Prozess gegen Niels Högel Chefermittler: Högel wollte am Ende nur noch töten

Vor dem Landgericht Oldenburg sagen nun die Zeugen im Fall des ehemaligen Oldenburger und Delmenhorster Krankenpflegers Niels Högel aus. Soko-Leiter Arne Schmidt gab erstaunliche Einblicke in die Ermittlungen.
03.01.2019, 18:41
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Chefermittler: Högel wollte am Ende nur noch töten
Von Andreas D. Becker

Am Ende seiner Zeit in Delmenhorst ging es Niels Högel nur noch darum, Menschen zu töten. Das sagte Arne Schmidt, der die Ermittlungen gegen den ehemaligen Krankenpfleger über drei Jahre leitete, am Donnerstag vor dem Landgericht Oldenburg aus. Am Anfang, in Oldenburg und vielleicht noch in seinem ersten Jahr in Delmenhorst, könne das Motiv von Högel tatsächlich gewesen sein, dass er Patienten mit Medikamenten in eine lebensbedrohliche Situation spritzte, um anschließend bei der Wiederbelebung vor Kollegen mit seinen Fähigkeiten zu brillieren. Doch irgendwann in den Delmenhorster Jahren musste die Motivation gekippt sein. Weil sich Högel wahllos Patienten aussuchte, Menschen, bei denen es alles andere als sicher war, ob sie überhaupt aus der Krise ins Leben zurückgeholt werden können, weil sie so schwer erkrankt waren. Weil immer mehr Menschen, die Högel doch vorgeblich retten wollte, unter seinen Händen starben. Und weil es schon lange kein Lob und keine Anerkennung für ihn und seine Reanimationsfähigkeiten mehr gab, sagte Schmidt.

Mehr als zwei Stunden erzählte Schmidt aus dem Alltag der Sonderkommission Kardio, die im Oktober 2014 ihren Dienst aufnahm und offiziell am 31. August 2017 aufgelöst wurden. Wobei einige Beamte immer noch in gewissen Nebensträngen des Högel-Verfahrens, in dem dem ehemaligen Krankenpfleger aktuell 100 Morde an Patienten in Oldenburg und Delmenhorst vorgeworfen werden, ermitteln. Unter anderem geht es dabei darum, welche ehemaligen Kollegen Högels vom Klinikum Oldenburg wegen Totschlags durch Unterlassen angeklagt werden sollen. Vom Klinikum Delmenhorst müssen sich nach Beendigung des jetzigen Verfahrens vier teils ehemals Beschäftigte verantworten.

Fälle grafisch rekonstruiert

Teil dieses Alltags der Sonderermittler waren Grafiken, die optische Umsetzung ihrer Erkenntnisse. Es ging damit los, dass alle Todesfälle auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst vom 15. Dezember 2002 bis zum 24. Juni 2005 vermerkt wurden. Dann wurden in diese Tafel die Dienste Högels eingetragen. Schon in den ersten 16 Tagen in Delmenhorst gab es Auffälligkeiten: Acht Menschen starben damals auf der Intensivstation, sechs davon, als Högel Dienst hatte. Doch von diesen sechs wurde nur ein Fall erdbestattet: Johann W., verstorben am 22. Dezember 2002, 17.37 Uhr. Nur seine Überreste konnten die Ermittler genauer untersuchen. Sie wurden fündig, Ajmalin ergab die toxikologische Untersuchung, also das von Högel nachweislich in 29 Todesfällen in Delmenhorst als Waffe eingesetzte Herzmedikament.

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Högel gab zu, dass er an Johann W. manipuliert habe, wie das Vergiften im Prozess technisch neutral genannt wird. W. überlebte die Attacke von Högel nicht. „Ich war überrascht und beeindruckt“, erinnerte sich der 42-Jährige, der 2015 wegen zweifachen Mordes an Patienten bereits zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. „Ich dachte, ich könnte es beherrschen.“ Was auch deswegen eine verblüffende Aussage war, weil Högel es in Oldenburg ja schon nicht beherrschen konnte und mindest 36 Patienten seinetwegen starben. Zumindest ist das die Zahl der Fälle, die die Ermittler meinen, Högel sicher auf der herzchirurgischen Intensivstation in Oldenburg nachweisen zu können.

Als die Ermittler ihre Statistik führten, fiel ihnen schnell auf, dass die Zahl der Toten auf der Intensivstation in Delmenhorst 2003 bereits deutlich anstieg. Und zwar vor allem in den Nachtdiensten. Ganz offensichtlich agierte Högel damals noch vorsichtiger, schlug vor allem dann zu, wenn nicht so viel auf der Station los war. Das änderte sich. Auffällig war laut Schmidt auch, dass so gut wie alle Doppel- oder Dreifachsterbefälle zu Högels Dienstzeiten geschahen. Um ganz sicher zu sein, dass Högel allein töte, er also keinen Komplizen hatte und es auch keinen Paralleltäter gab, wurden auch noch einmal die Dienstzeiten aller Kollegen verglichen. Doch bei keinem gab es einen Ansatzpunkt dafür, dass er in die Taten involviert war. Högel muss, das jedenfalls legt die Statistik sehr nahe, ein Einzeltäter gewesen sein, niemand war auch nur annähernd so oft bei Todesfällen auf der Station wie er.

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In einem nächsten Schritt wurden medizinische Gutachten zu den verdächtigen Todesfällen erstellt. Dabei ging es aber nicht nur um Menschen, die während der Dienstzeit von Högel starben. Das war bereits eine Lehre aus dem allerersten Prozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger. Högel wurde 2008 wegen versuchten Mordes an Dieter M. zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Weil Dieter M. nicht unmittelbar verstarb, nachdem Högel ihm Gilurytmal verabreicht hatte, sondern erst Stunden später, untersuchten die Ermittler auch alle Patienten, die bis zu zwölf Stunden nach Högels Schichtende verstarben. Sah der Gutachter, Professor Wolfgang Koppert, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, Anhaltspunkte für Auffälligkeiten, folgte eine Exhumierung. 134 Gräber wurde im Rahmen der Ermittlungen geöffnet. Schließlich wurden noch über 100 Zeugen vernommen, die helfen sollten, Licht ins Dunkel zu bringen.

Was Högel weiter leugnet

Obwohl: Einiges wird für immer im Dunkeln bleiben, sagt Schmidt. Zum Beispiel, was im Rettungsdienst in Ganderkesee passierte, für den Niels Högel nebenberuflich tätig war. Auch dort kam es zu Auffälligkeiten, eine Delmenhorster Krankenhaus-Kollegin von Högel, Astrid W., hatte ausgesagt, dass zu viele Patienten, die mit Högels Wagen ins Krankenhaus kamen, intubiert waren. Auch andere sagten das aus. Eine Rettungswagenepisode untersuchten die Beamten besonders. Nach einem Autounfall musste ein Mann, der in seinem Wagen eingeklemmt war, ins Krankenhaus gebracht werden. Högel kannte ihn, es war ein Kollege. Angeblich sogar ein Freund. Högel muss ihm ein Muskelrelaxans gegeben haben, wird Professor Koppert später feststellen, denn ansonsten lasse sich die plötzlich auftretende Ateminsuffizienz nicht erklären. Der Freund muss bei vollem Bewusstsein gewesen sein, als er auf einmal keine Luft mehr bekam. „Wir wollten durch die Konfrontation mit diesem besonders grausamen Fall etwas über die Persönlichkeit von Niels Högel herausbekommen“, sagte Schmidt. Warum er, der sonst angeblich nur Patienten wählte, die sediert waren, im Koma lagen, einen Menschen für eine Tat auswählt, den er gut kennt.

Der Mann überlebte, wie alle anderen, die von Högel auf dem Rettungswagen betreut wurden. Daher kann Högel heute nichts mehr nachgewiesen werden. Abgesehen davon wären die Taten, schwere Körperverletzungen, verjährt. Und Högel schweigt. Oder streitet ab. Wie bei allen Vorwürfen, die ihm nicht nachgewiesen werden können. Selbst wenn die Indizien anderes sagen. Aber es ist das gleiche Muster wie immer, sagte Schmidt vor Gericht. Erst leugnet Högel komplett. Wenn die Beweislast zunimmt, beruft sich Högel auf Erinnerungslücken, schiebt es auf seinen Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. Und wenn das nichts hilft, gesteht er doch. Und erinnert sich zuweilen an erstaunliche Details, sogar an Dinge jenseits der medizinischen Akten, die er im Gefängnis lesen konnte.

Der Prozess wird an diesem Freitag um 9 Uhr in den Weser-Ems-Hallen fortgesetzt.

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