Die kurdisch-türkische Frauenrechtlerin Sonja Fatma Bläser liest zum Weltfrauentag aus ihrem Buch "Hennamond" in Delmenhorst "Da erhalten die jungen Leute eine Gehirnwäsche"

Die Geschichte von Fatma B. ist im autobiografischen Roman "Hennamond" aufgeschrieben, so heißt auch der Verein, mit dem sie Frauen hilft, denen es so ergeht wie ihr: Frauen, die zwangsverheiratet werden sollen, Frauen, die Angst haben, Opfer eines Ehrenmordes zu werden. Sie finden bei "Hennamond" einen Zufluchtsort. Zudem tourt die Autorin ununterbrochen durch Deutschland, um über den Islam aufzuklären. Am 9. März ist sie auf Einladung des Deutschen Gewerkschaftbundes (DGB) in Kooperation mit der Buchhandlung Ruppert im Rahmen des Weltfrauentages in Delmenhorst. Andreas D. Becker sprach vorab mit Sonja Fatma Bläser.
26.02.2011, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Die Geschichte von Fatma B. ist im autobiografischen Roman "Hennamond" aufgeschrieben, so heißt auch der Verein, mit dem sie Frauen hilft, denen es so ergeht wie ihr: Frauen, die zwangsverheiratet werden sollen, Frauen, die Angst haben, Opfer eines Ehrenmordes zu werden. Sie finden bei "Hennamond" einen Zufluchtsort. Zudem tourt die Autorin ununterbrochen durch Deutschland, um über den Islam aufzuklären. Am 9. März ist sie auf Einladung des Deutschen Gewerkschaftbundes (DGB) in Kooperation mit der Buchhandlung Ruppert im Rahmen des Weltfrauentages in Delmenhorst. Andreas D. Becker sprach vorab mit Sonja Fatma Bläser.

Frage: In Ihrem Buch berichten Sie sehr intensiv davon, wie Ihr Vater mit Frauen umging, auch, wie er Sie schlug, an den Haaren über den Boden schleifte. Der Mann hatte das Frauenbild einer archaisch anmutenden kurdischen Bergwelt im Kopf, in der es selbstverständlich war, Frauen schlechter als das Vieh zu behandeln. Ein Rollenverständnis, das er auch weiterlebte, als ihre Familie nach Deutschland kam. Nun sind zwei weitere Generationen Migranten in Deutschland herangewachsen, nachdem Sie mit Ihren Eltern ankamen. Was hat sich seitdem verändert?

Sonja Fatma Bläser: Leider hat sich die Situation gar nicht verbessert, sie ist sogar noch seltsamer geworden. Das liegt auch an der technischen Entwicklung mit Handys und Internet. Das gab es in meiner Generation ja noch nicht. Die Ängste der Eltern werden dadurch immer größer, weil es vielen immer noch schwer fällt, mit der Zeit zu gehen. Durch die moderne Technik hat die Kontrolle und Überwachung der Frauen in muslimischen Familien sogar noch zugenommen. Das Internet ist ein gutes Beispiel für die Veränderung, weil gewisse Islambrüder es nutzen, um Frauen zu suchen. Sie fordern Freunde auf, ihre Schwestern, Cousinen oder Frauen aufzuspüren, wenn diese sich nicht so verhalten haben, wie es die Familie wollte, und sie dann aus Angst vor Strafe oder vor einem Ehrenmord die Flucht ergriffen haben. Im Internet werden Aufrufe gestartet, die an die Ehre appellieren. Immer mit dem Hinweis, dass der Empfänger der Nachricht weiß, dass der Absender jederzeit bereit wäre, für die Ehre des

anderen zu sterben.

Das klingt immer noch nach einem recht mittelalterlichen Umgang mit Frauen. Hat sich denn in all den Jahren das westliche Denken nicht bemerkbar gemacht?

Kaum. Dass das Frauenbild immer noch so wie früher ist, lässt sich mit vielen Faktoren erklären. Noch immer ist es so, dass viele Eltern nicht gelernt haben, wie sie mit ihren Kindern reden sollen. Für die ist Gewalt immer noch das einzige Mittel, um Konflikte auszutragen. Und dann muss man sehen, dass für viele Moslems auch nach 40 oder 50 Jahren Deutschland immer noch eine fremde Welt ist. Sie sind mit einer Kultur konfrontiert, die ihnen Angst einjagt.

Genau dieses Denken müsste sich doch mit der Zeit, wenn die Migranten in Deutschland mit anderen Werten konfrontiert sind, zumindest annähern?

Wie denn? Die großen Religionsführer und -lehrer, ich will nicht sagen in allen, aber doch bestimmt in 70 Prozent der Moscheen, predigen dieses traditionell fundamentalistische Frauenbild: Das patriarchalische System herrscht weiter. Es geht immer noch darum, dass das wichtigste Merkmal einer Frau ihre Reinheit ist, dass sie auf keinen Fall ihre Ehre verlieren darf, weil dann auch die Ehre der Familie zerstört ist. Die deutsche Gesellschaft bedingt für diese Prediger aber genau das: Deutschland ist unrein, es ist das Verderben. Das ist eine Religionsauslegung, die nicht mit den westlichen Wertvorstellungen, nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar ist.

Sie waren neun Jahre alt, als sie nach Deutschland gezogen sind. Sie sind also im Westen groß geworden und haben ganz offensichtlich diese Werte übernommen. Das müsste doch bei gleichaltrigen Männern und denen, die in Deutschland geboren wurden, ähnlich sein.

Das Problem der jungen Männer ist, dass sie in zwei Welten leben. Da ist einmal ihr Zuhause, eine Welt voller Tradition und Religion. Und dann ist da die andere Welt, in der sie lernen, dass all das, was zu Hause gelebt wird, nicht richtig ist. Das ist ein Spagat, den sie bewältigen müssen, der schwierig ist und mit dem sie allein gelassen werden. Um mit dieser Situation klar zu kommen, müssen sie sich für eine Welt entscheiden - und dann entscheiden sie sich für die Familie, weil das auch das Umfeld der Menschen ist, die sie kennen. Man müsste ihnen einen Weg zeigen, dass es anders geht, ohne dass man das eine oder andere aufgegeben muss. Aber das ist total schwierig.

Aber ist denn für diese Generation junger Männer der Begriff der Ehre noch vergleichbar mit dem, den Ihr Vater im Kopf hatte?

Selbst heute, in der dritten Generation, wollen die in Deutschland geborenen und immer noch lebenden Männer eine Jungfrau heiraten. Die Zukünftige sollte nicht beschmutzt sein. Außerdem sind die jungen Männer dem ständigen Druck in ihren Familien ausgesetzt. Und sie werden in den Familien auch ganz bewusst als Instrument eingesetzt, wenn es um die Ehre der Familie geht, die es zu schützen gilt. Auf der anderen Seite lassen sie sich auch instrumentalisieren, was aber verständlich ist, denn nur so bekommen sie Anerkennung in der Familie. Um sich dagegen zu wehren, braucht man ein anderes Wertesystem, dann müssen diese Jungs und Männer auch wissen, wofür sie sonst kämpfen sollten. Und das ist nicht die Ehre, sondern das müsste die Freiheit und Selbstbestimmung der Mutter oder der Schwester sein.

Was die Jungs doch in der Schule lernen.

In den Schulen gibt es islamischen Religionsunterricht, der ohne Kontrolle gehalten wird. Da erhalten die jungen Leute eine Gehirnwäsche. Das Beispiel Milli Görüs zeigt das. Die spenden viel Geld für diesen Religionsunterricht, in dem dann vermittelt wird, dass schon kleine Mädchen verschleiert sein sollten und dass das deutsche Volk ein Verderben ist.

Islamischer Religionsunterricht sollte in einer pluralistischen Gesellschaft wegen des hohen Guts der Religionsfreiheit aber auch einen Platz haben.

Religionsfreiheit heißt, dass ich mich zu meiner Religion bekennen kann, ohne verfolgt zu werden. Das bedeutet aber nicht, dass die Werte des Grundgesetzes missachtet werden. Wenn es so weitergeht, kann ich nur sagen: Ade Deutschland. Deswegen würde ich es begrüßen, wenn an den Schulen der Religions- durch einen Ethikunterricht ersetzt würde. Dieses Problem wird übrigens von der Politik total unterschätzt. Und auch die Medien berichten viel zu wenig darüber, wahrscheinlich weil sie Angst haben, die Argumentation der Rechtsextremen zu unterstützen. Aber man muss doch in Deutschland seine Meinung sagen dürfen, ohne gleich Angst zu haben, als Rassist zu gelten.

Die islamischen Religionslehrer werden mittlerweile an deutschen Universitäten ausgebildet - trotz der Freiheit der Lehre wird dort sicherlich kaum ein radikaler Fundamentalismus unterrichtet werden.

Man müsste in diesem Unterricht damit anfangen, den Koran mit modernen Augen zu sehen und ihn entsprechend neu auszulegen. Solange das aber nicht geschieht, können wir so viele junge Leute ausbilden, wie wir wollen. Dahinter steckt im Moment eher die geniale Strategie, die Leute argumentativ zu stärken, dem Islam durch gebildete junge Männer einen gesellschaftlich akzeptierten Anstrich zu geben. Das ist die neue Methode: Diese Menschen geben sich nach außen modern, wie voll integrierte Moslems - nur sie sind es nicht. Und auch eine bessere Ausbildung schützt nicht vor Gewalt und Dummheit.

Sie schreiben: "Es ist die größte Schwäche des Islam und gleichzeitig seine grauenvolle Stärke, dass er unfähig zur Diskussion, zur kritischen Stellungnahme sich selbst gegenüber ist." Hat sich der Islam denn gar nicht weiterentwickelt?

Es gibt auch einen modernen Islam. Nur: Diese Leute gehen lediglich in die Moschee zum Beten und ziehen sich ansonsten vollkommen aus der Gemeinde zurück, die sind in der deutschen Gesellschaft integriert, haben deutsche Freunde, treffen sich mit denen zum Grillen und essen auch Schweinefleisch. In solchen Familien gehen die Frauen arbeiten, aber sie sind die Ausnahme. Und diese Moslems haben keinen Einfluss auf andere, die immer noch gesagt bekommen: Wer sich dem Islam in den Weg stellt, muss das zu spüren kriegen. Ich sage aber meinen lieben Landsleuten und allen lieben Migranten: Wenn für euch das Leben so unerträglich ist, wenn ihr so große Angst habt, dass die Gesellschaft in Deutschland das "Verderben" für euch bedeutet, dann, bitte, verlasst doch dieses Land genauso so freiwillig, wie ihr gekommen seid. Keiner zwingt euch, mit Schweinefleisch fressenden Deutschen zu leben.

Anfangs veröffentlichten Sie unter dem Pseudonym Fatma B., um sich zu schützen. Jetzt treten Sie mit ihrem Klarnamen an. Haben die Bedrohungen aufgehört?

Nein, das geht immer noch so: Es gibt Morddrohungen gegen mich und meine Kinder, es gab Mordversuche. Ich bekomme tagtäglich Drohbriefe.

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