Zu Gast in einer anderen Welt

Es riecht ein wenig nach Schweiß. Die Polyesterstoffe, aus denen die meisten Kostüme bestehen, haben ganze Arbeit geleistet.
14.03.2017, 00:00
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Zu Gast in einer anderen Welt
Von Malte Bürger
Zu Gast in einer anderen Welt

Schwungvoll durch die Choreografie: Das A-Team der TSG Ars Nova landete auf Rang zwei.

Björn Hake

Es riecht ein wenig nach Schweiß. Die Polyesterstoffe, aus denen die meisten Kostüme bestehen, haben ganze Arbeit geleistet. Dabei ist noch nicht einmal getanzt worden. Wobei das nun auch nicht ganz richtig ist. Überall zuckt es, herrscht reges Treiben. Es wird geschminkt, gescherzt, gebrüllt, gerannt, gelacht, genäht, gesungen und ja, auch schon getanzt. Mitten auf dem Gang, zwischen Tischen und Stühlen, im Toilettenbereich. Ein paar Schritte hier, eine kurze Drehung dort. Ganz normaler Alltag bei einem Formationsturnier der Regionalliga Nord, die Aller-Weser-Halle in Verden gleicht folglich einer Ameisenfarm. Das ständige Wuseln hinter den Kulissen gehört einfach dazu. Wieder flitzt eine künstlich gebräunte Dame vorbei, ein Träger ihres Kleides ist gerissen. „Kannst du nochmal eben...?“, fleht sie. Ein Mitglied ihres Teams kann. Und muss. In wenigen Minuten beginnt die Vorrunde.

Eines steht bereits nach einem flüchtigen Blick durch die Flure fest: So künstlich und affektiert das Gehabe auf der Tanzfläche mitunter auch aussehen mag – die Lateintänzer selbst lieben ihren Sport. Mit Leib und Seele. Und nicht nur das. Sie lieben die Musik, den Rhythmus, die Bewegung, das ganze Drumherum. Dieses Gefühl, das sich im Körper ausbreitet, wenn die ersten Noten ertönen. Dieser Drang, sich jetzt komplett diesen Klängen hinzugeben und den eigenen Beinen, den Hüften, den Armen fast freien Lauf zu lassen. Egal, wo in diesen Minuten eine Lautsprecherbox in den Kabinen einen Song ausspuckt, es dauert nur Sekundenbruchteile – schon huscht ein Lächeln über die Gesichter, mit einer kurzen Bewegung, einem ausdrucksstarken Schwung wird die Musik optisch verarbeitet. Ein wenig posen, noch mehr genießen.

Die meisten Zuschauer bekommen davon nichts mit. Sie haben sich längst die besten Plätze auf der steilen Tribüne gesichert. Möglichst zentral, damit die Choreografien die beste Wirkung entfalten. Nicht ohne Grund sind dort auch die Wertungsrichter postiert. Richtig laut wird es zum ersten Mal, als das A-Team des 1. TSC Verden an der Reihe ist. Die Akteure nehmen den Schwung mit, wirken aber irgendwie gehemmt. „In der Vorrunde hat man die Anspannung wirklich gemerkt“, sagt auch Niklas Kohmüller. Er ist nicht nur Pressesprecher des Vereins, sondern an diesem Tag auch als Mitorganisator gefordert.

Wird irgendwo eine helfende Hand benötigt, flitzt Kohmüller ebenso wie allerlei andere Mitstreiter des Vereins von einer Ecke der Halle zur anderen. Zum neunten Mal veranstalten die Verdener diese sportliche Party bereits, und sie wollen es auch gern weiterhin tun. „Im nächsten Jahr wäre dann unser Zehnjähriges, da wollen wir das Turnier natürlich wieder ergattern“, sagt er. Eine entsprechende Bewerbung werde demnächst vorbereitet.

Die TSC-Tänzer haben ihren ersten Auftritt inzwischen hinter sich. Die Leistung war gut, im späteren Finale soll dennoch eine Steigerung her. Beim Stadtrivalen und designierten Meister, der TSG Ars Nova, gibt es noch höhere Ziele. Nicht weniger als der Sieg soll es in der Heimat werden. Die Vorrunde? Schlicht beeindruckend. „Wir waren so stark wie noch nie in einer Vorrunde“, sagt auch ein glücklicher Maurice Marschall. Der erfahrene Tänzer verfolgt ebenso wie seine Kollegen einen großen Traum. In wenigen Wochen soll es beim Aufstiegsturnier unbedingt in die 2. Bundesliga gehen. Die Qualifikation ist längst geschafft. Einen Dämpfer gibt es in Verden dennoch. Am Ende landet die Formation auf Rang zwei. Hinter dem C-Team des Grün-Gold-Clubs Bremen. „Wir haben einige Patzer im Finale gezeigt“, sagt Marschall. „Wir waren nicht schlecht, aber das reicht dann eben nicht, wenn eine andere Formation gut tanzt.“ Und so muss die Gemütslage erst einmal wieder sortiert werden. „Natürlich nagt solch ein Ergebnis an uns. Wenn wir in einigen Wochen aber aufsteigen, interessiert die jetzige Platzierung niemanden mehr“, meint der TSG-Akteur lachend.

Rundum zufrieden sind die Gastgeber. Nicht nur, weil die Veranstaltung ein voller Erfolg ist und knapp 700 Zuschauer hautnah dabei waren. Das A-Team sichert sich Platz fünf und ist wieder etwas näher an die TSG Bremerhaven B herangerückt. Beim Saisonfinale in Weyhe im April ist sogar noch Rang vier in der Tabelle möglich. Knapp 24 Stunden später folgt der nächste Jubel, in der Landesliga Nord B schaffen die Domstädter Historisches. „Unser C-Team hat es nicht nur zum allerersten Mal ins Finale geschafft, sondern dort auch noch eine Formation hinter sich gelassen“, sagt Niklas Kohmüller etwas ungläubig. Da ging beinahe unter, dass das B-Team abermals triumphierte. „Das war der krönende Abschluss des Wochenendes.“

Als die letzten Tänze getanzt sind, wird es noch einmal knifflig. „Die Aller-Weser-Halle ist wirklich riesig, aber der Kabinentrakt sehr eng“, sagt Maurice Marschall. „Man braucht ja auch mal ein bisschen Zeit für sich, um abzuschalten.“ Die gibt es jedoch kaum. Vielleicht bei einer kurzen Zigarette vor der Tür oder einem flinken Sonnenbad. Dann geht es auch schon zurück unter das Dach. Dort ist nun duschen angesagt. Auf engstem Raum trennen sich die Tänzer von der Maskerade, die sich zuvor auf die Haut gezaubert haben. Etwas überraschend hinterlassen sie dabei kein Chaos. „Jedes Team hat ein Startbuch, das erst wieder ausgehändigt wird, wenn alles gereinigt wurde“, erklärt Niklas Kohmüller. „Dennoch müssen wir Veranstalter natürlich auch noch einmal ran und die Halle übergabefertig machen.“ Es gelingt auch dieses Mal. Kein Wunder, der 1. TSC Verden will im nächsten Jahr schließlich wiederkommen dürfen.

„Das war der krönende Abschluss des Wochenendes.“ Niklas Kohmüller, 1. TSC Verden
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