Nähwerkstatt in Delmenhorst Arbeitslose Jugendliche verschönern Kleidung von Bedürftigen

Delmenhorst. In der Nähwerkstatt der VHS, in der wiederum jugendliche Arbeitslose werkeln, wird Kleidung von Bedürftigen repariert und verschönert. Das Projekt der ARGE möchte Jugendlichen helfen, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
19.02.2010, 06:40
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Von Janina Heyn

Delmenhorst. Das schicke Neckholder-Oberteil für rauschende Partynächte hat so gar nichts mehr mit dem alten, durchgetragenen Herren-Hemd von einst zu tun. Denn die 18-jährige Zahra Bourji und ihre Mitstreiter haben das alte Kleidungsstück mit viel Kreativität und Technik aufgehübscht. In der Nähwerkstatt der VHS, in der wiederum jugendliche Arbeitslose werkeln, wird Kleidung von Bedürftigen repariert und verschönert. Das Projekt der ARGE möchte Jugendlichen helfen, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

'Wer seine alte Jeans etwas verschönern lassen will, schmeißt sie einfach hier hinein', sagt Bärbel Müller und zeigt auf eine Holzkiste mit der Aufschrift 'Änderungsbox'. Die gute Fee in der Kleiderkammer der Diakonie freut sich über die Übergabe der Box, die ab sofort in ihrem Reich an der Lutherstraße 4 steht. Ein Mal pro Woche wird ihr Inhalt abgeholt und in die VHS-Werkstatt befördert. Dort widmen sich sieben Teilnehmer einer Arbeitsgelegenheit (AGH) der ARGE und Schneidermeisterin Martina Schöbel den ausrangierten Teilen. Es wird geflickt, bestickt, gesäumt und aufgenäht - natürlich immer nach Wunsch des Kunden. Und die Kunden sind auch ausschließlich Arbeitslosengeld-II-Empfänger.

Die Schützlinge von Martina Schöbel haben in den viereinhalb Monaten seit Projektstart schon einiges dazugelernt, freut sich die Schneidermeisterin. Sie seien kreativer geworden. Kreativität könne man zwar nicht lernen, aber hinauskitzeln, das schon, sagte Schöbel. Und das scheint erfolgreich zu sein: 'Sie haben jetzt wirklich super Ideen.'

Diesem Ideenreichtum entspringen dann Werke wie beispielsweise die pfiffige Jeans-Weste mit Fellbesatz, der man ihre Herkunft - sie war einmal eine Jeanshose - nicht mehr ansieht. Aber auch das weit ausgeschnittene, weiße T-Shirt mit aufgemaltem Tigerkopf strotzt vor Liebe zum Detail. Den Blick fürs Wesentliche und die nötigen Handgriffe vermittelt Martina Schöbel mit viel Geduld und Engagement. Auch der Umgang mit der Nähmaschine oder wie man Stoffe nach Schnittmustern zuschneidet, steht auf dem Lehrplan. Und ganz nebenbei ist die Maßnahme auch für die Schneidermeisterin, die 17 Jahre bei Delmod tätig war, eine Neuorientierung, wie für ihre Teilnehmer.

In welche Richtung es beruflich gehen soll, dass hat Zahra Bourji längst entschieden. Sie möchte eine Ausbildung zur Schneiderin beginnen. Ihre eigene Nähmaschine hat sie längst zu Hause stehen. Außerdem waren bereits ihre Großeltern Schneidermeister - 'das liegt in der Familie'. Wie alle ihre Mitstreiter schreibt Zahra an einem Tag ihrer Vier-Tage-Woche fleißig Bewerbungen. Denn 'zu Hause rumsitzen geht gar nicht', findet Tobias Guldner, der in der VHS-Tischlerwerkstatt arbeitet. 'Die Arbeitsgelegenheit ist wirklich eine Chance', denkt auch sein Kollege Christian Lehmann. Die Tischlerwerkstatt funktioniert nach dem identischen Schnittmuster wie das Nähatelier, sozusagen. Dort arbeiten die AGH-Teilnehmer Möbel von bedürftigen Menschen auf oder reparieren sie. Auch die 'Änderungsbox', in der ab sofort alte Kleidungsstücke mit Wunsch auf Umgestaltung landen sollen, wurde in der Tischlerei gefertigt.

Die Vermittlungschancen für seine Zöglinge - insgesamt zehn Frauen und zwölf Männer - beschreibt Projektleiter Christian Harms immerhin als 'gut'. Er sei zuversichtlich, dass die jungen Menschen im Alter von 17 bis 25 Jahren bald in einem Betrieb unterkommen. Christian Lehmann bleibt dagegen skeptisch: 'Es ist sehr schwierig heutzutage auf dem Arbeitsmarkt was Anständiges zu finden.' Der 24-Jährige hofft dennoch, dass er zum Ende der AGH im Juni eine Anstellung gefunden hat. 'Zimmermann wäre gut', sagt er. Kollege Tobias Guldner möchte eine Ausbildung als Tischler beginnen. Die beiden sind frohen Mutes, dass sie bald einen 'richtigen' Job haben werden. Denn die wohl wichtigste Einstellung für eine erfolgreiche Arbeitssuche haben sich die beiden längst angeeignet: 'Nie aufgeben.'

Die Kleiderkammer der Diakonie an der Lutherstraße 4 ist montags bis freitags von 9 bis 12.30 Uhr geöffnet. Auch die 'Änderungsbox' kann in dieser Zeit in Anspruch genommen werden. So kann aus einem ausgewaschenen Hemd doch noch das Partytop werden.

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