Maik Schimjon saß in der DDR wegen versuchter Flucht im Gefängnis – und wurde vom Westen freigekauft

Bezahlte Ware

Delmenhorst. Zwei Tage vorm Tag der Deutschen Einheit steht Maik Schimjon im Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur in der Sonderausstellung „Chic im Sozialismus – Kleidung in der DDR“. Obwohl er selbst als Zeitzeuge an der Schau mitgewirkt hat, ist er zum ersten Mal hier.
02.10.2015, 00:00
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Von Annika Lütje
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Beklemmendes Gefühl zwischen den original Uniformen aus der ehemaligen DDR: Maik Schimjon kann sich noch gut an die Zeit in der Armee erinnern. Sie war einer der Gründe, weshalb er die Flucht in den Westen versuchte.

Ingo Moellers

Zwei Tage vorm Tag der Deutschen Einheit steht Maik Schimjon im Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur in der Sonderausstellung „Chic im Sozialismus – Kleidung in der DDR“. Obwohl er selbst als Zeitzeuge an der Schau mitgewirkt hat, ist er zum ersten Mal hier. Ihm ist sichtlich beklommen zumute. Denn auf einmal steht er wieder zwischen der Flagge der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR), dem blauen Hemd der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und der Fähnrich-Uniform der Nationalen Volksarmee (NVA). Und all das sorgt in ihm für ein ungutes Gefühl. Denn diese Dinge stehen für all das, weshalb er aus der DDR flüchten wollte – wofür er einen hohen Preis gezahlt hat.

25 Jahre Deutsche Einheit – Maik Schimjon steht diesem Ereignis mit gemischten Gefühlen gegenüber. Zwar sieht er das Positive: die Möglichkeit, sein Leben selbst zu gestalten. Aber er meint auch, dass Osten und Westen noch nicht so zusammengewachsen sind, wie sie sollten. „Die Mentalitäten sind einfach zu unterschiedlich“, sagt der 52-Jährige. Selbst bei der Vorbereitung der Ausstellung sind ihm unter den Ostdeutschen die sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen der DDR aufgefallen. „Manches konnte ich nicht nachvollziehen. Da fehlte es mir an Offenheit und Objektivität“, erklärt er.

Und dann ist da noch die Generation, die das geteilte Deutschland nie kennengelernt hat: „Dazu gehören zum Beispiel meine Neffen. Ich versuche, ihnen viel aus der Zeit nahezubringen. Denn zu viele Menschen betrachten die DDR inzwischen zu nostalgisch.“ Das tut Maik Schimjon ganz und gar nicht.

Er wurde 1963 in Angermünde in der Uckermark geboren. Sein Vater, ein Musiker, „hat sich früh von uns abgesetzt. Nun musste meine Mutter allein für drei Söhne sorgen, womit sie ein wenig überfordert war. Und so musste ich als Ältester schon früh Verantwortung übernehmen“, erzählt Schimjon. Im Bezirksmusikkorps der FDJ spielte er schon früh Fanfare – „in der FDJ war man ja zwangsläufig“, sagt er. Doch schon als Kind wurde ihm diese Welt zu eng: Wenn jemand der vielen Westverwandten zu Besuch kam, fragte er, ob er nicht mit dürfe. Durfte er nicht. Und so kam es zu seiner ersten Flucht – in die Welt der Bücher.

Als Jugendlicher wollte Schimjon unbedingt Pilot werden. Entsprechend strengte er sich in der Realschule an. Denn er wollte es in die Erweiterte Oberschule schaffen, um Abitur zu machen. Doch trotz guter Noten wurde ihm das verwehrt: „Wegen unserer vielen Verwandten im Westen. Und da ging das ganze Theater los“, berichtet er.

Sein berufliches Ziel hatte sich damit erledigt – einen Plan B hatte er nicht. Also beschloss seine Mutter, dass er Elektriker wird. Mit wenig Elan absolvierte er seine zweijährige Ausbildung. „Zum Ende der Lehre stellte ich dann einen Ausreiseantrag. Das habe ich dann auch zu spüren bekommen“, sagt Schimjon. Denn daraufhin wurde unter fadenscheinigen Gründen seine Ausbildung verlängert. „Mein Chef riet mir daraufhin, meinen Ausreiseantrag zurückzuziehen, um meine Abschlussprüfung machen zu können. Und da ich mir überlegte, dass ich auch drüben einen ordentlichen Beruf brauchen werde, habe ich das auch gemacht“, erzählt er weiter. Und schon durfte er seine Lehre beenden.

Doch schon kurz darauf kam der Einberufungsbefehl für den Wehrdienst. „Da hatte ich die Wahl: verweigern und in den Armeeknast wandern, der kein Spaß sein sollte, oder die eineinhalb Jahre durchziehen“, erklärt Schimjon. Er entschied sich für Letzteres. Doch auch hier bekam er die Folgen seines Ausreiseantrages zu spüren. nachdem die Staatssicherheit (Stasi) seiner Kompanie einen Besuch abgestattet hatte, musste er seine angenehme Stellung als Spießschreiber abgeben und wieder ganz normalen Wehrdienst leisten. Und auch auf Jobsuche nach der Armeezeit wurde es nicht besser: Zwei attraktive Stellen wurden ihm verwehrt, und der Job, den er in einem Möbellager bekam, war auch nicht das, was er sich für sein Leben vorstellte. „Aber da habe ich Hans kennengelernt. Er hatte versucht zu fliehen und war für drei Jahre eingesperrt. Der war fix und fertig“, erzählt Schimjon.

Doch statt ein abschreckendes Beispiel war Hans eine Initialzündung: Maik Schimjon versuchte das selbe. Eines Nachts kletterte er auf die Mauer, rannte bis zum Meldezaun – und wurde gefasst. Ohrfeige, Verhör: „Würden Sie das noch einmal machen?“, so die Frage der Stasi-Mitarbeiter. „Bei jedem Wetter“, so Schimjons Antwort.

Wegen versuchter Republikflucht wurde er zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt – ohne Bewährung. Doch schon bald nahm er über einen Mithäftling Kontakt zu dem Rechtsanwalt Wolfgang Vogel auf, der als Unterhändler für die Häftlingsfreikäufe der Bundesrepublik fungierte. Den Kontakt gab er auch an andere Häftlinge weiter – und landete dafür in Isolationshaft. Trotzdem: Der Deal klappte. Eines Tages ging es für einige letzte Wochen ins Stasi-Gefängnis. „Aber der Schließer dort stellte direkt klar, dass uns nichts mehr passiert, wenn wir uns ruhig verhalten. Schließlich waren wir bezahlte Ware“, erzählt Schimjon.

Am Tag seiner Entlassung musste er mit dem Geld, dass er bei der Arbeit im Gefängnis verdient hatte, einkaufen. „Das Geld durften wir nicht tauschen oder mitnehmen“, sagt er. Also kaufte er das einzig Nützliche, das es in dem Kiosk gab: eine Reisetasche und 14 Paar Socken. Mit diesen Habseligkeiten wurde er über die Grenze in den Westen gebracht. Das war im Jahr 1986. Zwei Jahre später folgten seine Mutter und sein Stiefvater: „Die beiden waren auf Westbesuch und sind einfach nicht zurückgefahren. Ich musste das dann am Telefon meinen Brüdern im Osten verklickern – denn für die bedeutete das Ärger“, berichtet Schimjon.

Für ihn selbst ist der Ärger vorbei. Er hat sich in Delmenhorst, in seinem Haus auf der Nordwolle, ein neues Leben aufgebaut und kann es selbst gestalten – so wie er es sich vom Westen erträumt hatte.

Für die Sonderausstellung „Chic im Sozialismus – Kleidung in der DDR“ werden am Tag der Deutschen Einheit, 3. Oktober, zwei Führungen angeboten. Der Sammler Jürgen Lüdtke führt ab 12 und ab 14 Uhr durch die Schau, in der auch ein Foto von Maik Schimjons Onkel zu sehen ist. Dabei wird er von einer Zeitzeugin begleitet.

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