Auswirkungen der Pandemie Mehr Kinder süchtig nach Medien

Laut einer Studie hat krankhaftes Computerspielverhalten und Social-Media-Sucht bei Kindern und Jugendlichen in der Pandemie zugenommen. Durch die vermehrte Nutzung würden Sport oder Hobbys oft vernachlässigt.
03.12.2021, 15:32
Lesedauer: 4 Min
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Mehr Kinder süchtig nach Medien
Von Desiree Bertram

Viele Monate lang sind auch in Delmenhorst die Schüler von zu Hause aus über den Bildschirm unterrichtet worden, und soziale Kontakte mussten eingeschränkt werden. Dass während der Pandemie die Mediennutzung auch bei Kindern und Jugendlichen gestiegen ist, überrascht nicht: Die Frage ist, ob die vermehrte Bildschirmzeit am Handy, Computer oder an der Spielekonsole häufiger zu Medien- oder Spielsucht führt. Denn neben dem Präsenzunterricht wurden auch viele weitere Aktivitäten eingeschränkt – etwa Sportangebote oder Treffen mit Freunden. Soziale Netzwerke, Videospiele oder Dienste wie Whatsapp haben somit in den vergangenen Monaten einen neuen Stellenwert im Alltag bekommen: Häufig ermöglichte ausschließlich die digitale Welt, Kontakte untereinander aufrechtzuerhalten.

Laut einer Studie hat krankhaftes Computerspielverhalten und Social-Media-Sucht bei Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie zugenommen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters im Auftrag der Krankenkasse DAK. Demnach liege bei mehr als vier Prozent der Zehn- bis 17-Jährigen in Deutschland ein sogenanntes pathologisches – also krankhaftes – Nutzungsverhalten vor. In diesem Jahr seien 219.000 im Bereich Computerspiele von Suchtverhalten betroffen – 2019 waren es 144.000 Zehn- bis 17-Jährige. Bei der Nutzung von Social-Media-Plattformen wie Tiktok, Snapchat, Whatsapp oder Instagram ist die Zahl laut DAK von 171.000 auf 246.000 gestiegen.

Vier Befragungen als Grundlage

Vier Befragungen von Eltern und Kindern durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa bilden die Grundlage der Untersuchung. Diese fanden im Zeitraum von Herbst 2019, also vor der Pandemie, bis Mai und Juni dieses Jahres, als Präsenzunterricht langsam wieder möglich war, statt. Die Kinder und Jugendlichen haben Angaben zu Dauer und Nutzungsgründen von Spielen und Social-Media gemacht. Auch mögliche negative Auswirkungen auf die Erledigung von Aufgaben oder Schulnoten wurden thematisiert. Studienleiter Rainer Thomasius vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf warnt vor den Folgen, die durch vernachlässigte Aktivitäten und einen verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus entstehen können. „Da persönliche, familiäre und schulische Ziele in den Hintergrund treten, werden alterstypische Entwicklungsaufgaben nicht angemessen gelöst", sagt Thomasius. Im kommenden Jahr werde eine weitere Befragung angestrebt. So soll herausgefunden werden, ob die Pandemie dauerhafte Auswirkungen auf das Nutzungsverhalten ausgelöst hat.

Von einer krankhaften Nutzung wird gesprochen, wenn bei Betroffenen ein Kontrollverlust zu beobachten ist. Das bedeute, dass sich negative Konsequenzen im Alltag bemerkbar machen, erklärt Nils-Oke Bartelsen, Delmenhorster Fachkraft für exzessive Mediennutzung von der Drogenberatung: "Durch die vermehrte Nutzung werden andere Sachen wie Hobbys, Haushalt oder Verabredungen vernachlässigt." Andere negative Wirkungen auf den Alltag können auch zum Beispiel schlechtere Noten sein. Bartelsen findet es wichtig, genau zu hinterfragen, woran solche negativen Veränderungen liegen: "Eine Abhängigkeit entsteht nicht nur, weil man etwas mehr nutzt, sondern durch die Funktion der Nutzung." Derzeit gebe es auch nachvollziehbare Gründe für eine vermehrte Mediennutzung, etwa im sozialen, zwischenmenschlichen Bereich, wenn viele Aktivitäten coronabedingt wegfallen. Dennoch sollten Medien nicht dafür genutzt werden, um Gefühle zu kompensieren.

Ausmaß zeigt sich nach der Pandemie

In den vergangenen Monaten waren zwar Sport und Verabredungen wieder mehr möglich, aber dennoch eingeschränkt. Nun steigen die Zahlen wieder, und das bringt zwangsläufig erneute Einschränkungen mit sich. Da die Pandemie noch nicht vorbei ist, lasse sich laut Bartelsen derzeit noch nicht genau sagen, in welchem Ausmaß Kinder und Jugendliche von Mediensucht betroffen sind: "Erst, wenn der normale, ursprüngliche Alltag zurückkehrt, merkt man die problematische Entwicklung." Er vermutet, dass es sich um einen schleichenden Prozess handelt. Generell sei die Nachfrage bei der Beratungsstelle in Delmenhorst in den vergangenen Jahren gestiegen – unabhängig von den coronabedingten Einflüssen. Besonders wichtig sei es, Alternativen zu schaffen und Routinen aufzubrechen, erklärt Bartelsen: "Es ist hilfreich, Regeln für die Mediennutzung zusammen festzulegen." Betroffenen könnten auch individuelle Aufgaben gegeben werden, die es zu bewältigen gilt.

Laut Johann Böhmann, langjähriger Chefarzt der Kinderklinik und aktuell Leiter des Delmenhorster Instituts für Gesundheitsförderung, verschlimmert die Pandemie insbesondere die Lage derer, die vorher auch schon Probleme hatten. So leideten oft Kinder unter Mediensucht oder auch an Depressionen, die keine Alternativen haben, ihre Gefühle zu kompensieren. Gespräche seien essenziell, um die Gründe für die exzessive Nutzung herauszufinden. "Das ist ein analytischer Prozess", sagt Tim Berthold, Delmenhorster Präventionsfachkraft bei der Drogenberatung. Problematisch sei insbesondere, wenn etwa Computerspiele zur Gefühlsregulation genutzt werden – also, um Stress, Wut oder Trauer abzubauen. Eltern sollten sich bewusst damit beschäftigen, welche Inhalte wann und wie oft genutzt werden. "Wie geht mein Kind damit um?", fragt Berthold und ergänzt: "Fällt den Eltern auf, dass das Kind hibbelig oder unausgeglichen wirkt?"

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