Segel-Champions-League WV Hemelingen die Nummer drei in Europa

Damit hatte niemand gerechnet: Der Außenseiter aus Bremen stieß auf dem St. Moritzersee in die Vorherrschaft berühmter Jachtklubs hinein. Die Segelkameradschaft Das Wappen von Bremen belegte Rang 24.
03.09.2018, 19:55
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WV Hemelingen die Nummer drei in Europa
Von Jörg Niemeyer

Der Wassersportverein Hemelingen (WVH) hat seiner Erfolgsgeschichte ein fast unglaubliches Kapitel hinzugefügt: Beim Finale der Segel-Champions-League auf dem St. Moritzersee in der Schweiz stieg der krasse Außenseiter aus Bremen tatsächlich aufs Siegerpodest. Das Quartett um Steuermann und Kapitän Jan Seekamp sicherte sich nach vier kuriosen Regattatagen hinter dem neuen Titelträger Circolo della Vela Bari (Italien) und Société Nautique de Genève (Genf/Schweiz) und vor dem Norddeutschen Regatta-Verein (NRV) aus Hamburg den dritten Platz.

Die Segelkameradschaft Das Wappen von Bremen landete unter 31 Teams – Titelverteidiger Costa Smeralda fehlte – auf dem 24. Rang. „Mit diesem Ergebnis hatten wir selbst nicht gerechnet“, sagte Seekamp, der mit Jens Tschentscher, Björn Schütte und Tjorben Wittor allerdings keine Zeit hatte, die Überraschung gebührend zu feiern. Am Sonntag um 15 Uhr war das Finale beendet, am Montag früh um 1 Uhr kam Seekamp bereits wieder per Auto in Bremen an – die Arbeit rief.

Umso erstaunlicher, dass die in der Bundesliga für Aufsehen sorgende Amateur-Crew aus der Hansestadt nun auch mit der europäischen Segelelite mithielt. Der mit Profis besetzte Klub aus Bari trat mit dem Matchrace-Europameister von 2014, Simone Ferrarese, an. Der Zweitplatzierte, die Société Nautique de Genève, ist der größte Jachtverein der Schweiz, dessen herausragende Triumphe 2003 und 2007 die Siege des Alinghi-Teams von Ernesto Bertarelli im America’s Cup waren.

"Am Ende will man dann auch aufs Podest"

Noch vor dem renommierten Norddeutschen Regatta-Verein auf Platz vier waren die Hemelinger also mitten hinein in die Phalanx der Arrivierten gestoßen. Was außer den Bremern zunächst allerdings niemand realisiert hatte. Der NRV hatte seinen vermeintlichen dritten Platz schon kräftig bejubelt, als ein Einspruch des WVH gegen die Wertung die Bremer doch noch aufs Siegerpodest beförderte.

„Ein hart erkämpfter dritter Platz“, sagte Jan Seekamp. Ein Kampf, den die Crew erst auf dem Wasser und dann an Land austragen musste. Ein Kampf, der die Freude beim Außenseiter trübte, weil er jegliche Spontanität nach der großartigen Leistung unterband. "Aber am Ende will man dann auch aufs Podest", sagte Seekamp, dessen Crew ursprünglich mit einer Top-10-Platzierung schon zufrieden gewesen wäre.

Auslöser des Durcheinanders war das Reglement, das in der in Englisch gehaltenen Ausschreibung anders verfasst war als es die Veranstalter gemeint hatten. Doch die Bremer, allen voran Crew-Mitglied Björn Schütte mit seinen guten Englisch-Kenntnissen, überzeugten die Wettkampfleitung schließlich, dass der WVH mit knappem Vorsprung vor dem NRV zu platzieren sei. Mit einem Sieg im letzten Rennen hätten die Hemelinger sogar als Gesamtzweite ins Ziel kommen können. „Aber das wäre des Guten vielleicht zu viel gewesen“, räumte Seekamp nach vier sportlich turbulenten Tagen lachend ein.

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Turbulent war das Champions-League-Finale, weil entgegen der Ankündigung der Veranstalter auf dem 1768 Meter hoch gelegenen St. Moritzersee keinesfalls ständig Winde mit einer Stärke von zwei bis vier wehten. Nur am ersten Wettkampftag herrschten ideale Bedingungen: die versprochenen zwei bis vier Windstärken, strahlender Sonnenschein.

So konnten immerhin vier sogenannte Flights – also insgesamt 16 Rennen, in denen jeder Verein viermal zum Zuge kam – stattfinden. Dafür herrschte am Freitag kompletter Stillstand: kein Wind, kein Rennen. Da auch am Sonnabend und Sonntagvormittag nur noch insgesamt vier weitere Flights zustande kamen, bestand die Vorrunde nur aus acht statt der normal üblichen 15 Rennen für alle.

Zum Glück hatten die Hemelinger sich in den wenigen Vorläufen hervorragend präsentiert. Mit unter anderem zwei ersten Plätzen qualifizierten sie sich als viertbester Klub für das Finale der besten Vier. Und wieder machte das Wetter den Teilnehmern einen Strich durch die Rechnung. Statt maximal möglicher vier weiterer Rennen gestattete der Wind nur ein einziges, das die Bremer hinter Bari als Zweite beendeten.

International beachteter Erfolg

Dieses eine Rennen wirbelte das Klassement komplett durcheinander. Hatten die Genfer mit 20 Punkten die Vorläufe noch als Erste beendet, rutschten sie nach Platz vier im Finale – dafür kassierten sie weitere vier Punkte – auf den zweiten Gesamtrang ab. Für die Italiener aus Bari, die sich mit einem fulminanten Finish noch den Sieg im Finalrennen holten, passte damit alles zusammen: Sie kassierten als Erster nur einen Punkt und triumphierten am Ende mit insgesamt 22,71 Zählern vor den Genfern (plus vier im Finale/gesamt: 24), den Hemelingern (plus zwei/ 24,86) und dem NRV aus Hamburg (plus drei/25).

"Unser Vorteil war, dass wir einfach drauflos fahren konnten", resümierte Jan Seekamp. Während etablierte Klubs wie der NRV angesichts hoher Erwartungen gute Ergebnisse liefern müssten, "machen wir uns höchstens selbst Druck". So segelten die Hemelinger nach erfolgreicher Qualifikation zunächst in der Bundesliga und dann beim Halbfinale der Champions League unbeschwert zu ihrem nächsten, diesmal auch international beachteten Erfolg. Wann der dritte Platz in St. Moritz gebührend gefeiert werden kann, weiß Seekamp nicht. "Wahrscheinlich erst nach dem Saisonende", sagte er und blickte bereits auf die kommende Bundesliga-Runde am übernächsten Wochenende in Kiel.

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