Bis an die Leidensgrenze und darüber hinaus Hartmut Müller aus Moordeich ist auch im Ruhestand noch begeisterter Historiker / Jetzt Stuhrer Orte im Fokus

Stuhr-Moordeich. Einst war er der jüngste Direktor eines Staatsarchivs, heute ist er als professioneller Hobby-Historiker ein gefragter Mann. Hartmut Müller aus Moordeich lässt die Geschichte einfach nicht los. Kümmerte er sich früher um das Mittelalter, so wurde später Bremen im Dritten Reich zu seinem Hauptforschungsfeld. Ohne seinen Einsatz würde es das Denkmal in Obernheide vermutlich nicht geben. Jetzt hat Müller eine ganz neue Aufgabe übernommen. "Leichtsinnigerweise", wie er sagt.
06.01.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Hauke Gruhn

Stuhr-Moordeich. Einst war er der jüngste Direktor eines Staatsarchivs, heute ist er als professioneller Hobby-Historiker ein gefragter Mann. Hartmut Müller aus Moordeich lässt die Geschichte einfach nicht los. Kümmerte er sich früher um das Mittelalter, so wurde später Bremen im Dritten Reich zu seinem Hauptforschungsfeld. Ohne seinen Einsatz würde es das Denkmal in Obernheide vermutlich nicht geben. Jetzt hat Müller eine ganz neue Aufgabe übernommen. "Leichtsinnigerweise", wie er sagt.

"Vor rund einem Jahr ist die Stuhrer Gemeindearchivarin auf mich zugekommen, ob ich denn jemanden wüsste, der die Geschichte von Fahrenhorst, Warwe und Feine aufarbeiten könnte", berichtet der 72-Jährige. "Ich habe dann selbst zugesagt - ohne zu wissen, auf was ich mich da einlasse." Dabei müsste Dorfgeschichte für einen renommierten Historiker und Archivar wie Müller, der 25 Jahre lang das Bremer Staatsarchiv leitete und in seiner Laufbahn vom Mittelalter bis zur Neuzeit weite Felder beackerte, doch eigentlich kein Problem sein. Denkste: "Ich habe festgestellt, dass ich von den rechtlichen und wirtschaftlichen Lebensverhältnissen der Bauern im 16. und 17. Jahrhundert nichts verstehe", sagt Müller. "Dafür lerne ich jetzt beim Arbeiten sehr viel dazu."

Ein wahrer Schatz ist für den promovierten Historiker dabei der Fundus von Wilhelm Gerke. Der Fahrenhorster wohnt auf einem der ältesten Höfe im Dorf und ist selbst mittlerweile in den 80ern. "Sein ganzes Haus ist voll von Kopien und Originaldokumenten über die drei Ortschaften", erzählt Müller. "Er hat immer gesammelt und weiß unglaublich viel - aber er hat es nie aufgeschrieben." Das ist jetzt eben Müllers Aufgabe. Im kommenden Jahr soll die Chronik fertig sein, hofft der pensionierte Archivar und Historiker. Einige interessante Erkenntnisse hat er bereits gewonnen. "Es gab zum Beispiel früher sehr viel weniger Wald in der Gegend. Die Bäume wurden erst im 18. Jahrhundert gepflanzt, um den Sand auf dem Geestrücken halten zu können."

Alte Römerstadt als Inspiration

Für Hartmut Müller bedeutete der Schritt in den Ruhestand auch eine Art Befreiung. "Die Arbeit im Staatsarchiv hat mir Freude bereitet, aber sie wurde immer mehr zum Verwaltungsjob." Nach seiner Pensionierung konnte er hingegen wieder so richtig loslegen und das machen, was er einst gelernt hatte, wofür er Historiker geworden war. "Durch meine Kindheit in Trier bin ich schon mit Geschichte groß geworden", erzählt Müller. "Unter der Moselbrücke haben wir als Kinder nach alten Münzen getaucht, meistens natürlich ohne etwas zu finden." Die alte Römerstadt sei einfach sehr inspirierend gewesen. In Mainz und Saarbrücken studierte Hartmut Müller nach dem Abitur Geschichte und im Nebenfach Germanistik. Im Saarland promovierte er schließlich auch zum Thema "Frühmittelalterliche Kirchen- und Siedlungsgeschichte im luxemburgisch-französisch-deutschen Grenzgebiet". Schon vorher hatte er seine Frau Hiltraud kennen gelernt, die in Grabstede im Landkreis Friesland aufgewachsen war und in

Saarbrücken Sprachen studierte.

Gemeinsam ging es dann nach Bremen, wo Hartmut Müller eine Stelle am Staatsarchiv fand. Das war 1965, als der Neubau noch in Planung war. Nach seinem Referendariat in Bremen und an der Archivschule in Marburg trat er 1967 seinen Dienst als Assessor in Bremen an. Acht Jahre später wurde er jüngster Direktor des Staatsarchivs eines Bundeslandes - mit gerade einmal 37 Jahren. "Unter den Kollegen war ich ein Jüngling", erinnert sich Müller. Dem Bremer Staatsarchiv blieb er bis zur Pensionierung treu, auch wenn er mal ein Angebot aus Bonn hatte. Doch Müller lehnte ab: "Der Umgang dort entsprach nicht meiner sozial-liberalen Auffassung." Sein Vorbild war in den Tagen Willy Brandt, aber auch Hans Koschnick, den Bremer Bürgermeister, bewunderte er. "Ich habe ihn als Dienstherrn immer geschätzt. Das war eine enge Zusammenarbeit."

Beruflich interessierten Hartmut Müller vor allem die Bremer Außenbeziehungen, die Bremer Außenwirtschaft und die Beziehungen zu den Kolonien. "Also eher 18. bis 20. Jahrhundert, obwohl ich eigentlich aus dem Mittelalter komme." Mit der Zeit verlagerte sich Müllers Interesse auf die Aufarbeitung der Naziherrschaft in Bremen. "Das habe ich bis zur Leidensgrenze und darüber hinaus getan", erzählt der Moordeicher. "Bei der Beschäftigung mit den Verbrechen und den Opfern muss man sich irgendwann aber auch abschotten - sonst wird man selber krank."

Ohne Hartmut Müller würde es wohl heute kein Mahnmal in Obernheide geben. "1985 hatte ich mit Freunden erstmals Überlebende des Lagers eingeladen. Im Stuhrer Rat wurde damals noch kontrovers diskutiert über das Thema Mahnmal. Viele wollten nicht, dass man darüber schreibt oder spricht." Die Zwangsarbeiterinnen waren zunächst aus Auschwitz nach Bremen angefordert worden. Nach der Ausbombung dort wurde das Lager im September 1944 nach Obernheide verlegt. Im März 1945 wurden die Zwangsarbeiterinnen nach Bergen-Belsen deportiert, wo viele starben.

Aber auch in Obernheide kamen Frauen ums Leben. "Ich erinnere mich an Lola Ohringer, die damals noch Cederbaum hieß. Sie war mit ihrer Schwester Eva in Obernheide. Die Schwester wurde krank und starb, Lola Ohringer wanderte nach Kriegsende nach Israel aus. Lange wusste sie nicht, wo ihre Schwester begraben liegt", erzählt Müller. Dann habe er in Bremen in den Unterlagen des Friedhofsamtes ihren Namen gefunden, erzählt Hartmut Müller. "Ich konnte Lola Ohringer davon bei einem Besuch in Israel Fotos zeigen. Es war schon sehr bewegend."

Abseits der Touristenpfade

Neben seinem Engagement als Historiker und Archivar nutzt Hartmut Müller seinen Ruhestand, um mit seiner Frau Hiltraud - die beiden Söhne sind längst erwachsen, dazu gibt es inzwischen vier Enkelkinder - zu verreisen. Allerdings meiden sie dabei Pauschalreisen. Sie haben vielmehr Ziele, vor denen viele Touristen zurückschrecken. "Von Januar bis März waren wir in Vietnam", erzählt Müller. Das Land befinde sich mittlerweile stramm auf dem chinesischen Weg. "Money ist alles", bedauert Müller. "Es ist inzwischen auch sehr hektisch dort. Dafür hat Vietnam aber auch landschaftlich viel zu bieten."

Der Krieg sei für viele Leute dort ein Tabuthema. Vietnam - das war für Hartmut Müller und seine Frau Hiltraud auch eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. "Wir haben früher auf der Straße gegen den Krieg demonstriert - vor allem meine Frau war da sehr aktiv", berichtet der 72-Jährige. Und sie besuchten gemeinsam auch Dienbienphu. "Das war 1954 für die Franzosen ihr Stalingrad", sagt Müller. Der Norden Vietnams sei sehr vielfältig. "Viele Menschen sind eingewandert und gehören Minderheiten an. Da können sich teilweise nicht mal die Menschen aus den Nachbardörfern verständigen." Gut verständigen konnte sich Hartmut Müller in Saigon - da traf er nämlich seinen Nachbarn aus Moordeich, der einst als "Boatpeople" aus dem Land geflohen war und gerade auf Verwandtschaftsbesuch dort weilte. Deutlich mulmiger war dem Ehepaar Müller bei einem Besuch in Burma zumute, wo seit Jahrzehnten das Militär herrscht. "Die Menschen dort sind so verängstigt, dass überhaupt nicht

mehr viel Polizei- und Militärpräsenz erforderlich ist", hat Hartmut Müller beobachtet. "Die leben dort wie in den 50er Jahren, noch mit Ochsenfuhrwerken."

Ein weiteres großes Hobby von Hartmut Müller und seiner Familie ist das Kajak-Fahren. "Da machen wir auch heute noch Wanderfahrten mit dem gesamten Gepäck", verrät er. Vor allem in Frankreich. Eine gute Wahl für Hartmut Müller. Denn aufgrund seiner Herkunft ist er auch ein echter Weinkenner. Wenn der Moordeicher sich aber wieder daheim der Geschichte widmet, schlagen - wie früher - zwei Herzen in seiner Brust. "Als Historiker will ich alles aufbewahren, aber als Archivar muss ich aussortieren, was wirklich wichtig ist."

Die Arbeit der Geschichtswerkstätten in der Region sieht er positiv. "Wenn Zeitzeugen erzählen, ist das lebendige Geschichte. Das verleiht dem Ganzen Farbe und spricht auch die jungen Leute an." Ein Problem sei aber bisweilen die richtige Einordnung der Erlebnisse in den historischen Zusammenhang. Doch was ist überhaupt Geschichte? Das sieht Hartmut Müller nach zehn Jahren im Ruhestand inzwischen pragmatisch: "Alles, was geschehen ist. Nicht nur, was bereits komplett abgeschlossen ist."

Jetzt sind erst mal Fahrenhorst, Warwe und Feine an der Reihe.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+