Wieder beschert ein direkt verwandelter Junuzovic-Freistoß Werder unverhofftes Glück – diesmal nach einer miserablen Halbzeit noch ein 1:1 Zlatkos Schokoladen-Schuss

Hannover. Es hat schon Tage gegeben, da trat Zlatko Junuzovic zu einem Freistoß an – und ein ganzes Stadion wurde unruhig. Weil ein Tor in der Luft lag.
10.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Zlatkos Schokoladen-Schuss
Von Olaf Dorow

Es hat schon Tage gegeben, da trat Zlatko Junuzovic zu einem Freistoß an – und ein ganzes Stadion wurde unruhig. Weil ein Tor in der Luft lag. Weil sich dieser Zlatko Junuzovic im Laufe dieser Saison in einen der gefährlichsten Freistoßschützen Europas verwandelt hat. Nur wenige Männer haben in solcher Regelmäßigkeit ruhende Bälle ins Netz gezirkelt wie der Bremer Mittelfeldspieler. Als der Österreicher in der 78. Minute nun in Hannover Maß nahm, wurde da jemand unruhig?

Eher nicht. Es war nicht seine Schokoladenseite, von der er Anlauf nahm. Und vor allem: Es lag kein Werder-Tor in der Luft. Überhaupt nicht. Junuzovic lief an und stürmte kurz danach in die nahe gelegene Bremer Fankurve. Sein Schuss hatte gesessen und Werder das 1:1 beschert. 96-Profi Edgar Prib war noch flugs auf die Linie zurückgeeilt, weswegen er 96-Torwart Ron-Robert Zieler aber eher behinderte, als dass er ihm half. Es schlug ein über beziehungsweise neben Prib und Zieler. Jetzt konnten sich nicht nur die beiden ärgern, und auch nicht nur die 96-Verteidiger Albornoz und Marcelo, die zuvor ungeschickt gegen Davie Selke vorgegangen waren und unnötigerweise den Freistoß verursacht hatten. Es konnte sich – abzüglich der Bremer Fans – ein ganzes Stadion ärgern. In Hannover meinen nun viele, dass 96 absteigen wird.

96 hat wieder nicht gewonnen, Werder hat wieder nicht verloren. Beides war nach dem Abpfiff vielleicht nicht etwas, das man mit einem Wunder verwechseln sollte. Aber verwundert durfte man schon sein. Bis zu jener 78. Minute hätte man zum Beispiel fragen können, ob der Zlatko Junuzovic überhaupt mitspielt. Und wer versuchte, die Bremer Torchancen zu addieren, kam auf null. Es sei denn, ein harmloser Torschuss und ein Kopfball nach einer Ecke, der über das Gebälk sauste, werden als Torchance definiert.

Werder hatte – wieder gegen eine vom Abstieg bedrohte und verzweifelt kämpfende Mannschaft – nicht nur eine erste Halbzeit hingelegt, die als nahtlose Fortsetzung der schwachen Spiele in Stuttgart und Paderborn daherkam. Es war noch schlechter. „Das war abgesehen vom Bayern-Spiel unsere schlechteste Halbzeit der Saison“, urteilte Werders Geschäftsführer Thomas Eichin, „die war unterirdisch, die können wir komplett vergessen.“ Ein Allerweltsschuss von Clemens Fritz war in der 45. Minute der erste Bremer Torschuss, eine Ecke für Werder gab es erstmals in der 60. Minute.

Das Bremer Spiel bestand daraus, dass ständig jemand wegrutschte, zu spät oder gar nicht an den Ball kam, man nur in Ausnahmefällen mal den gut postierten Nebenmann fand. Zielgerichtete Kombinationen? Fehlanzeige. „Hannover hat befreit aufgespielt“, beschrieb Freistoßkünstler Junuzovic etwas, das man ja anders herum eher hätte erwarten dürfen. Doch es war der um die Existenz in der Bundesliga bangende Gastgeber, der nicht nur den kraftvolleren, sondern auch den besseren Fußball hinbekam. Werder? Wirkte so, als ob die Spieler nur so taten, als wären sie auf dem Platz.

Der Trainer reagierte. Viktor Skripnik tauschte schon zur Halbzeit Philipp Bargfrede und Izet Hajrovic gegen Fin Bartels und Levin Öztunali aus. Und weil jetzt zudem auch 96 den Fehler beging, nicht weiter mit Schmackes draufzugehen, änderte sich das Bild. Werder wirkte – ohne zu brillieren – jetzt etwas strukturierter. Hannover 96, das in dieser Rückrunde noch nicht ein einziges Mal gewonnen hatte, wurde unruhiger. Es rächte sich für 96, dass die guten Chancen aus der ersten Hälfte liegen gelassen wurden. Fehler schlichen sich ein. Wie jener verhängnisvolle von Marcelo und Albornoz vor dem verhängnisvollen Freistoß. Marcelo wusste sich gegen Davie Selke schließlich nicht anders zu helfen, als ihn zu foulen. Das Schicksal für 96 nahm seinen Lauf. Werder bekam sein kleines Happy End, das nach Junuzovic’ perfekt geschossenem Freistoß beinahe sogar noch ein großes geworden wäre. In der dritten und letzten Minute der Nachspielzeit ergab sich eine der besten Gelegenheiten des gesamten Spiels, Clemens Fritz verpasste sie nur knapp.

Zuvor gab es schon einmal eine Möglichkeit zu einem Bremer 2:1, das dieses Spiel tatsächlich in ein zumindest mittleres Wunder verwandelt hätte: Junuzovic trat in der 86. Minute zu einem weiteren Freistoß an. Diesmal auf seiner halblinken Schokoladenseite. „Eigentlich war das eine bessere Situation für mich als beim ersten Freistoß“, sagte der (Bremer) Mann des Tags hinterher. Doch der Ball verfehlte sein Ziel knapp, es wäre vielleicht wirklich des Guten zu viel gewesen, wenn Werder dieses Spiel noch als Sieger verlassen hätte. Junuzovic durfte – so wie auch sein Trainer – auch so stolz sein, dass Werder in der zweiten Hälfte doch noch mal die Kurve gekriegt und erneut gegen einen schwer kämpfenden Gegner auswärts einen Punkt ergattert hatte.

Denn daran musste nach dem Spiel immer wieder erinnert werden: Werder hat die Chance auf den Europacup, als eine Mannschaft, die noch vor wenigen Monaten ein Abstiegskandidat war. „Wir waren unter der Erde“, sagte Viktor Skripnik. Zlatko Junuzovic sagte: „Wir kamen aus der Hölle.“

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