Fleischverarbeitungsbranche

„Wenig aus Corona-Skandal gelernt“

Gegen unterschiedliche Standards bei Alt- und Neubeschäftigten in der Fleischverarbeitung wehrt sich die Gewerkschaft. Von Arbeitgeberseite wird dies zurückgewiesen, man suche eine Lösung für alle Mitarbeiter.
01.03.2021, 18:24
Lesedauer: 2 Min
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„Wenig aus Corona-Skandal gelernt“
Von Gerwin Möller

In der Fleischverarbeitungsbranche wird gerade in Tarifgesprächen über moderne und zukunftsweisende Manteltarifverträge verhandelt. Daran beteiligt ist auch die traditionsreiche Könecke Fleischwarenfabrik in Delmenhorst, die zum Branchenprimus, der Zur-Mühlen-Gruppe, gehört. Die Verhandlungen sind eine Reaktion auf das gesetzliche Verbot von Werkverträgen und die Begrenzung von Leiharbeit in der Fleischindustrie durch das neue Arbeitsschutzkontrollgesetz.

„In den Verhandlungen Ende Februar offenbarte sich, dass die Zur-Mühlen-Gruppe wenig aus dem Skandal während der Corona-Pandemie gelernt hat“, sagt Moritz Steinberger von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG). Der Geschäftsführung wirft er vor, Arbeitsbedingungen auf niedrigstem Niveau vereinbaren zu wollen. So entnimmt er es aus einem Diskussionspapier, das den Tarifkommissionen vorgelegt worden sei. „Bei der Zur-Mühlen-Gruppe sollen in Zukunft Standards für neue Beschäftigte gelten, die nur gering über dem Niveau der bisherigen Arbeitsbedingungen liegen“, sagt Steinberger. Die Gewerkschaft habe sich Ende vergangenen Jahres große Hoffnungen gemacht, dass mit dem neuen Arbeitsschutzkontrollgesetz in der Fleischindustrie auch in den Fleischverarbeitungsbetrieben wieder der Grundsatz „Gutes Geld für gute Arbeit und Sicherheit durch Tarifverträge“ gelten würde. Nun sähen sich die Gewerkschafter schon wenige Wochen später vollkommen ernüchtert. „Statt guter Arbeit für alle auf Industriestandard gibt es weiterhin eine Zweiklassen-Belegschaft“. Und dieses solle in Tarifverträgen zementiert werden.

Tarifverträge gekündigt

Die Tarifverträge seien gekündigt worden, nach Angaben von Steinberger möchten die Arbeitgeber „die nun fest anzustellenden neuen Mitarbeiter zu Bedingungen einstellen, die weit unter dem Niveau der bisherigen Regelungen liegen“. Den Altbeschäftigten sollten die bisherigen Regelungen weiter garantiert werden. „Im Werk Könecke Delmenhorst bedeutet das nach unseren derzeitigen Informationen, dass 430 Kollegen mit Altverträgen und guten tariflichen Arbeitsbedingungen zukünftig mit etwa 350 Kollegen mit Neuverträgen zu Mindestbedingungen Seite an Seite ihre Arbeit erbringen“, sagt Steinberger. Seine NGG befürchte, dass das Unternehmen die „teuren“ Altbeschäftigten aber kaum auf Dauer werde halten wollen.

„In den Betrieben aber regt sich Protest, die Belegschaften wollen nach über 50 Jahren Tarifbindung nicht einfach zum Billigheimer werden“, sagt Steinberger. Aus Sicht der NGG-Tarifkommissionen habe die Fleischverarbeitung nur eine Zukunft, wenn die Betriebe weiter attraktiv für Arbeitskräfte bleiben und hohe Qualität produzieren. Die Verhandlungskommission der Arbeitgeber zeige sich in seinen Augen fest entschlossen: Entweder die NGG stimme einem Tarifvertrag auf diesem Niedrigniveau zu oder die Arbeitsbedingungen würden zukünftig auf Arbeitsvertragsebene mit den Neubeschäftigten vereinbart, fürchtet Steinberger.

Arbeitgeber will einheitliche Struktur

Bei der Zur-Mühlen-Gruppe zeigt man sich überrascht: „In den Gesprächen mit der NGG wollen wir gerade für eine einheitliche Lösung, also einen allgemein verbindlichen Tarifvertrag arbeiten“, sagt Konzernsprecher André Vielstädte. Ziel sei es, für alle Kollegen eine einheitliche Tarifstruktur zu schaffen. „Dabei setzen wir uns zusätzlich dafür ein, dass die Kollegen mit langer Betriebszugehörigkeit bei einem allgemein verbindlichen Tarifvertrag ihren Besitzstand wahren.“ Der Tarifvertrag war vonseiten der Arbeitgeber gekündigt worden, „um in Verhandlungen einzusteigen, da wir mit der Direkteinstellung der Mitarbeiter ja für alle Mitarbeiter eine Lösung haben wollen und keine Zweiklassen-Gesellschaft“, sagt Vielstädte auf Nachfrage unserer Redaktion.

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