Interview zum Högel-Prozess

„Das ist eine zerstörerische Selbstliebe“

Der Psychiater Karl H. Beine hat den Prozess gegen Niels Högel regelmäßig im Gerichtssaal verfolgt. Im Interview spricht er über Högels Narzissmus, Zeugen ohne Erinnerung und Lehren aus dem Verfahren.
06.06.2019, 10:52
Lesedauer: 3 Min
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„Das ist eine zerstörerische Selbstliebe“
Von Nico Schnurr
Herr Beine, seit über 25 Jahren beschäftigen Sie sich mit Patiententötungen. Was haben Sie als Zuschauer beim Högel-Prozess gelernt?

Karl H. Beine: Ich habe gelernt, dass es in Deutschland eine Tötungsserie gibt, für die es international nach meinem Wissen keine Entsprechung gibt. Dass ein Krankenpfleger vor den Augen seiner Kollegen zu einem verrohten, brutalen Mörder werden kann. Und dass es in diesem Fall Opferzahlen gibt, die ich noch vor einigen Jahren für unmöglich gehalten hätte.

Was für ein Bild haben Sie sich vom Angeklagten gemacht?

Ich bin erschrocken darüber, wie wenig Reue und Einfühlungsvermögen ein Mensch aufbringen kann, der so viel Leid verursacht hat.

Nicht nur in seinem letzten Wort, auch zu Beginn des Verfahrens hat sich Niels Högel einmal an die Hinterbliebenen gerichtet…

…in einer Stimmlage, die er sonst auch an den Tag gelegt hat, mit unveränderter Mimik. Seine größte Regung war damals, dass er Zeigefinger und Daumen an die Schläfen gelegt und dann mit beiden Fingern über die Augen gestrichen hat. Wie vieles an seinem Auftreten schien mir auch das kalkuliert.

Was halten Sie noch für kalkuliert?

Was Högel erinnert und was nicht. Ich bin überzeugt, dass er sehr viel mehr weiß als er zugibt. Er hätte viel mehr über seine Motive erzählen können. Vor Gericht erinnert sich Högel aber nur an das, von dem er glaubt, dass es für ihn vorteilhaft ist. Die Dinge, die unangenehm werden könnten, erinnert er lieber nur vage.

Sie vermuten eine Strategie?

Högel gesteht erst, wenn er eine Tat gar nicht mehr abstreiten kann. Er ist bis zuletzt der einzige Mensch im Saal geblieben, der die ganze Wahrheit kennt. Die Wahrheit ist bei ihm geblieben, in weiten Teilen.

Sie haben Högel einmal als Narzissten bezeichnet. Warum?

Er überschätzt seine eigenen Befindlichkeiten maßlos und stellt sie permanent über die Bedürfnisse von anderen. Högel hat sich angemaßt, Notfälle herbeizuführen, um sich an seinen medizinischen Fähigkeiten zu weiden. Um einen Kick zu bekommen, der sein labiles Ego stabilisiert. Ihm war völlig egal, ob dabei jemand zu Tode kommt. Das ist eine krankhafte, zerstörerische Selbstliebe.

Wie kann es sein, dass viele ehemalige Kollegen als Zeugen große Erinnerungslücken gezeigt haben?

Die Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg kamen meist in Begleitung eines Zeugenbeistandes. Die Aussagen waren uniform, die Formulierungen glichen einander. In den Kliniken hat ein organisiertes Wegschauen stattgefunden. Das Verhalten der Zeugen ist Ausdruck von fehlendem Aufklärungswillen. Ausdruck von verdrängter und verleugneter Verantwortung dafür, dass jemand vor ihren Augen so entglitten ist.

Und vielleicht auch Ausdruck von Angst, nun verantwortlich gemacht zu werden?

Ganz sicher. Da waren viele hauptberuflich damit beschäftigt, ihre eigene Haut zu retten.

Was wird bleiben von diesem Prozess?

Eine ganze Menge, hoffe ich. Das Verfahren hat gezeigt, dass die persönliche Verantwortung der Mitarbeiter in einem Krankenhaus nicht delegierbar ist. Es reicht nicht, dass die Angestellten bei einem Verdacht ihre Vorgesetzten informieren und danach ihre Hände in Unschuld waschen.

Wieso nicht?

Wenn die Vorgesetzten nicht reagieren und weiter der begründete Verdacht besteht, dass ein Kollege seinen Patienten schadet, dann müssen die Mitarbeiter eingreifen, externe und unabhängige Beratung suchen und zur Not die Ermittlungsbehörden einschalten. Es geht nicht, als Mitarbeiter die Augen zu verschließen und so zu tun, als seien andere dafür verantwortlich, was vor einem passiert. Man kann nichts gesundbeten, wo kritische Blicke angebracht sind.

Das könnte eine Lehre aus diesem Verfahren sein?

Ja, und eine weitere sollte sein, dass die Systemverantwortlichen aufhören müssen, reflexartig von monströsen Einzelfällen zu reden, sobald ein Patientenmord bekannt wird. Wenn der Fall Högel eines gezeigt hat, dann doch, wie wenig wir alle über das Dunkelfeld solcher Taten wissen.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Karl H. Beine

ist Professor an der Universität Witten/Herdecke und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie am Hammer St.-Marien-Hospital. Er hat mehrere Bücher zum Thema Patiententötungen veröffentlicht und den Högel-Prozess regelmäßig vor Ort verfolgt.

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