Staatstheater Oldenburg Aufarbeitung auf der Bühne

Die Dokumentar-Theaterproduktion über die Klinikmorde durch Niels Högel feiert an diesem Sonnabend Premiere am Staatstheater Oldenburg. Bei „Überleben“ soll es um die gesellschaftliche Aufarbeitung gehen.
27.02.2020, 15:39
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Aufarbeitung auf der Bühne
Von Esther Nöggerath

Oldenburg/Delmenhorst. Gut zwei Jahre hat es gedauert, von der Idee bis auf die Bühne. An diesem Wochenende ist es nun so weit. Das Theaterprojekt „Überleben“, das sich der Thematik um die Mordserie von Niels Högel angenommen hat, kommt auf die Bühne. An diesem Sonnabend, 29. Februar, findet am Oldenburger Staatstheater die Premiere statt.

Das Stück hatte bereits im Vorfeld für große Aufregung gesorgt, nachdem noch vor Beginn des großen Högel-Prozesses im Herbst 2018 bekannt geworden war, dass ein solches Theaterstück geplant ist. „Uns war aus Transparenzgründen wichtig, die Ankündigung noch vor dem Prozess zu veröffentlichen, weil wir auch den Prozess begleiten wollten“, erklärt Regisseurin Julia Roesler. Es sollte sich niemand wundern, wenn jemand den einen oder anderen Schauspieler in den Zuschauerreihen entdecken sollte. „Es wäre sicherlich besser gewesen, wenn man das vier Wochen früher hätte schalten können“, räumt Julia Roesler im Nachhinein ein. „Ich glaube aber, dass im Kreis der Angehörigen und auch bei der Presse nicht so wirklich klar war, was Dokumentartheater eigentlich ist“, sagt sie.

Denn bei „Überleben“ handelt es sich nicht um ein klassisches Theaterstück, sondern eben um eine dokumentarische Produktion. Das ist den Machern des freien Theaterkollektivs Werkgruppe 2 aus Rosdorf im Landkreis Göttingen wichtig. Zahlreiche Interviews mit Menschen aus Oldenburg und Delmenhorst, mit Angehörigen, Überlebenden, aber auch ehemaligen Kollegen von Niels Högel haben sie geführt, mit Ärzten, Psychologen und Historikern gesprochen. Es geht nicht um Högel und sein Handeln, es geht darum, was das Alles mit den Menschen gemacht hat.

„Der Grundgedanke ist, dass neben der juristischen Aufarbeitung auch eine gesellschaftliche Aufarbeitung erfolgt“, erklärt Regisseurin Julia Roesler. Es geht darum, wie sich die Taten des ehemaligen Krankenpflegers auf die beiden Städte und ihre Gesellschaft ausgewirkt haben. Das Theaterprojekt will nach den offenen Fragen und den Leerstellen in den Erzählungen suchen, die das Verstehen so schwierig machen. „Was bedeutet das für die Menschen, die da leben? Wie schwer sind die Verunsicherungen? Gibt es Solidaritätsbekundungen mit den Opfern?“, erläutert Roesler einige der Fragen, denen sie in der Produktion auf den Grund gehen will.

Mehrere Hundert Seiten Text hat das Theaterkollektiv aus den geführten Interviews transkribiert und diese schließlich in einer verdichteten Fassung für die Bühne zusammengeführt. Es sind somit vorwiegend Original-Zitate und O-Töne, die in der Aufführung zu hören sind – auch wenn diese natürlich von den vier Schauspielern und drei Musikern entsprechend inszeniert werden.

Der Fall Niels Högel ist auch nicht der erste schwere Stoff, mit dem sich das Theaterkollektiv auseinandersetzt. Seit 2009 versucht die Gruppe, in ihren dokumentarischen Projekten soziale Wirklichkeit aus der Perspektive von Menschen zu beschreiben. Vor einigen Jahren hat Werkgruppe 2 etwa eine Produktion über das ehemalige Dominikanerkloster Blankenburg gemacht, ein Ort, an den seit über 500 Jahren die Oldenburger Menschen hingebracht wurden, die körperlich oder mental nicht der Norm entsprachen. Auch eine Milieu-Studie mit Stimmen von Prostituierten hat das Kollektiv bereits auf die Bühne gebracht.


Die Premiere im Oldenburger Staatstheater am Sonnabend, 29. Februar, beginnt um 20 Uhr. Insgesamt sind elf Vorführungen bis Mitte Juni angesetzt. Weitere Infos sowie Tickets gibt es online unter www.staatstheater.de/überleben.

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