„De Nervbüdel“-Pemiere in Delmenhorst

Bis an die Grenzen ausgereizt

Mit „De Nervbüdel“ hat das Niederdeutsche Theater Delmenhorst sein drittes Stück in dieser Spielzeit auf die Bühne gebracht. Es ist Boulevard-Theater, wie es sein soll: schnell und richtig spritzig.
14.01.2018, 19:50
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Von Heide Rethschulte
Bis an die Grenzen ausgereizt

"De Nervbüdel", ein Klassiker des Boulevardtheaters, präsentierte das NTD im Kleinen Haus und glänzte durch clowneske Slapstickeinlagen und überzeugende Charaktere.

INGO MOELLERS

Boulevardtheater, wie man sich es vorstellt, präsentiert das Niederdeutsche Theater Delmenhorst (NTD) den Zuschauern im dritten Stück der Saison zu ihrem 90. Geburtstag. Bei der Premiere von „De Nervbüdel“ wurde am Sonnabend im Kleinen Haus viel gelacht. Markus Weise, der erstmals alleine eine Regie beim NTD verantwortet, reizte das Stück, gestützt auf zwei Hauptdarsteller in Hochform, an den richtigen Stellen bis an die Grenzen aus.

„De Nervbüdel“, dessen Urfassung „Le contrat“ der Franzose Francis Veber Anfang der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben hatte und das als „Die Filzlaus“ („L'Emmerdeur“) prominent mit Lino Ventura verfilmt wurde, ist ein Klassiker des Boulevardtheaters. Der Inhalt – ein Fotograf mit Selbstmordabsichten und ein Auftragskiller treffen in zwei nebeneinanderliegenden Hotelzimmern aufeinander – ist seicht. An Fahrt gewinnt dieses Stück, das der Hamburger Frank Grupe vor zwei Jahren ins Plattdeutsche übersetzte, durch die Regie. Markus Weise machte das Stück, dessen niederdeutsche Version im Bühnenbund Niedersachsen und Bremen am Sonnabend in Delmenhorst uraufgeführt wurde, durch konsequent herausgearbeitete, nachvollziehbare Charaktere, komödiantische Momente sowie clowneske Slapstickeinlagen zu einer Aufführung, die gekonnt auf die Unterhaltung des Publikums abzielte.

Den Löwenanteil am Amüsement hatten Andreas Giehoff als lebensmüder Fotograf Hans-Dieter Spitzek und Torsten Wieting als entnervter Auftragsmörder Ralf. Ein herrliches Duo, das sich in profihafter Manier die Bälle zuspielte. Da saß jede Bewegung, jede Mimik. Bei Giehoff reichte das von der Fußstellung bis hin zur Bewegung der Augenbrauen. Wieting gelang zudem das Kunststück, als er durch eine Spritze „beruhigt“ worden war, lallend verständlich zu sprechen. Markus Weise hatte penibel darauf geachtet, dass die Darstellung der beiden Charaktere bis ins kleinste Detail stimmte, und war in der glücklichen Lage, Akteure zu haben, die diese hohe Anforderung umsetzen konnten.

Neue Facetten Flüggers

Dies galt auch für Markus Flügger, der als Psychiater Dr. Edgar Wolf eine ganze neue Seite seines Könnens offenbarte. Mit viel Komik und großer Beweglichkeit verkörperte er den neuen Lebensgefährten von Spitzeks Ehefrau Lisa. So gab es unter anderen eine wunderbare Szene, in der er als Spielball zwischen Spitzek und Ralf quasi hin- und herflog. In die Kategorie Komik gehörte auch Franz Pache als Hotelboy Willy. Als kleiner, liebenswerter Knuddelbär brachte er zu Beginn Spitzek und Ralf in Schmeißfliegenmanier an den Rand des Wahnsinns. Später hatte er die Lacher auf seiner Seite, als er vor den Zimmern im Laufschritt fast zu schweben schien – das Publikum war begeistert.

Jüchter springt kurzfristig ein

Mitleid hingegen erregte Nico Jüchter als Polizist, dem erst der Rollladen aufs Genick fiel und der dann von Ralf kurzerhand kampfunfähig gemacht und anschließend in den Schrank verfrachtet wurde. Jüchter sprang für Dennis Venzke ein, der aus zeitlichen Gründen seine Rolle abgeben musste. Nico Jüchter, der während der Probenzeit auch als Weises Regieassistent fungiert hatte, teilt sich während der noch folgenden zehn Vorstellungen die Rolle des Polizisten mit Neuzugang Jan Timmermann.

Die am wenigsten auffälligste Rolle bekleidete Petra Witte als Spitzeks abtrünnige Ehefrau Lisa. Witte agierte im Gegensatz zu den sehr bewegungsfreudigen Herren mit sparsamen Aktionen, aber dennoch mit Ausdruckskraft. Weise hatte Witte in ihrer Bewegung bewusst ein wenig zurückgenommen, weil gleichzeitig besonders Torsten Wieting in seinem sedierten Zustand für sehr viel Action sorgte. Wenn es an Weises Inszenierung etwas zu kritisieren gibt, dann ist dies die Entwicklung der Beziehung zwischen Spitzek und Lisa. Man hätte sich mehr Dynamik in der Wiederannäherung von Lisa an ihren Ehemann vorstellen können.

Ein anderes Problem hingegen löste Weise sehr kreativ. Am Montag mit der Nachricht überrascht, dass sich aufgrund des sehr gut durchdachten Bühnenbildes (Entwurf Markus Weise) der Vorhang nicht schließen lässt, überredete der 34-Jährige kurzerhand Inspizientin Renate Beppler, aus dem Hintergrund ins Scheinwerferlicht zu treten. Beppler versieht nun vor Beginn der Vorstellung die Aufgaben eines Zimmermädchens. Es ist das erste Mal in der Geschichte des NTD, dass das Publikum schon beim Betreten des Saals Bewegung auf der Bühne zu sehen bekommt.

So konnte Markus Weise, der vor der Vorstellung „sehr, sehr aufgeregt“ gewesen war, nach der lang beklatschten Premiere zufrieden bilanzieren, dass alles so aufgegangen war, wie er sich das gedacht hatte. „Ich bin stolz auf mein Ensemble. Es hat sich gelohnt, dass wir Nuancen im Timing so intensiv geprobt haben.“

Bis zum 23. Februar wird „De Nervbüdel“ noch gespielt. Karten gibt es im Kleinen Haus unter der Nummer 0 42 21/ 1 65 65.

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