Abschaffen des Springreitens „Wird fairerer Sport“: Fünfkampf modernisiert sich

Tokio war für den Modernen Fünfkampf eine Zäsur. Nun will die Sportart ihrem Namen gerecht werden und schafft das Reiten ab. Die Ersatzdisziplin steht in Ankara erstmals auf dem Prüfstand.
28.06.2022, 22:23
Lesedauer: 4 Min
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Von dpa

Marvin Dogue will sich am liebsten gar nicht mit dem Thema beschäftigen.

„Ich habe jetzt schon fünf Sportarten, die betreibe ich professionell, und was danach kommt, wird man sehen“, sagte der Potsdamer nach seinem Titelgewinn bei den international besetzten deutschen Meisterschaften im Modernen Fünfkampf in Berlin. Doch verschließen kann sich der 26-Jährige dem bevorstehenden Umbruch nicht: Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris findet der Moderne Fünfkampf letztmals mit Springreiten statt.

Mit großem Tamtam hat der Weltverband UIPM am Montag und Dienstag erstmals die Ersatzdisziplin in Ankara getestet - einen Hindernis-Parcours, der dem „Ninja Warrior“ aus der gleichnamigen RTL-Show ähnelt. Auf einer Strecke von 100 Metern waren neun Hindernisse zu bewältigen. Dazu gehörten unter anderem Schwingen am Seil, Überwinden einer rund 2,5 Meter hohen Leiter mit Auf- und Abstieg, Balancieren auf einem Balken sowie zum Abschluss das Erklimmen einer gebogenen Wand, der so genannten Tsunami Wall.

„Richtig gute Sache“

„Das ist eine richtig gute Sache“, sagte Robin Schmidt, Pressesprecher des Deutschen Verbandes für Modernen Fünfkampf (DVMF), der Deutschen Presse-Agentur. Die fünfköpfige deutsche Delegation unter den 19 teilnehmenden Nationen schnitt in Ankara erfolgreich ab. Tobias Hierl gewann den Wettbewerb bei den Männern, Schmidt belegte ebenso Rang drei wie Annika Schneider bei den Juniorinnen.

Der Parcours habe einen „Anforderungscharakter, der Spaß gemacht hat. Es passiert immer was“, berichtete Schmidt. Man müsse Risiko gegen Sicherheit abwägen, die Sportart spreche auch andere Kraftbereiche an. Er plädierte dafür, dass der Hindernis-Wettbewerb wie jetzt das Reiten an den Anfang des Fünfkampfes gesetzt wird. „Das ist ein guter Einstieg in den Wettkampf.“

Weltverbandschef Klaus Schormann war hochzufrieden: „Der Kursaufbau war dynamisch und herausfordernd und stellte die einzigartige Vielseitigkeit und das Können von Fünfkämpfern auf die Probe“, wurde der 75-jährige Deutsche auf der UIPM-Homepage zitiert: „Den Athleten hat der Wettkampf sehr viel Spaß gemacht - man konnte die Aufregung in ihren Gesichtern und in ihren Interviews danach sehen und spüren. Es war ein toller erster Schritt in eine jugendliche, urbane und gut zugängliche Zukunft für unseren Sport.“ Der Hindernis-Parcours werde den Fünfkampf „in eine TV-freundliche Multisportart verwandeln, die nachweislich jüngere Fans und kommerzielle Partner auf der ganzen Welt anspricht“.

Mit dem neuen Format will der Weltverband seinen Olympia-Status erhalten und auch 2028 in Los Angeles wieder zum Programm gehören - Stand jetzt ist die Sportart nicht dabei.

Umbruch überfällig

Für Michael Dörr ist der Umbruch überfällig. „Es heißt ja Moderner Fünfkampf, also dürfen wir auch modernisieren - und müssen es auch“, sagte der Präsident des deutschen Verbandes der dpa. Er ist bekennender Reit-Fan - macht sich aber stark für die Abschaffung der umstrittenen Disziplin. „Wir losen ein Pferd zu und müssen gucken, wie wir klarkommen. Insofern degradieren wir ein Lebewesen zum Sportgerät. Das lässt das Reglement auch gar nicht anders zu“, monierte er.

Für den ehemaligen Frauen-Bundestrainer ist das Reiten „ein Relikt aus der Vergangenheit“, aus der Zeit um 1900 oder 1910, „als jeder noch ein Pferd hatte, als das Pferd Haupttransportmittel war“. Und weiter: „Das ist ein Zopf, der nicht mehr in die heutige Zeit passt. Aufwändig, teuer, nur wenige Nationen können sich das leisten.“

Mit der Streichung des Reitens reagiert der Weltverband auf die Vorfälle bei den Olympischen Spielen in Tokio im vorigen Jahr und Vorgaben des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). In Japan hatte die Deutsche Annika Schleu für Aufsehen und scharfe Kritik gesorgt. Die damals Führende im Zwischenklassement war mit einem ihr zugelosten und völlig verunsicherten Pferd nicht zurechtgekommen; sie hatte verzweifelt Gerte und Sporen eingesetzt. „Das war der Katalysator. Es ist halt die blöde Situation, dass es so ein brutaler Einschnitt gewesen ist“, sagte Dörr. Die Veränderung, davon ist der Ex-Fünfkämpfer überzeugt, wäre aber auch so gekommen.

Die IOC-Forderung lautet, dass der fünfte Wettbewerb neben Fechten, Schwimmen und dem Laserrun aus Pistolenschießen und Laufen unter anderem weltweit zugänglich, unter allen Altersklassen populär, dynamisch und attraktiv für Zuschauer weltweit sein sowie kostengünstig und leicht verständlich sein muss.

„Zuschauer müssen es mögen“

Der Hindernis-Parcours ist für Dörr genau der richtige Weg. „Es wird auf jeden Fall ein fairerer Sport. Denn jetzt hat der Athlet alles selbst in der Hand. Er bestimmt, ob er einen Fehler macht oder nicht. Der Sport wird nicht nur fairer, sondern auch globaler. Natürlich bekommen die Etablierten jetzt mehr Konkurrenz“, urteilte er. Sein Lieblingskriterium für die Hindernisse: „Spektakulär. Die Zuschauer müssen es mögen.“

Dogue, der sich selbst als guten Reiter einschätzt und kürzlich gemeinsam mit Janine Kohlmann aus Potsdam in Ankara Weltcup-Zweiter im Team-Mixed wurde, bereitet sich derzeit auf die Weltmeisterschaften im ägyptischen Alexandria Ende Juli und perspektivisch auf Olympia in Paris vor. „Momentan beschäftige ich mich damit relativ wenig, denn ich fokussiere mich auf die Olympischen Spiele 2024, die sind mit Reiten. Was danach kommt, kommt danach“, sagte der Potsdamer. Doch die Vorboten der Veränderung bekam er schon in Berlin zu spüren: Die Meisterschaften fanden ohne Springreiten statt.

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