Bei Podiumsdiskussion im Kleinen Haus kamen Wissenschaft, Politik, Gewerkschaft und Schüler zu Wort Baustellenbesuch mit Bildungsexperten

Delmenhorst. Das Schrillen einer Schulglocke läutete am Dienstagabend die Podiumsdiskussion "Baustelle Bildung" im Kleinen Haus ein. Geladen hatten Max-Planck-Gymnasium sowie Nordwestradio. Neben Kultusminister Bernd Althusmann (CDU), Hirnforscher Gerhard Roth und Eberhard Brandt (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) empfing Moderator Stephan Cartier mit Abiturientin Lara Speer auch eine junge Frau, die die Schülerperspektive darzustellen vermochte.
01.09.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Tina Hayessen

Delmenhorst. Das Schrillen einer Schulglocke läutete am Dienstagabend die Podiumsdiskussion "Baustelle Bildung" im Kleinen Haus ein. Geladen hatten Max-Planck-Gymnasium sowie Nordwestradio. Neben Kultusminister Bernd Althusmann (CDU), Hirnforscher Gerhard Roth und Eberhard Brandt (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) empfing Moderator Stephan Cartier mit Abiturientin Lara Speer auch eine junge Frau, die die Schülerperspektive darzustellen vermochte.

"Ich bin mir sicher, dass auch die Jugendlichen damals ihre Ablenkung fanden", konterte Speer etwa den Versuch Althusmanns, das Internet als einen Grund für schlechte Schülerleistungen verantwortlich zu machen. Zuvor hatte der Kultusminister das sogenannte "Turbo-Abi", also den zwölfjährigen Weg zur Hochschulreife, verteidigt. Denn dieser sei für die Schüler durchaus zu schaffen, schließlich klappe es in den meisten anderen Ländern sehr gut. Wichtig sei hingegen, den Bereich der frühkindlichen Bildung auszuweiten. "Ich glaube, dass wir nicht den Weg zurück antreten sollten", sagte Althusmann über das schnelle Abi, stand mit dieser Einstellung aber auf verlorenem Posten.

Brandt, Niedersachsens GEW-Chef und Lehrer, wollte das "Die-andern-schaffen-es-auch-Argument" so nicht stehen lassen. "Woanders gibt es auch eine richtige Ganztagsschule und nicht eine, die den Namen erst noch verdienen muss", beklagte er die kurze Unterrichtszeit. Speer teilte ihre Verwunderung darüber mit, dass die Intensivierung der frühkindlichen Bildung erst nach der Einführung des Turbo-Abis überlegt werde. "Der logische Schritt wäre doch, zuerst die Bildung vor der Schule zu verbessern", sagte Speer, die übrigens dem letzten Jahrgang angehörte, der das Abitur nach neun Jahren im Gymnasium erreichte. "Jeder aus G9 war froh, G9 zu sein", versicherte sie. Den Schüler dränge sich das Gefühl auf, dass es keinen pädagogischen Grund für die Verkürzung gebe, sondern einen finanziellen. "Damit man eher in die Rentenkasse einzahlen kann, früher für den Arbeitsmarkt verfügbar ist."Das Publikum - rund 150 Besucher waren gekommen - zeigte in diesem Punkt eine klare Haltung: Für die

Fortführung der kürzeren Schulzeit tat sich kaum ein Händepaar zusammen, Speer und Brandt ernteten reichlich Applaus.

Roth: weniger ist mehr

Eine Enthaltung diesbezüglich gab es von Seiten der Wissenschaft. Bei dem Zank über die verschiedenen Schulformen und -zeiten wollte der Bremer Neurobiologie-Professor nicht so wirklich Partei ergreifen. Er versuchte in der gut zweistündigen Diskussion, einen anderen Punkt rüberzubringen. "Weniger ist mehr", wiederholte Roth an mehreren Stellen und betonte die Notwendigkeit, die Masse an zu vermittelndem Wissen zu verringern. "Wie mache ich den Unterricht, damit viel hängen bleibt?", benannte er die für ihn zentrale Frage. Werde weniger Stoff unterrichtet und dafür mit mehr Wiederholungen und Erholungsphasen gearbeitet, bleibe das Wissen auch nach der absolvierten Klausur im Kopf. In der Neurobiologie sei das völlig unstrittig. "Das kann wissenschaftlich nicht angezweifelt werden", stellte Roth fest, und zumindest die Anwesenden wollten ihm in diesem Punkt nicht widersprechen. In der Lehr-Realität, räumte der Professor ein, sei das Prinzip "weniger ist mehr" nicht durchzuhalten. "Da

muss man mit dem Stoff durchkommen."

Und in noch einem Punkt gab Roth eine klare Empfehlung ab. Man solle die Schüler "so lange wie möglich beieinander lassen". Denn die Fähigkeiten entwickeln sich bei jedem Kind in einem anderen Tempo. Wer mit acht Jahren weniger gut in einem Fach ist, so die Botschaft, kann mit 14 längst aufgeholt haben. In dieser Frage sahen sich sowohl Brandt als auch Althusmann von dem Wissenschaftler bestärkt. Ersterer als Verfechter von Gesamtschulen, Zweiterer als Freund der Oberschule. Der Gesamtschullehrer Brandt lobte die IGS (Integrierte Gesamtschule) als vorteilhaft für alle Kinder, sowohl die langsameren als auch die schnellen Lerner würden dank Binnendifferenzierung gefördert. Im Schulalltag sei es allerdings oft schwierig, die eigenen Maßstäbe zu erreichen, da zu wenige Lehrer für zu viele Schüler verantwortlich seien. Althusmann betonte, dass die Oberschule auch die Möglichkeit biete, schwächere und stärkere Schüler gemeinsam zu unterrichten. Viele Entscheidungen würden den Schulen

überlassen, die so ganz nach ihren Bedürfnissen Weichen stellen könnten. "Wir haben gar nicht so ein enges Korsett", so der CDU-Politiker.

Doch unabhängig von der Schulform gebe es ein Thema, das oftmals viel zu wenig Beachtung von Pädagogen und Politikern erfahre, stellte Roth zum Ende der Gesprächsrunde fest. "Je mehr ein Lehrer sich Mühe gibt, die Persönlichkeit der Schüler zu erfassen, desto besser kann er Hilfestellung leisten." Es sei von großer Bedeutung, dass sich die Jungen und Mädchen ernstgenommen fühlen. So werde die Wissensvermittlung auf lange Zeit leichter - und nicht nur die. Schließlich gehe es in der Schule nicht nur darum, Wissen anzuhäufen, sondern auch um die Persönlichkeitsentwicklung.

Die abschließenden Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum bezogen sich allerdings mehr auf die Schulformen, beziehungsweise auf die Schulzeit. Ein Vater setzte sich etwa dafür ein, dass Kinder schon früher als mit sechs Jahren lernen dürfen. "Das letzte Kindergartenjahr ist für die grottenlangweilig", berichtete er und bekam von Roth die Antwort, dass ein früher Unterricht durchaus möglich sei, es gehe bei Kindern immer ums Fördern und Fordern. "Ab dem vierten Lebensjahr kann man fordern", sagte er. Wobei das in diesem Alter auf besonders feinfühlige Weise geschehen müsse, um eine Überforderung zu vermeiden, wobei zu bedenken sei: "Auch eine Unterforderung ist für Kinder ganz schlimm."

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