Landesforsten-Sprecher Rainer Städing über die aktuelle Lage der Wälder in der Region / Sorgenkind Eiche

„Bislang sterben nur einzelne Bäume“

Vor wenigen Tagen wurde der Waldzustandsbericht 2012 veröffentlicht. Danach ist die Vitalität der Wälder in Niedersachsen weiterhin eingeschränkt, zu bemerken unter anderem an schütteren Kronen. Zu einem Gespräch über den Aussagewert der Studie, die Lage in der Region, Probleme und mögliche Abhilfe traf sich Redakteurin Ute Winsemann mit Landesforsten-Sprecher Rainer Städing im Stenumer Holz.
05.12.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Vor wenigen Tagen wurde der Waldzustandsbericht 2012 veröffentlicht. Danach ist die Vitalität der Wälder in Niedersachsen weiterhin eingeschränkt, zu bemerken unter anderem an schütteren Kronen. Zu einem Gespräch über den Aussagewert der Studie, die Lage in der Region, Probleme und mögliche Abhilfe traf sich Redakteurin Ute Winsemann mit Landesforsten-Sprecher Rainer Städing im Stenumer Holz.

Frage: Laut Waldzustandsbericht betrug die sogenannte mittlere Kronenverlichtung in diesem Jahr landesweit 16 Prozent. Was heißt das? Fehlt jedem Baum ein knappes Sechstel der Blätter oder Nadeln, oder sind fünf von sechs Bäumen kerngesund, der sechste aber praktisch kahl?Rainer Städing:

Das ist eine Durchschnittszahl, die eigentlich wenig aussagt, weil sie sich auf ganz verschiedene Baumarten und ganz verschiedene Baumalter bezieht und auf ganz verschiedene Regionen – und die Mischung macht dann 16 Prozent aus.

Die Schäden treten also nicht flächendeckend auf, sondern sind nach Standorten und Baumarten sehr unterschiedlich und an einigen Stellen dann umso heftiger?

Genau. Wir haben bei der Fichte und bei der Kiefer relativ geringe Schadensprozente und über die Jahre stark zurückgehend. Bei der Eiche und Buche haben wir deutlich höhere Schadenswerte. Zum Beispiel schlagen bei der Eiche die ja deutlich sichtbaren Folgen der Fraßschäden durch. Die waren hier im Weser-Ems-Raum eher weniger, während sie sich anderen Regionen so dramatisch fortgesetzt haben wie in den vorigen Jahren.

Sie sprachen eben von Weser-Ems, wie sieht es im Landkreis Oldenburg aus?

Die Nadelbaumarten haben kaum Probleme nach meiner Kenntnis und Beobachtung. Das heißt, in der Erfassung schneiden die auch hier relativ gut ab.

Gibt es im Landkreis besondere Auffälligkeiten, negativ oder auch positiv?

Also, positiv eben die Nadelbäume. Was uns – wie auch landesweit – weiterhin Sorgen macht, ist die Eiche, was Sie zum Beispiel auch im Stenumer Holz sehen können mit deutlichen Kronenverlichtungen. Dazu haben wir hier einen relativ hohen Anteil abgestorbener Eichen – das fällt ins Auge, weil sie die letzten Jahre nicht geschlagen worden sind. Und an vielen Buchen kann man auch erkennen, dass die Feinreisig-Bildung nicht überall normal ist. Der Schwerpunkt liegt aber immer auf alten Waldbeständen, während jüngere Buchen und Eichen in der Regel einen guten Gesundheitszustand aufweisen.

Ist dann zu erwarten, dass diese Wälder, wenn sie älter werden, auch kränker werden, oder besteht die Hoffnung, dass die jungen Wälder so verhältnismäßig gesund bleiben, wie sie jetzt sind?

Erstmal ist es wie beim Menschen auch, dass ältere Bäume eher etwas krankheitsanfälliger sind. Aber wir hoffen natürlich, dass die Belastungen, die auf die Wälder einwirken, weiter zurückgehen und der Zustand damit verbessert wird. Aber das sind Rahmenbedingungen, auf die wir nur hinweisen können.

Bei den Buchen und Eichen hat sich das Niveau der Kronenverlichtung seit Messungsbeginn 1984 mehr als verdoppelt. Die Eichen stehen mittlerweile am schlechtesten da. Bei den älteren Exemplaren erreichte die Verlichtung schon im dritten Jahr in Folge 34 Prozent. Woran liegt das?

Besonders an der sogenannten Eichenfraßgesellschaft, die im Frühjahr die Eichen kahl frisst: Großer und Kleiner Frostspanner und der Grüne Eichenwickler. Über die Jahre gab es immer Massenvermehrungen und dann wieder einige Jahre Erholungspause. Wenn Sie aber jetzt ab etwa 2005 die Statistik betrachten, dann haben wir durchgängig eine Massenvermehrung dieser Insekten mit starkem Kahlfraß. Das schwächt die Eichen sehr.

Aber die Raupen gab‘s doch früher auch schon. Warum richten sie denn auf einmal so viel größere Schäden an?

Das sind Dinge, die wir nicht genau beantworten können. Das hat mit Witterungsextremen zu tun und kann damit auch mit der Klimaänderung zu tun haben. Das bedarf aber noch weiterer Forschung.

Nun sind Eichen nicht gerade typisch für die Region. Sie sind aber prägend für einige besonders markante Wälder, unter anderem für den Hasbruch. Wie gefährdet sind gerade die älteren Eichenwälder?

In anderen Regionen Niedersachsens halten unsere Fachleute einzelne Eichenwälder durchaus für gefährdet. Hier ist es noch nicht so, dass man befürchten muss, dass flächig Waldbestände absterben. Bislang sterben nur einzelne Bäume oder Baumgruppen. Und wenn die Gruppe etwas größer ist, nehmen wir die abgestorbenen Bäume und noch ein paar andere weg und pflanzen neu. Prinzip Hoffnung.

Müssen wir uns konkrete Sorgen um die Friederikeneiche im Hasbruch machen?

Nein.

Was kann man tun, um den Bäumen insgesamt und speziell den Eichen zu helfen?

Wir haben einmal das Problem, dass Stickstoff aus der Luft in einer Menge auf die Wälder niedergeht, die die Waldökosysteme nicht abpuffern können. Und mit steigender CO2-Belastung und Klimaveränderung bekommen wir neue Entwicklungen in den Wäldern, denen wir wissenschaftlich kaum hinterherkommen. Je langsamer das abläuft, umso besser, weil langlebige Wälder sich nicht kurzfristig auf schnelle Veränderungen einstellen können.

Wie sieht’s mit kurzfristigen Maßnahmen aus? In diesem Jahr ist zum ersten Mal wegen der Eichenfraßgesellschaft aus der Luft gespritzt worden – aber nicht hier. Warum nicht?

Es sind tatsächlich erstmals Eichenwälder gespritzt worden – ausgesuchte, die besonders stark belastet sind. Dem waren Probefänge über Leimringe vorausgegangen, die man auch hier im Stenumer Holz oder im Hasbruch sehen kann. Die Leimringkontrolle wird in diesem Winter fortgesetzt. Und dann wird man im nächsten Frühjahr sehen, was die Auswertungen ergeben.

Die Landesforsten setzen seit Jahren auf mehr Mischwälder, der Anteil von Laubbäumen soll weiter erhöht werden. Wie passt das eigentlich dazu, dass die Laubbäume jetzt so spürbar schwächeln?

Erstmal ist es eine grundsätzliche Entscheidung, möglichst mit den standortheimischen Baumarten zu wirtschaften. Und wir haben mit reinen Nadelbaum-Pflanzungen ja auch unsere Probleme gehabt. Deswegen bleiben wir bei den heimischen Laubbaumarten, auch wenn sie ab und zu schwächeln, und gehen davon aus, dass die Probleme nicht existenzbedrohend für die Wälder sind – und dann sind Eichen und Buchen weiterhin eine gute Entscheidung.

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