben über die Finanzierung im Detail noch gar nicht sprechen können, weil wir erst mal die Größenordnung festlegen müssen. Andere Vereine wie der HSV haben Anleihen aufgenommen. Ob das für uns infrage kommt? Da bin ich erst mal vorsichtig.

Beim SC Freiburg hieß es mal: Wir investieren in Steine statt in Beine.

Genau das müssen wir auch hier in der Geschäftsführung diskutieren. Es gibt demnächst mehr Geld aus dem Fernsehvertrag. Dann muss man schauen, ob man die Millionen in zwei neue Spieler investiert oder ob man etwas zurücklegt oder in die Infrastruktur investiert. Wir sind der Meinung, dass es ein Mix aus allem sein sollte.

Das wird aber kaum reichen. Wäre das dann nicht auch etwas für einen Investor?

Ja, das wäre auch ein Projekt für einen Investor oder Sponsor. Man kann dem Leistungszentrum ja zum Beispiel auch einen Namen geben.

Wie sehr hilft bei der Suche der neue Aufsichtsrat? Dort sitzen jetzt etwa der Bauunternehmer Kurt Zech oder Thomas Krohne mit vielen Verbindungen weltweit.

Das war ja ein entscheidender Teil bei der Kandidatenfindung. Wir wollten den Aufsichtsrat bewusst mit mehr wirtschaftlicher Kompetenz ausstatten. Natürlich gibt es dann Stimmen, die sagen: Da muss mehr Fußballverstand rein. Aber ein Aufsichtsrat nur mit Ex-Profis kann auch nicht funktionieren, glaube ich. Und nicht zu vergessen: Wir haben Marco Bode und auch Axel Plaat, der als Trainer mit unserer A-Jugend 1999 Deutscher Meister und 2000 Vizemeister geworden ist.

Die wirtschaftliche und die konzeptionelle Weiterentwicklung eines Vereins ist das eine. Es gibt auch noch das Sportliche. Das A und O, sagt man.

So ist das.

Wie nehmen Sie die aktuelle Situation wahr?

Die Tabelle können wir alle lesen. Aber wir haben trotz nur elf Punkten ein gutes Gefühl. Wir haben viel bewegt und sind von den Entscheidungen überzeugt, dass sie noch Früchte tragen werden. Wir haben Substanz, wir haben einen Plan, wir wollen junge Leute entwickeln. Natürlich ist die Situation mit Platz 14 im Moment mehr als unbefriedigend. Aber der Erfolg wird sich einstellen, wenn wir diesen Weg konsequent weitergehen.

Das hat man vor drei, vier Jahren auch schon gedacht. Wo kommt die Zuversicht jetzt her?

Man darf nicht vergessen, dass wir im ersten Jahr unter Viktor Skripnik am 34. Spieltag noch um Platz sieben gespielt haben. Das wäre damals fast die Europa-League-Quali gewesen. Wir haben jetzt das Gefühl, dass es mit Alexander Nouri passt. Er kommt aus den eigenen Reihen, identifiziert sich sehr mit Werder, hat frischen Wind gebracht, hat klare Vorstellungen. Wenn wir diesen Weg weitergehen, dann wird auch der Erfolg kommen.

Der Sieg gegen den Abstiegskandidaten FC Ingolstadt war aber ganz schön wackelig.

Es sind drei Punkte, die unserem Team Rückenwind geben, die uns weiter motivieren müssen, die nächsten Punkte zu holen. Nicht mehr, nicht weniger. Ich hatte nach den ersten Reaktionen nach der Partie aber schon den Eindruck, dass dieses Spiel von unserer Sportlichen Leitung und den Spielern auch genau richtig eingeordnet worden ist.

Und wenn es den nächsten Rückschlag gibt?

Wir haben sicher kein leichtes Restprogramm, aber ich denke, dass wir trotzdem realistische Chancen haben, noch Punkte zu holen. Und das schon am kommenden Samstag. In Berlin haben wir ja in den letzten Jahren nicht schlecht ausgesehen. Und wenn es nicht klappt, dann werden wir nicht den Spielbetrieb in der Bundesliga einstellen oder gar die Selbstauflösung von Werder beschließen, sondern weitermachen. Dann bietet die nächste Woche immer die nächste Chance. Das ist ja das Gute an diesem Geschäft.


Das Gespräch führte Marc Hagedorn.

Zur Person

Hubertus Hess-Grunewald ist Präsident des Gesamtvereines SV Werder Bremen sowie Mitglied der Geschäftsführung von dessen Profisportsparte. In beiden Funktionen folgte er auf Klaus-Dieter Fischer. Der Jurist Hess-Grunewald ist 56 Jahre alt und verheiratet.
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