Finanzvorstand Wüstefeld-Aus beim HSV: Machtkampf vorbei, Fragen offen

Seit Wochen wurden immer neue Vorwürfe gegen den Unternehmer Thomas Wüstefeld laut. Jetzt trat er als Finanzchef und Aufsichtsrat des HSV zurück. Ruhe für den Club bedeutet das aber noch lange nicht.
29.09.2022, 10:24
Lesedauer: 4 Min
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Von dpa

Hannover 96 gegen den Hamburger SV - das ist am Freitagabend nicht bloß ein Zweitliga-Spitzenspiel vor 49.000 Fans. Es ist auch das Duell zweier Traditionsclubs mit einem aktuell ähnlich stark ausgeprägten Hang zur Selbstdemontage. Doch während die Vereinsführung der 96er noch drei Wochen Zeit hat, um dem Oberlandesgericht neue Gründe für die Absetzung des Profifußball-Bosses Martin Kind nachzuliefern, endete der monatelange Vorstandskrach beim HSV am späten Mittwochabend mit einem großen Knall: Der umstrittene Thomas Wüstefeld erklärte nach immer neuen Anschuldigungen gegen seine Person seinen Rücktritt - als Finanzvorstand und auch als Aufsichtsrat HSV Fußball AG. Seine 5,11-Prozent AG-Anteile will er jedoch behalten.

„Ich habe das Vertrauen in Teile des Aufsichtsrats verloren, aus dem viele vertrauliche Nachrichten an die Öffentlichkeit gelangt sind“, sagte Wüstefeld der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag. Er stehe aber weiterhin zur Aufklärung aller Vorwürfe zur Verfügung. „Wir werden das Stück für Stück aufarbeiten und aufklären.“

Der 53 Jahre alte Medizinunternehmer informierte das Kontrollgremium schon vor einer kurzfristig einberufenen Sitzung. Der Aufsichtsrat beschloss daraufhin einstimmig, dass der Sportchef und Wüstefeld-Gegner Jonas Boldt vorerst als alleiniger Vorstand die Geschäfte des sechsmaligen deutschen Meisters leiten wird. Allerdings läuft auch Boldts Vertrag nach dieser Saison aus und über eine Verlängerung hat der Aufsichtsrat noch nicht entschieden. Wüstefelds Auch bedeutet folglich nicht, dass beim HSV auch Ruhe einkehren wird.

Denn der Fall Wüstefeld ist selbst für diesen mit allerlei Zerwürfnissen und Machtkämpfen vertrauten Club eine neue Dimension. Millionenforderungen gegen seine Firmen, Betrugsvorwürfe anderer Unternehmer, Zweifel an seinen Doktor- und Professor-Titeln: Beinahe wöchentlich wurden immer neue Vorwürfe gegen den Unternehmer bekannt. Wüstefeld weist sie alle zurück und wittert eine Kampagne gegen sich. Trotzdem kam er mit seinem Rücktritt offenbar einer Absetzung durch den Aufsichtsrat zuvor. Denn nach übereinstimmenden Medienberichten waren die Mehrheitsverhältnisse in dem Gremium zuletzt unter dem Eindruck der Ereignisse zu seinen Ungunsten gekippt.

Investor Klaus-Michael Kühne hatte dem „Hamburger Abendblatt“ bereits im August gesagt, „dass er hoffe, dass Dr. Wüstefeld beim HSV recht bald Geschichte sein wird“. Wer jedoch bis zuletzt an ihm festhielt, war der Aufsichtsrats-Chef Marcell Jansen - was dem Erscheinungsbild des Clubs in dieser schweren Krise jedoch nur noch weiter schadete.

Denn Wüstefeld und Jansen hatten bereits eine Geschäftsbeziehung, bevor der Medizinunternehmer 2021 zunächst 5,11 Prozent der Anteile an der HSV Fußball AG übernahm, dann in den Aufsichtsrat aufgenommen und im Januar auch noch zum Nachfolger des zurückgetretenen Finanzvorstands Frank Wettstein bestellt wurde. So sitzt Wüstefeld unter anderem im Kuratorium eines Jansen-Unternehmens.

Der frühere Nationalspieler schritt in seiner Rolle als Chef-Kontrolleur weder ein, als sich die beiden Vorstände Boldt und Wüstefeld im Sommer einen Machtkampf auf offener Bühne lieferten, noch als die Verhältnisse beim HSV später immer undurchsichtiger und widersprüchlicher wurden. Ein Beispiel dafür ist die dringend nötige Sanierung des Volksparkstadions für die EM 2024.

Die Stadt Hamburg hatte dem HSV 2020 für 23,5 Millionen Euro das Grundstück abgekauft, auf dem die Arena steht. Die Bedingung: Der Club muss das Geld für die Stadionsanierung verwenden. Dass der HSV die Millionen stattdessen in den laufenden Betrieb steckte und das Geld für die Sanierung nun anderswo auftreiben muss, haben noch Wüstefelds Vorgänger zu verantworten.

Dass der Finanzchef jedoch Millionenlöcher stopfen und vor dem Haushaltsausschuss der Bürgerschaft aussagen musste, während er zeitgleich Pläne für ein 200-Millionen-Euro-Projekt am Stadionareal vorstellte, passte nicht zusammen. Das schadete der Glaubwürdigkeit des Clubs zusätzlich. Auch wenn Wüstefeld dazu am Donnerstag sagte, dass der Auslöser für seinen Rücktritt genau jene Anhörung im Rathaus vor einer Woche gewesen sei, „wo ich im Kreuzfeuer stand und Dinge rechtfertigen sollte, die ich nicht zu verantworten habe“.

Wüstefelds Rücktritt hat nun zwar vorerst einen großen Machtkampf beim HSV beendet, aber längst nicht alle offenen Fragen geklärt. Auf dem Tisch liegt ein 120-Millionen-Euro-Angebot des Investors Kühne, der damit die akuten Finanzprobleme lösen könnte, dafür aber auch seine Anteile von aktuell rund 15 auf 39,9 Prozent erhöhen möchte. Mit Wüstefelds Abgang ist aber nur die erste Bedingung für Kühnes Sonderinvestition erfüllt. Für eine Anteilserhöhung in dieser Größenordnung müsste der HSV immer noch seine Satzung ändern.

Hinzu kommt: Die Position des Aufsichtsrats-Chefs Jansen ist massiv geschwächt und der einzige verbliebene Vorstand Boldt muss nun mit einer Vertragsrestlaufzeit von nur neun Monaten gewaltige sportliche und wirtschaftliche Herausforderungen meistern. Sein Vorteil ist: Nach der Fehde mit dem ehemaligen Vorstands-Chef Bernd Hoffmann setzte sich Boldt nun schon in dem zweiten großen Machtkampf in weniger als drei Jahren durch. Dazu pflegt er ein enges Verhältnis mit Trainer Tim Walter, der die Mannschaft bislang erfolgreich von allen Querelen im Club ferngehalten hat. Zum Topspiel nach Hannover reist der HSV am Freitag immer noch als Tabellenführer.

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