Stadtchronik Delmenhorst Der digitale Grundig

Die „Geschichte der Stadt Delmenhorst“ des ehemaligen Stadtarchivars Edgar Grundig sind noch heute eine unverzichtbare Quelle für Forschungen über die Stadt. Nun können sie im Internet eingesehen werden.
03.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Der digitale Grundig
Von Andreas D. Becker

Delmenhorst. „Die Siedlung und spätere Stadt Delmenhorst heißt von Anfang so, zuerst 1259, ab und zu tauchen einige etwas abweichende Schreibweisen auf. Es kommen vor: Delmenehorst, Delmendehorst, Dulmenhorst, Delmanhorst, Dolmenhorst, Dillmanhorst, Delmenhoerst, Delmhorst.“ So beginnt sie, die „Geschichte der Stadt Delmenhorst. Von ihren Anfängen bis zum Jahre 1848“, verfasst vom ehemaligen Stadtarchivar Edgar Grundig, einem Historiker alter Schule. Es ging ihm nicht ums Narrativ, eine flotte Erzählung. Es ging um Fakten. Und die sind nun mal nüchtern. So wie der gesamte Text. Aber: Grundigs Chronik ist das wohl wichtigste Standardwerk, das es über Delmenhorsts Geschichte gibt. Nun liegen alle Bände in digitalisierter Fassung vor.

2017 kam Grundigs Nachfolger Christoph Brunken der Gedanke, dass er diese Bücher dringend digitalisieren lassen müsste. Im Rahmen einer „Problemkartierung“, wie er es so schön nennt. Denn: Grundigs Werke sind ohne Zweifel wichtig, entsprechend werden sie oft benötigt. Gleichzeitig ist die Auflage damals schon gering gewesen, zudem die Qualität der Chroniken im Eigendruck eher schlecht mit ihrem „Nachkriegspapier“, erzählt Brunken. Sprich: Die meisten Bände, die es noch gibt, waren zerfleddert, zudem war die Schreibmaschinenschrift auf den immer dunkler und brüchiger werdenden Blättern kaum bis gar nicht mehr zu lesen.

Nicht ganz uneigennützig

Die Digitalisierung bot da einige Chancen. „Zumal das Neueinbinden beziehungsweise ein kompletter Neudruck einfach zu teuer gewesen wären“, wie Brunken erklärt. Künftig sollte es also Forschern möglich sein, zu Hause vom eigenen Rechner aus zu recherchieren. Das schont nicht nur das eh schon arg geschundene Papier, sondern ist in Zeiten der Corona-Pandemie ein Vorteil, weil niemand mehr extra ins Archiv gehen muss. Beziehungsweise: Wenn das Stadtarchiv coronabedingt wegen eines weiteren Lockdowns in der befürchteten zweiten Welle erneut schließen müsste, wäre niemand in seinem Forschungsdrang gehemmt. Und ganz uneigennützig ist der digitale Grundig auch nicht. „Er wird das Archiv von manchen Bagatellanfragen entlasten können.“

Ursprünglich sollte die Digital-Version der Chronik im kommenden Jahr präsentiert werden, wenn Delmenhorst 650 Jahre Stadtrechte feiern möchte. Aber in diesem Fall war Corona ganz hilfreich, weil deswegen auch Zeit vorhanden war, dieses Projekt voranzutreiben. Bereits seit Ende 2018 lag der Datensatz vom Digitalisierungsdienstleister wieder in Delmenhorst, aber ein viele Tausend Seiten starkes Werk zu überprüfen, ob nichts fehlt, frisst Zeit. Nun hatte Brunken davon ein wenig mehr als sonst im Alltag.

Allerdings dürfen Nutzer nicht den vollen Komfort erwarten. Wegen der besonderen Vorlage konnten die Seiten alle nur als Bilddatei gescannt werden. Zwar ist auch damit eine Volltextsuche möglich – aber es gibt keine Erfolgsgarantie. Obwohl Brunken die besterhaltenen Exemplare hat scannen lassen, rausgesucht in einem „Best-of-Vorlagen-Casting“, aber die Texterkennungssoftware stieß an ihre Grenzen. Das Problem: Die Schreibmaschinen-Type mit all ihren Tücken: Mal hämmerte ein Buchstabe zu kräftig aufs Papier und ist dicker. Mal steht ein Buchstabe höher oder ist nur schemenhaft zu erkennen. Dazu kam die ausbleichende Schrift auf dem immer stärker vergilbten Papier.

Die Tücken des Originals

Wer den Grundig nutzen möchte, muss noch andere Dinge bedenken. Brunken empfiehlt statt einer Volltextsuche erst einmal, sich mit der Systematik der Inhaltsverzeichnisse vertraut zu machen und darüber und über den Anmerkungsapparat in das Werk einzudringen. Zudem müsse immer bedacht werden, wann das Werk entstand: Zeitgenössische Begriffe wie „Kita“ sucht man vergebens, dafür gibt es Begriffe oder Berufe, die heute ausgestorben sind. Auch wichtig: Die Rechtschreibung hat sich durch die Jahrhunderte stark verändert. Lateinische Fachbegriffe, die französische Zeit mit entsprechenden Begrifflichkeiten oder auch niederdeutsche Wörter sind vorhanden, vor allem wenn Grundig für sein Werk Quelltexte zitiert: „Diese sind zwar paläografisch transkribiert, aber nicht der heutigen Schreibweise angepasst worden – von der Rechtschreibreform ganz zu schweigen. Dort steht vundt statt und, beyme statt beim, thun statt tun“, erklärt Brunken die Tücken.

Die Kosten für dieses Projekt hätte Brunken mit seinem Archiv-Budget nicht allein stemmen können, er bekam deswegen Unterstützung aus der Steuerungsunterstützung. Übrigens wurde nicht nur Grundig digitalisiert. Ergänzend wurden die Verwaltungsberichte der Stadt Delmenhorst gescannt. Somit lassen sich gut 5000 Seiten zur Stadtgeschichte bis Mitte 1994 bequem abrufen. Perspektivisch sollen auch die Verwaltungsberichte bis zum Jahr 2000, die inhaltlich kompakter gehalten sind und als Statistische Jahrbücher firmieren, noch digitalisiert werden.


Der Weg zum digitalen Grundig ist etwas mühselig, er findet sich auf der Seite www.delmenhorst.de/leben/stadt/geschichte/digitalisierungsprojekte-stadtarchiv.php auf der Homepage der Stadt.

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