Liederabend im Kleinen Haus Als die Opernsänger noch echte Helden waren

Als „Helden der Oper“ hatten die beiden Baritone Ivo Berkenbusch und Paul Brady bekannte Arien zu einem effektvollen Abend zusammengestellt. Das Publikum war begeistert.
01.04.2019, 16:59
Lesedauer: 3 Min
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Von Günter Matysiak

Bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind die Baritone mit 80 Prozent in der Überzahl. Die Tenöre und die Bässe kommen da auf jeweils zehn Prozent. Ivo Berkenbusch und Paul Brady gehören zu den 80 Prozent. Aber sie nutzen ihre Stimmlagen professionell und standen am Sonntagabend als „Helden der Oper“ auf der Bühne des Kleinen Hauses mit ihrem Programm „Makellos Männliches“ von Figaro bis Rigoletto.

Dabei nahmen sie es mit den Stimmlagen nicht immer so ganz genau, hatten sich manchmal auch eine Tenor-oder Bass-Arie zurecht gelegt. Aber wenn Berkenbusch und Brady das Publikum mit einem strahlenden „Wien, Wien nur du allein“ in die Pause schickten, klang dieser Tenorschlager, den auch Star-Tenöre wie Mario Lanza, Placido Domingo oder José Carreras gerne schmetterten, nicht weniger effektvoll. Wobei Bradys Stimme auch für dies „Weaner Schmankerl“ das weichere, farbigere Timbre besaß, gilt er ja auch als „lyrischer Bariton“. Ivo Berkenbusch, der als vielbschäftigter freier Sänger unterwegs ist, hat übrigens unter anderem bei Placido Domingo studiert. Paul Brady, ausgestattet mit dem Ehrentitel „Kammersänger“, ist seit 1997 oft gefeiertes Ensemblemitglied des Oldenburgischen Staatstheaters und in allen Musiktheatersparten zuhause. Begleitet wurden die beiden von der Pianistin Akiko Kapeller, die als Solorepetitorin ebenfalls am Staatstheater Oldenburg arbeitet. Repetitoren sind die Pianisten, die bei Soloproben zum Einstudieren der Sängerpartien das Orchester ersetzen. Akiko Kapeller hatte neben dem Gespür für den großen, orchestralen Klavierklang auch den temperamentvollen pianistischen Zugriff, konnte aber auch in Franz Liszts Bearbeitung des Robert-Schumann-Liedes „Widmung“ mit feiner Anschlagskunst und gestalterischer Aussagekraft aufwarten. Das gilt auch für ihre Interpretation des Ges-Dur Impromptus op. 90 von Franz Schubert im zweiten Teil des Abends.

Der erste Teil des Abends hatte begonnen mit dem Lied des Papageno „Der Vogelfänger bin ich ja“, aus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“. Ein Held ist dieser Papageno nicht, eher ein Überlebenskünstler, wie Ivo Berkenbusch es mit noch nicht ganz leicht sich verströmender Stimme es andeutete. Paul Brady bot in der Arie des Grafen aus Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ ein differenziertes sängerisches Abbild dieses amourösen Abenteurers. Die dann folgende Arie des Figaro aus der gleichen Oper gab Ivo Berkenbusch Gelegenheit, auch mit lyrischen Bariton-Qualitäten aufzuwarten. Ruggiero Leoncavallos „La Mattinata“ und Ernesto de Curtis „Tona a Surriento“ gehörten zu den vergnüglichen Tenor-Schlagern, an denen auch Baritone im Duett strahlenden Glanz präsentieren können. Konnte Paul Brady in der Arie des Onegin aus Peter Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“ die menschliche Gebrochenheit seines Helden sängerisch eindrucksvoll gestalten, hätte man sich für Ivo Berkenbuschs Lied des Wolfram aus Richard Wagners „Tannhäuser“ mehr Innigkeit und Wärme in Klang und Ausdruck vorstellen können.

Nach der Pause fiel die Pianistin mit neuem Outfit ins Auge, Ivo Berkenbusch gefiel mit Mozarts „Wer ein Liebchen hat gefunden“, das aber trotz anderslautendem Programmzettel nicht aus der „Zauberflöte“, sondern aus der „Entführung aus dem Serail“ stammt. Paul Brady brachte das Publikum mit der bravourös gesungenen Figaro-Arie von Gioacchino Rossini samt Hüftschwung zum Jubeln. Berkenbusch überzeugte mit der „Engelsromanze“ aus Gaetano Donizettis „Don Pasquale“ und mit dem Torero-Lied aus George Bizets „Carmen“. Bradys Rigoletto-Arie aus Guiseppes „Rigoletto“ war große Opernkunst zwischen glühendem Zorn und bitterer Verzweiflung. Rossinis „Kater-Duett“ wurde eine liebevoll-witzige kleine Opernszene, in deren Streitlust sogar die Pianistin eingriff.

Bariton-Power im Duett gab es mit Lehars „Dein ist mein ganzes Herz“ als herzhaftem Schmachtfetzen. Vorher hatte Paul Brady zur Arie des Ollendorf „Ach, ich hab sie ja nur auf die Schulter geküsst“ bei Akiko Kapeller Gleiches getan und sich einen Tritt in den Hintern eingehandelt. „Me Too“ ließ grüßen: Alte weiße Männer kamen auch in der Operette nicht einfach so davon. Anekdoten, auch zum Thema „Sängerhelden“, sorgten für Heiterkeit im Saal. Der Schlussbeifall war begeistert und sorgte für zwei Zugaben: Domenico Modugnos „Volare“ war Schlager als „ganz große Oper“. Ob die „Mädis vom Chantant“ in Emmerich Kalmans „Csardasfürstin“ nach heutigen Maßstäben politisch korrekt besungen werden, sei dahingestellt. Jedenfalls war das ein vergnüglich-lockerer Rausschmeißer mit sängerischem Augenzwinkern.

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