Im Gespräch mit Thomas Reiter

„Als Astronaut hat man wenig Freizeit“

Der ehemalige Raumfahrer Thomas Reiter spricht im Interview über das Lesen und Musikhören im Weltall. Im Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst liest er am Freitag aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ vor.
14.11.2019, 17:48
Lesedauer: 3 Min
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Von Ilias Subjanto
„Als Astronaut hat man wenig Freizeit“

Mit einem echten Astronauten "durch die Galaxis": Thomas Reiter liest an diesem Freitag, 15. November, im Rahmen des Bundesweiten Vorlesetags im Hanse-Wissenschaftskolleg aus Douglas Adams' Werk vor. Beginn der Veranstaltung ist um 19 Uhr.

Boris Roessler/dpa

Herr Reiter, wie lautet die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest?

42 natürlich!

Ja, so heißt es in Douglas Adams' Werk „Per Anhalter durch die Galaxis“, aus dem Sie am Freitagabend im Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) vorlesen werden. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich am bundesweiten Vorlesetag beteiligen?

Die HWK-Rektorin Kerstin Schill hat mich für diesen Vorlesetag angeworben. Ich habe ihr gerne zugesagt. Mein Gedanke fiel als Erstes auf „2001: Odyssee im Weltraum“, meinen Lieblingsfilm. Aus dem Roman von Arthur C. Clarke hätte ich dann vorgelesen. Vom HWK kam der Vorschlag mit „Per Anhalter durch die Galaxis“. Ich kenne die Bücher – ich habe damals Tränen gelacht, als ich die Romanreihe das erste Mal gelesen habe. Wir haben uns dann auf den „Anhalter“ geeinigt, weil die Geschichte ein bisschen lustiger ist und es auch hier immer wieder schöne Parallelen zu allen möglichen Situationen im Alltag oder in der Raumfahrt gibt. Wir möchten vor allem den jungen Zuhörern nicht allzu schwere Kost bieten, es soll schon ein wenig unterhaltsam sein. Wobei man beim „Anhalter“ an manchen Stellen schon ins Grübeln kommen kann und sich durchaus auch Bezüge zu ernsten Themen herstellen lassen.

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Hatten sie als Astronaut im Weltall viel Gelegenheit zum Lesen?

Wenn man auf einer Raumstation seine Arbeit macht, liest man die ganzen Dokumente mit den Prozeduren beispielsweise für Wartungsarbeiten oder wenn man diese hochkomplizierten Geräte auseinander nehmen und wieder zusammenbauen muss. Ansonsten hat man als Astronaut sehr wenig Freizeit. Unser normaler Arbeitstag begann morgens um 7 Uhr und wir sind selten vor Mitternacht ins Bett gekommen. Da war alles bis auf die Minute vorgeplant. Außerdem durfte man nur zweieinhalb Kilogramm Gepäck mitnehmen. Ich habe mir gesagt: Lesen kann ich auf der Erde.

Als ich oben war, habe ich die wenige Freizeit genutzt, den unglaublichen Ausblick auf unseren wunderschönen Planeten und in die Tiefen des Weltraums zu genießen. So konnte ich einen gewissen Abstand von der tagtäglichen Arbeit gewinnen. Während des Fitnesstrainings habe ich hin und wieder Hörbücher gehört, hauptsächlich zum Thema Philosophie. Ich habe gerne Musik gehört. Wenn man dort aus dem Fenster schaut, ist es ganz toll, seine Lieblingsmusik dazu zu hören. Der Genuss von Musik im Zusammenhang mit diesem anregenden Ausblick verstärkt sich gewissermaßen gegenseitig.

Was war Ihre bevorzugte Musikrichtung?

Ich hatte Alben von Pink Floyd dabei. „The Dark Side of the Moon“ natürlich und „Wish You Were Here“. Dann hatte ich noch Jazzmusik von Pat Matheny und klassische spanische Musik von Andrés Segovia. Von Fleetwood Mac gibt es das Stück „Albatross“ – das zu hören, während man über die Kontinente hinweg zieht, ist schon fantastisch.

Haben Sie heute auf der Erde als Koordinator der Europäischen Weltraumorganisation ESA mehr Gelegenheit, ein gutes Buch zu lesen?

Weniger, als ich gerne hätte. In zwei Wochen findet eine große Konferenz mit den für die Raumfahrt zuständigen Ministern der 22 ESA-Mitgliedsländer statt. Mein Schreibtisch ist voll mit Dokumenten, Programmvorschlägen und rechtlichen Papieren. Es mangelt mir also nicht an Material, aber das ist hauptsächlich mit meiner beruflichen Tätigkeit verbunden. Zu Hause habe ich viele Bücher im Schrank stehen. Das Buch, das ich auf alle Fälle als Nächstes lesen werde, ist „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann.

Das passt auch zum 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt, um den es ja auch in diesem Roman geht. Vor einem Jahr habe ich ein Buch von Samuel Huntington angefangen, das habe ich aber erst zu einem Drittel durch. Für so eine Lektüre braucht man einfach Ruhe, das kann man nicht mal so eben zwischendurch aufschlagen und drei Seiten lesen. Das letzte wirklich ganz dicke Buch, das ich vor ein paar Jahren im Sommerurlaub gelesen habe, war „Limit“ von Frank Schätzing. Es mangelt mir nicht an Büchern, die ich begonnen oder jetzt noch vor mir habe, aber außerhalb des Urlaubs ist einfach wenig Zeit dafür.

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Sie sind Vater von zwei Söhnen. Haben Sie ihnen auch mal etwas vorgelesen?

Oh ja. Am Anfang waren es Bücher, die die Jungs von ihren Großeltern geschenkt bekommen haben, Grimms Märchen zum Beispiel. Als sie dann in die Schule gekommen sind und anfangen sollten, selbst zu lesen, haben meine Frau und ich Harry Potter vorgelesen. Und zwar genau so lange, bis die Spannung so hoch war, dass sie bettelten, doch noch weiter vorzulesen. Aber dann sagten wir: „Ihr könnt es jetzt auch selbst lesen.“ Und das hat ganz gut funktioniert, auch wenn das Selberlesen bei den Jungs zuerst ein wenig gedauert hat. Wir haben aus Büchern vorgelesen und sie dann an die Jungs übergeben.

Das Interview führte Ilias Subjanto.

Info

Zur Person

Thomas Reiter (61) war von 1992 bis 2007 Astronaut und der achte Deutsche im All. In seiner Zeit auf der russischen Raumstation Mir unternahm er als erster Deutscher einen Weltraumspaziergang. Heute arbeitet er als Koordinator bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Reiter lebt mit seiner Frau in Rastede-Wahnbek.

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