Niederdeutsches Theater Delmenhorst

Boulevardtheater in bester Form

Bei der Premiere ihres neuen Stücks „Geld verdarvt den Charakter“ begeisterten die Akteure des Niederdeutschen Theaters Delmenhorst die Zuschauer im Kleinen Haus.
10.03.2019, 16:37
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Von Heide Rethschulte
Boulevardtheater in bester Form

Ordentlich Trubel auf der Bühne gab es mit dem Niederdeutschen Theater bei der Aufführung ihres neuen Stücks "Geld verdarvt den Charakter".

INGO MÖLLERS

„Du gehst zur Tür raus, und wenn du wieder reinkommst, dann glaubst du, du bist im Irrenhaus.“ Den Spielern mag es so vorgekommen sein. Die Zuschauer aber hatten am Sonnabend bei der dritten und letzten Saisonpremiere des Niederdeutschen Theaters Delmenhorst (NTD) im sehr gut besuchten Kleinen Haus einen Riesenspaß. Mit dem Lustspiel „Geld verdarvt den Charakter“ starteten die Amateurschauspieler einen Direktangriff auf die Lachmuskeln des Publikums und waren mit ihrem Vorhaben in allen Belangen erfolgreich.

„Geld verdarvt den Charakter“ aus der Feder des Engländers Ray Cooney (Niederdeutsch: Manfred Hinrichs) ist ein Lustspiel, bei dem unterschwellig ernstere Fragen aufgeworfen werden, das aber in der Hauptsache auf die Unterhaltung der Zuschauer abzielt. Was da am Sonnabend so leicht und locker über die Bühne ging, war harte Schauspielarbeit. Den acht Akteuren wurde im mehr anwachsenden Lügengewirr vor allem konzentrationsmäßig alles abverlangt. Wie sie mit dem immer turbulenteren Geschehen und den ständigen Namensänderungen umgingen, war Boulevardtheater in seiner besten Form. Unter der Regie von Dirk Wieting und Christine Petershagen hatte das Ensemble eine Inszenierung erarbeitet, die immer mehr an Fahrt aufnahm und letztlich den Saal zum Kochen brachte.

Um einen Cooney zu inszenieren, bedarf es Fingerspitzengefühl. Die Stücke des 86-jährigen Engländers folgen dem stets gleichen Schema. Die Zuschauer haben den Durchblick, die Akteure aber verstricken sich in immer abstrusere Lügengeschichten. Das turbulente, zum Teil sogar wilde Geschehen verleitet dazu, die Schraube zu überdrehen. Aber genau das machte das heimische Regieduo nicht. Das Spieltempo war dem Genre entsprechend hoch. Aber immer wieder gab es Momente, manchmal war es nur ein Blick, der effektvoll in die Länge gezogen wurde, die dafür sorgten, dass die Inszenierung nicht aus der Kurve flog.

Dem Publikum wurde auch einiges abverlangt. Die Namen der Akteure wurden mit fortschreitender Spieldauer so schnell gewechselt, dass man neben den ständigen Lachattacken bestens damit beschäftigt war, alle Fäden auseinanderzuhalten. Dass das gut gelang, lag auch daran, dass die Regie akribisch darauf geachtet hatte, dass bei allem Tempo sehr deutlich gesprochen wurde. Hier machte es sich bemerkbar, dass Wieting und Petershagen mit den Spielern seit Januar sehr intensiv gearbeitet hatten, um die Charaktere der einzelnen Personen passgenau herauszuarbeiten. Da fiel es für das Publikum auch nicht ins Gewicht, dass die beiden Hauptakteure Heiko Petershagen als Henry Pehmöller und Doris Ostermann als seine Frau Anne hustenmäßig mit den Nachwirkungen einer Grippe kämpften, die sie zu Wochenbeginn noch ans Bett gefesselt hatte. Beide boten bemerkenswerte Leistungen.

Allen voran Doris Ostermann, die mit ihrer unvergleichlichen Gesichtsakrobatik eine urkomische Darstellung der Anne gab, die als bisherige Abstinenzlerin das wilde Treiben nur noch mit dem Griff zur Cognacflasche ertragen konnte. Petershagen glänzte als Henry Pehmöller, der aufgrund des unerwarteten Geldsegens, von jetzt auf gleich sein Leben komplett ändern will. In diesem Punkt warf das Lustspiel auch Fragen auf. Darf man Geld, zu dem man zufällig durch das Vertauschen zweier Aktenkoffer kommt, behalten? Darf man seinen Partner überrumpeln und ihn ohne die Chance auf Mitsprache in ein neues Leben drängen? Henry jedenfalls ist der Meinung, dies tun zu können. Das aber schwang nur im Hintergrund mit. Hauptsächlich ging es um die Belustigung des Publikums.

Dabei mischten Gesa Schierenstedt und Markus Flügger als befreundetes Ehepaar Elli und Wikko Jansen, das zur Feier von Henrys Geburtstag kommt, kräftig mit. Schierenstedt hatte als plitsche Elli großen Spaß am Namen-wechsel-dich-Spielchen. „Hier ist Tatort in echt“, oder „Auf RTL kannst du kein besseres Programm kriegen!“, jubelte sie begeistert und hatte auch kein Problem damit, Henrys Angebot, anstelle von Anne mit nach Barcelona zu reisen, anzunehmen. Markus Flügger untermauerte seinen Ruf als wandelbarer Komödiant, der als begriffsstutziger Wikko so manches Mal zur Freude des Publikums variantenreich dumm aus der Wäsche schaute.

Weiter zur Verwirrung trug Heinrich Caspers als korrupter Polizeimeister Dasenbrook bei. Auch er agierte mit viel Spielfreude, war aber im ersten Akt aufgrund zu schnellen Sprechens hin und wieder schwer zu verstehen. Einen guten Einstand feierte Claus Deters beim NTD. Der Neuzugang hatte als Kriminalkommissar Schlüter alle Mühe, den Überblick in der sprunghaft anwachsenden Verwandtschaft der Pehmöllers zu behalten. Niklas Müller bewies mit seinen schwungvollen Auftritten als Taxifahrer Björn, dass man aus einer kleinen Rolle sehr viel machen kann. Heino Brackhahn war es schließlich vorbehalten, am Ende als Gauner einen wirkungsvollen Auftritt hinzulegen.

Nachdem die Spieler in der gelungenen modernen Kulisse, mit der Thorsten Heise einen erfolgreichen Einstand als Bühnenbildner feierte, alles gegeben hatten, zog das Publikum, das nach etwas verhaltenen Reaktionen in der ersten Viertelstunde immer mehr mitgegangen war, beim minutenlangen Schlussapplaus alle Register. Von Standings Ovations, über Jubel und Getrampel war alles dabei.

Karten für die zehn weiteren Vorstellungen bis zum 28. April gibt es im Kleinen Haus (Telefonnummer 04221/ 1 65 65), online unter www.ntd-del.de sowie bei allen Vorverkaufsstellen von Nordwest-Ticket, also auch in der Geschäftsstelle des DELMENHORSTER KURIER, Lange Straße 41.

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