Geschäftsbericht aus Delmenhorst

Am OP-Tisch statt am Schülerpult

Das IWK bildet in vielen Berufen aus dem Spektrum Gesundheit und Soziales aus. Bedarf und Nachfrage in diesen Bereichen werden hier sehr deutlich.
01.04.2019, 15:56
Lesedauer: 4 Min
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Am OP-Tisch statt am Schülerpult
Von Annika Lütje
Am OP-Tisch statt am Schülerpult

Die Schüler der Physiotherapieklasse stehen auch im theoretischen Unterricht an der Massagebank statt hinterm Pult.

Ingo Möllers

Wenn man an einen voll ausgestatteten Operationssaal in Delmenhorst denkt, würden einem selbstverständlich ein, zwei Orte einfallen, wo man diesen finden könnte. Aber sicherlich nicht das Nordwolle-Gelände. Doch dort, an der Lahusenstraße, im Institut für Weiterbildung in der Kranken- und Altenpflege (IWK) gibt es einen. Denn dort werden neben vielen anderen Berufsgruppen auch Operationstechnische und Anästhesietechnische Assistenten ausgebildet. Und weil sich ein Beruf eben nicht nur theoretisch erlernen lässt, findet auch der schulische Teil der Ausbildung im OP statt. Und im Klassenzimmer der angehenden Physiotherapeuten stehen auch keine Pulte, sondern Massagebänke.

Rund 400 Schüler lassen sich in Delmenhorst am IWK aus- und weiterbilden. An den insgesamt 16 Standorten in Deutschland sind es 3500 Schüler. „Damit ist das IWK eines der größten Fachinstitute für Gesundheit und Soziales in Deutschland“, sagt Geschäftsführerin Silke Watzke.

Seit über 35 Jahren gibt es das IWK in Delmenhorst. „Hier hat alles angefangen“, erzählt Watzke. Bereits 1983 wurde der kommende Bedarf an Fachkräften im Gesundheitswesen vorausgesehen. Und so wurde unter dem Dach des Bildungswerks der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft im Land Niedersachsen das IWK ins Leben gerufen – zunächst an der Parkstraße.

Die schnell steigenden Schülerzahlen gaben den Gründern Recht. Das Angebot wurde erweitert, das Institut zog in weitere und dann größere Gebäude um, zusätzliche Standorte kamen hinzu.

Inzwischen bietet das IWK in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Thüringen und Nordrhein-Westfalen in 65 Fach- und Berufsfachschulen staatlich anerkannte Ausbildungsgänge und Weiterbildungen an. Und die entsprechende Nachfrage wird deutlich, wenn man sich die Schülerschaft ansieht. Die kommt allein am Standort Delmenhorst aus einem Einzugsgebiet von 100 Kilometer Entfernung. Und noch etwas verdeutlicht den Bedarf nach Auszubildenden in den Bereichen Gesundheit und Soziales. „Die Politik hat eine Zusage gegeben, dass die Ausbildung in der Physiotherapie ab diesem Jahr kostenfrei ist“, sagt Silke Watzke. „Es war auch nicht mehr nachvollziehbar, warum bisher bei dem herrschenden Fachkräftemangel noch Schulgeld fällig war“, fügt sie hinzu. Seit die Nachricht in Umlauf kam, schnellten die Klickzahlen auf der Internetseite des IWK in ungeahnte Höhen.

„Bei den jungen Leuten gibt es ein riesiges Interesse an diesen Berufen, aber wenn die Ausbildungsbedingungen nicht stimmen beziehungsweise nicht mehr zeitgemäß sind, entscheiden sie sich eben anders“, so die IWK-Geschäftsführerin. „Das ist immer schade, denn eigentlich sind diese Berufe total interessant, vor allem was die Weiterbildungs- und Aufstiegschancen angeht. Man hat da wirkliche Zukunftsperspektiven mit fachlichen Qualifizierungsmöglichkeiten. Man kann vom Hauptschulabschluss über eine dreijährige Ausbildung in einem Helferberuf bis zum Studium gehen.“ Bis zur Selbstständigkeit könne man es bringen – „man ist da sehr frei, alle Wege stehen einem offen“, betont Watzke.

Um denn auch so viele junge Menschen wie möglich auf eben diesen Weg zu bringen, legt das IWK großen Wert auf eine enge und individuelle Betreuung der Schüler. „Uns liegt es sehr am Herzen, den Weg durch die Ausbildung mit den Schülern gemeinsam zu gehen. Wir wollen keine anonyme Schule sein“, sagt Watzke. Das sei vor allem dann wichtig, wenn die Schüler nach der Hälfte der Ausbildungszeit „einen Hänger“ haben, wie es die Geschäftsführerin ausdrückt. Dann gelte es, sie aufzufangen und ihnen einen kleinen Motivationsschub zu geben. Und anscheinend klappt das ganz gut, denn die Abbrecherquote ist am IWK sehr gering, wie Watzke berichtet.

Doch zum Erfolgsrezept gehöre ihrer Meinung nach auch ein vorheriges Praktikum und eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis während der Ausbildung. Dafür steht das IWK in engem Kontakt und Austausch mit den Einrichtungen und Kliniken, in denen die Schüler ihren Praxisanteil absolvieren. Die Lehrkräfte besuchen die Schüler zudem dort regelmäßig. „So kann man am besten sehen, an welchen Stellen man im Unterricht eventuell noch einmal anknüpfen muss“, erklärt Watzke. Und auch, was das Schulgeld angeht, sei man nah am Schüler. „Bevor jemand aus finanziellen Gründen seine Ausbildung abbrechen muss, helfen wir aus und erstellen auch schon mal individuelle Zahlungspläne für die jeweilige Lebenssituation“, sagt Watzke.

Auch mit der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter ist das IWK eng vernetzt. Jährlich werden Fördermöglichkeiten und der Bedarf an bestimmten Fachkräften ausgewertet. „So können wir uns mit unserem Angebot am Markt orientieren“, so Watzke.

Und so trifft nun allmählich eine neue Zielgruppe am IWK ein: Flüchtlinge. Seit 2015 habe es einige Zeit gedauert, bis die Asylverfahren durch gewesen und die Integrationskurse abgeschlossen waren. Nun befänden sich noch viele Flüchtlinge in den Sprachkursen. „Aber die ersten vereinzelten Anfragen haben wir jetzt bekommen, und einige haben wir auch schon aufgenommen“, erzählt die Geschäftsführerin.

Nun steht schon das nächste große Ziel auf der Agenda des IWK: Im Jahr 2020 soll eine generalistische Pflegeausbildung eingeführt werden. Die Ausbildungen in der Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sollen zu einer gemeinsamen Ausbildung zusammengeführt werden. Auf diese Weise soll die Ausbildung zum Pflegefachmann beziehungsweise zur Pflegefachfrau ins Leben gerufen werden. So sollen die Absolventen mit ihrem Abschluss EU-weit anerkannt werden und die Möglichkeit haben, in allen Bereichen der Pflege zu arbeiten.

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