Arbeitslosenzahlen in Delmenhorst Stabil trotz Krise

Im Juli ist die Zahl der arbeitslos gemeldeten Frauen und Männer in Delmenhorst lediglich moderat gestiegen. Corona scheint aktuell keinen Einfluss auf diese Zahlen zu haben. Das könnte sich bald ändern.
30.07.2020, 17:22
Lesedauer: 3 Min
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Stabil trotz Krise
Von Andreas D. Becker

Wirtschaftskrise wegen der Corona-Pandemie? Die Arbeitsmarktzahlen in Delmenhorst sprechen nicht unbedingt dafür. 36 mehr Menschen als im Juni waren im Juli bei Agentur für Arbeit und Jobcenter gemeldet, ein Plus von 0,9 Prozent. Das klingt nicht nach Krise. „Der Arbeitsmarkt zeigt sich noch recht robust, auch weil er mit Kurzarbeit stabil gehalten wird“, sagt Karin Kayser, Leiterin der Agenturen in Delmenhorst und in Wildeshausen. Noch greifen die Instrumente, die Arbeitslosigkeit verhindern oder eindämmen, also. Die wichtigsten Eckdaten.


Ist die erneute Verschlechterung coronabedingt? „Nicht unbedingt“, sagt Karin Kayser. In den Sommermonaten steigt die Zahl der Arbeitslosen und -suchenden traditionell an, das ist saisontypisch. Treiber sind in der Regel junge Leute, die in der Statistik unter U25 auftauchen, die also jünger als 25 Jahre alt sind. „Viele haben sich nach Beendigung der Schule oder ihrer Ausbildung gemeldet“, sagt Karin Kayser. In der Statistik sind es 28 „Jüngere, 15 bis 25 Jahre“, die dazu gekommen sind, insgesamt sind es 449 Betroffene, also 10,6 Prozent aller Arbeitslosen. Aber natürlich geht Corona, trotz der verhältnismäßig niedrigen Infizierten-Zahlen vor Ort, nicht spurlos an Delmenhorst und der Region vorüber. „Wir sehen, dass die Zahl der freien Stellen spürbar niedriger ist“, sagt Karin Kayser. „Und wir stellen fest, dass die Leute nicht so schnell wie sonst einen neuen Job finden.“ Die Arbeitgeber sind zurückhaltender.


Wie viele Menschen sind betroffen? 4220 Frauen und Männer stehen aktuell bei den Behörden in der Datei, wie gesagt, 36 mehr als im Juni. Klingt undramatisch. Dass die Welt in einer Krise steckt, offenbart sich aber in einer anderen Zahl. Der Vergleich mit dem Vorjahresmonat zeigt sicherer an, wie es der Wirtschaft geht. Und da lässt die Entwicklung schon aufhorchen, denn mit Blick auf den Juli 2019 sind aktuell 413 mehr Menschen in der Stadt arbeitslos gemeldet, das sind 10,8 Prozent mehr als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote liegt in Delmenhorst gerade bei genau elf Prozent, vor zwölf Monaten waren es 9,8 Prozent.


Wie genau ist der Wert eigentlich? Wie jede Statistik hat auch die Arbeitslosenquote ihre Tücken. In diesem Fall heißt sie „Unterbeschäftigung“. In dieser Rubrik tauchen alle auf, die keinen sozialversicherungspflichtigen Job haben, aber sich beispielsweise in einer von Agentur oder Jobcenter finanzierten Umschulung oder Weiterqualifizierung befinden oder die einen Integrationskurs besuchen. Auch Ein-Euro-Jobs oder geförderte Beschäftigungsverhältnisse nach Teilhabechancengesetz fallen darunter. Rechnet man all diejenigen mit in die Statistik ein, sehen die Zahlen schon anders aus: Dann sind nämlich 5619 Frauen und Männer ohne reguläre Arbeitsstelle, dann liegt die Quote auch bei 14,1 Prozent. Vor einem Jahr im Juli lag sie übrigens bei 13,7 Prozent.


Welche Rolle spielt Kurzarbeit? Eine große, eben weil sie dazu beiträgt, dass der Arbeitsmarkt stabil bleibt. Seit März, seit dem großen Lockdown, haben bei der Agentur in Delmenhorst 697 Betriebe Kurzarbeit angezeigt, neun kamen im Juli dazu. Davon betroffen können bis zu 8959 Beschäftigte sein. Wie viele sich tatsächlich in Kurzarbeit befinden, ist noch nicht klar. Denn: Nur weil ein Unternehmen Kurzarbeit anmeldet, bedeutet es nicht, dass es seine Belegschaft auch tatsächlich in Kurzarbeit schickt. Und klar ist mit der Anmeldung noch nicht, in welchem Umfang Kurzarbeit anfällt. Sprich: Wie viele Mitarbeiter sind es de facto, wie stark werden ihre Arbeitsstunden reduziert. „Die Zahlen für März werden wir im August vorliegen haben“, sagt Karin Kayser. Mit Blick auf immer mehr Fälle, in denen Betrug bei Kurzarbeit bekannt wird, weist die Agentur-Leiterin auch darauf hin, dass ihre Mitarbeiter auf jeden Fall kontrollieren werden. Wer Kurzarbeit anmeldet, seine Belegschaft aber weiterhin voll arbeiten lässt, riskiert, bestraft zu werden. „Wir sind da eine sehr effektive Behörde.“


Was gibt es Neues? Die Agentur öffnet sich langsam wieder für den Publikumsverkehr. Kunden benötigen aber einen Termin. Wer sich bisher in der Pandemie mit einem einfachen Telefonat arbeitslos melden konnte, muss nun persönlich vorstellig werden. Parallel gibt es die Möglichkeit, das neue Verfahren „Selfie ident“ zu nutzen.


Wie sieht die Prognose für den Herbst aus?
Ungewiss. Extrem ungewiss. „Es gibt in der Rechnung einfach zu viele Unbekannte“, erklärt Karin Kayser. Da ist zum einen die Entwicklung der Weltwirtschaft, die sich auswirken wird. Das Infektionsgeschehen in Deutschland spielt eine maßgebliche Rolle. An diesen Faktoren werden sich Unternehmer bei ihrer Investitionsbereitschaft orientieren. Und zu guter Letzt muss sich zeigen, wie viele Unternehmen dem wirtschaftlichen Einbruch seit März im Herbst noch trotzen können oder ob es vermehrt zu Pleiten kommen wird. „Die Landesregierung rechnet jedenfalls mit mehr Insolvenzen“, sagt Karin Kayser. Es könnte ein heißer Herbst auf dem Arbeitsmarkt werden.

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