Corona in Düsternort und im Wollepark

Warum das Corona-Virus arme Menschen besonders hart trifft

Für Bildungsexpertin Yasemin Karakaşoğlu leiden Menschen in Delmenhorster Brennpunkten wie dem Wollepark besonders stark unter der Corona-Krise. Im Interview warnt sie vor rassistischen Erklärungsmustern.
18.11.2020, 14:42
Lesedauer: 5 Min
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Warum das Corona-Virus arme Menschen besonders hart trifft
Von Björn Struß
Warum das Corona-Virus arme Menschen besonders hart trifft

Im Wollepark leben Familien oft in kleinen Wohnungen und sind deshalb einer höheren Ansteckungsgefahr ausgesetzt.

Ingo Möllers
Frau Karakaşoğlu, in Bremen hat die Veröffentlichung der Corona-Zahlen der Stadtteile für eine kontroverse Debatte gesorgt. In Delmenhorst weigert sich der Krisenstab, die Infektionen nach Stadtteilen oder Postleitzahlen aufzuschlüsseln. Was halten Sie von dieser Entscheidung?

Yasemin Karakaşoğlu: Ich glaube, dass die Aufschlüsselung nach Stadtteilen zu Spekulationen führt, warum bestimmte Stadtteile besonders betroffen sind. Dem zu entgehen, indem man die Zahlen gar nicht veröffentlicht, halte ich nicht für sinnvoll. Ich denke, dass man die Veröffentlichung politisch sinnvoll begleiten muss und entsprechende Erklärungen mitliefern muss. Man darf die Zahlen also nicht dem Wildwuchs der Spekulationen in medialen Diskursen überlassen, die für Verschwörungsmythen und Populismus offen sind.

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In Bremen hat sich gezeigt, dass sich Menschen in ärmeren Stadtteilen wie Tenever und Gröpelingen öfter mit Corona anstecken. Lässt sich diese Erkenntnis auf die Delmenhorster Brennpunkte Düsternort und Wollepark übertragen?

Ich kann mir vorstellen, dass Corona-Infektionen und Armut nicht nur in Bremen in einem Zusammenhang stehen. Wir wissen aus einer aktuellen weltweiten OECD-Studie, dass Menschen, die einen Migrationshintergrund haben und in prekären Verhältnissen leben, doppelt so häufig von Infektionen betroffen sind, wie Menschen, die in dem jeweiligen Land geboren sind. Das ist also kein Phänomen, das sich in Norddeutschland auf einige Städte konzentriert. Es ist weltweit bekannt und hat zu tun mit den Bedingungen, unter denen Eingewanderte in einem Land aufgenommen werden.

Spielt bei den prekären Lebensverhältnissen insbesondere die Situation im eigenen Haushalt eine wichtige Rolle?

Ja, ganz sicher. Das zeigt sich in Bremen sehr konkret. Hier sollen Kinder, die Kontakt zu einem Corona-Fall hatten, in häusliche Quarantäne gehen. Im gleichen Haushalt soll also Abstand zu diesem Kind gehalten werden. Wie soll denn das gehen, wenn sich zwei Kinder ein Zimmer teilen? Wie soll das gehen, wenn man auf wenigen Quadratmetern in engen Verhältnissen lebt? Da kann man nicht in Isolation gehen. Das kann man aber in einem freistehenden Haus oder in einem Reihenhaus mit mehreren Etagen machen. Damit sind schon mal ganz unterschiedliche Einkommens- und Lebensumstände benannt.

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In Bremen haben sich auch Politiker aus dem bürgerlich-konservativen Lager zu Wort gemeldet, die argumentiert haben, der Kulturkreis sei die entscheidende Begründung für die vielen Infektionen. Was sagen Sie zu diesem Erklärungsmuster?

In diesem Punkt finde ich es interessant, die Corona-Zahlen in europäischen Nachbarländern zu betrachten. In Österreich oder in den Niederlanden sind die Infektionszahlen zum Beispiel deutlich höher als in Deutschland. Aus einer populären Sicht – das wäre nicht meine Argumentation – würde man da sagen: Das ist vom Kerngebiet der Bundesrepublik nicht weit entfernt. Und doch sind es ganz andere Zahlen. Mit derartigen kulturellen Argumenten kommt man also nicht sehr weit. Dieser Kulturalismus ist destruktiv und führt zu rassistischen Vorurteilen.

In Bremen hat sich gezeigt, wie eine Debatte durch solche Denkmuster schnell an Fahrt gewinnen kann. Glauben Sie, dass Delmenhorst dem gezielt aus dem Weg gehen will, indem keine Zahlen für die Stadtteile veröffentlicht werden?

Da kann ich nur spekulieren. In Bremen hat man gesehen, dass das einige Wogen schlägt. Vielleicht hält man es in Delmenhorst als sinnvoll für den sozialen Frieden, nicht das Gleiche zu tun. Die Politik muss sich aber genau anschauen, wo besonders gefährdete Gruppen leben, und sie muss sich darauf einstellen, wie man diese Gruppen besser schützen kann. Es bringt nichts, etwas hinter dem Berg zu halten. Man muss proaktiv und im Sinne der Menschen mit den Informationen umgehen.

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In der Corona-Krise geht es auch um die Frage, inwieweit alle Menschen über die aktuellen Regeln Bescheid wissen. In Delmenhorst hat Oberbürgermeister Jahnz seinen Appell an die Bürger auch in mehreren Fremdsprachen veröffentlicht. Reicht das, um nicht-deutschsprachige Mitbürger zu erreichen?

In einer Einwanderungsgesellschaft ist es immer sinnvoll, mehrsprachig unterwegs zu sein. Flankierend macht es Sinn, über Menschen des Vertrauens die Informationen auch mündlich zu verbreiten. Also: Straßensozialarbeit oder auch Informationsstände vor Supermärkten.

Diese Empfehlung erinnert mich an Wahlkämpfe, bei denen die SPD rote Rosen verteilt.

Ist das nicht interessant? Beim Wahlkampf finden sich Menschen, die von Tür zu Tür gehen oder sich mit Ständen in die Fußgängerzone stellen. Wir sind in einer dramatischen Situation. Da wäre es sinnvoll, diese Strukturen auch jetzt zu nutzen.

Die Schulen in Delmenhorst befinden sich seit drei Wochen im Szenario B, die Hälfte des Unterrichts spielt sich zu Hause ab. Trifft diese Maßnahme Kinder in prekären Verhältnissen besonders hart?

Selbstverständlich. Nicht alle Eltern haben die Möglichkeit, ihre Kinder gezielt zu unterstützen. Da geht es auch um Systemwissen – um die Frage, wo ich mir gezielt Hilfe holen kann, wenn mein Kind Probleme beim Lernen hat. Jetzt wird noch sichtbarer, was auch sonst gilt: Eltern, die zugewandert sind oder die die deutsche Sprache nicht gut sprechen, können ihren Kindern deutlich weniger bei dem helfen, was das deutsche Schulsystem von ihnen erwartet.

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Müsste dann das Szenario B – insbesondere in Stadtteilen mit einer hohen Armutsquote – nicht schnellstmöglich beendet werden?

Das ist eine Abwägung von Infektionszahlen und Fragen der Schulorganisation. Für mich ist es schwer, mich in Delmenhorster Angelegenheiten einzumischen. Aber in dem Moment, in dem ich entscheide, dass Kinder mehr zu Hause lernen, muss ich wissen, in welchen Kontexten sie zu Hause lernen. Und ich muss daraufhin ausgerichtete Unterstützungssysteme entwickeln.

Wir wissen, dass Armut und Migration eng zusammenhängen. Nun wissen wir, dass auch Armut und die Corona-Ansteckungsgefahr eng zusammenhängen. Gleichzeitig sehen wir schon erste Anzeichen, wie Rechte dies instrumentalisieren. Wie hoch schätzen Sie diese Gefahr ein?

Sehr hoch! In zynischer Weise werden die Lebensverhältnisse der Menschen gegen sie gewandt. Diese Verhältnisse werden als kulturell verursacht definiert – und nicht etwa als sozial oder politisch begründet.

Das Interview führte Björn Struß.

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Zur Person

Prof. Yasemin Karakaşoğlu (55) ist Erziehungswissenschaftlerin und leitet an der Universität Bremen den Arbeitsbereich Interkulturelle Bildung. Karakaşoğlu wuchs in Wilhelmshaven in einem deutsch-türkischen Elternhaus auf. Im Jahr 2000 erhielt sie den Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien. Seit 2019 ist sie Vorsitzende im Rat für Migration, einem bundesweiten Zusammenschluss von Wissenschaftlern.

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Zur Sache

Die Armut in Zahlen

Zu der Verbreitung des Coronavirus in Düsternort und im Wollepark veröffentlicht Delmenhorst keine Zahlen. Auch die ohne Mehraufwand mögliche Aufschlüsselung nach Postleitzahlen lehnte der Krisenstab auf Anfrage des DELMENHORSTER KURIER ab. Die Armut in diesen beiden Brennpunkten lässt sich allerdings mit Zahlen des Bundesverbands für Wohnen und Stadtentwicklung (VHW) aus dem Jahr 2018 belegen. Demnach müssen in Düsternort 29 Prozent der Haushalte mit extrem wenig Geld auskommen, nämlich mit weniger als 70 Prozent des städtischen Mittelwerts (Median). Auch im Wollepark ist die Kaufkraft mit weniger als 85 Prozent des Mittelwerts sehr niedrig.

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