Haus Coburg: In „Anweisung an die Welt“ führt Noriko Yamamoto die Betrachter an die Grenze des Sichtbaren

Das Verborgene entdecken

Falls es darum ging, den größtmöglichen Gegensatz zu zeigen, hat es geklappt: Nach der Ausstellung im Wandel, Wusel und Wachsen "The Garden of Genders" zeigt die Städtische Galerie Haus Coburg ab morgen Kontemplatives: Im Haupthaus debütiert die Japanerin Noriko Yamamoto, in der Remise gibt es Zeichnungen.
08.02.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Andreas D. Becker

Falls es darum ging, den größtmöglichen Gegensatz zu zeigen, hat es geklappt: Nach der Ausstellung im Wandel, Wusel und Wachsen "The Garden of Genders" zeigt die Städtische Galerie Haus Coburg ab morgen Kontemplatives: Im Haupthaus debütiert die Japanerin Noriko Yamamoto, in der Remise gibt es Zeichnungen.

Delmenhorst. Ein Bücherregal an der Wand, darauf Skizzenbücher. Mehr nicht. Unspektakulärer geht es kaum, zumindest, wenn man das nimmt, was man sieht: schwarze Buchrücken. Aber die Oberfläche ist nur eine Sicht der Dinge. Und genau das ist eines der großen Themen, die in der neuen Ausstellung "Noriko Yamamoto. Anweisung für die Welt", die ab morgen bis zum 1. April im Haus Coburg zu sehen ist, durchdekliniert wird.

"Die Welt, die wir sehen, ist immer ein Teil vom Ganzen." Das ist erstmal eine fürchterliche Plattitüde, die da im Katalog zu lesen ist, der eigentlich mehr ein Handbuch über die Herangehens- und Arbeitsweise von Noriko Yamamoto geworden ist. Andererseits kann man mit Plattitüden auch spielen. Und das tut die Japanerin, die 2011 als Meisterschülerin der Hochschule für Künste in Bremen mit dem Karin-Hollweg-Preis, dem höchstdotierten Kunstförderpreis aller Kunsthochschulen in Deutschland, ausgezeichnet wurde, mit den Kladden. Auf einem Monitor neben dem Board wird in einem Making-of-Video gezeigt, wie die Arbeit entstand.

Im Wintergarten wird dann das eigentlich Verborgene sichtbar. Wie Wespennester sehen die Papierskulpturen aus, fein geschichtet, Blatt für Blatt. Die Künstlerin hat aus den Kladden Seite für Seite Kreise geschnitten, auf ihnen steht jeweils ein Wort aus einem Konzepttext. Nur: Die Löcher in den Büchern, sie bleiben versteckt.

Das Motiv des Nicht-Offensichtlichen zieht sich durch das Werk Noriko Yamamotos. Im Obergeschoss ist eine buddhistische Parabel abgedruckt, die das versinnbildlicht: "Einige Blinde untersuchen verschiedene Körperteile eines Elefanten: ein Ohr, ein Bein, den Schwanz, Stoßzähne, den Rüssel und so weiter. Jeder dieser Blinden ist überzeugt, aufgrund des Teils, den er betastet hat, das wahre Wesen des Elefanten begriffen zu haben: Dass ein Elefant demnach wie ein Fächer sei, ein Baum, ein Seil, ein Speer, eine Schlange. Doch keiner sieht das Ganze." Dieses Kunstwerkverständnis verlangt Einsatz vom Besucher, "Anweisung an die Welt" muss man sich erarbeiten, am besten in einer Führung. Sonst kann es sein, dass einem zu viel verborgen bleibt. "Die Ausstellung verlangt konzentriertes Sehen", sagt Galerie-Leiterin Annett Reckert. Eine nette Umschreibung für viel Kopfarbeit, die zu leisten ist.

Ein weiterer Aspekt dieses Nicht-alles-Sehens ist der Schachtelmann, ein Motiv aus dem gleichnamigen Roman des japanischen Autors Abe Kobo. Dieser Schachtelmann wird heute in einer Busfahrt aus Bremen nach Delmenhorst – eine Haltestelle ist vor dem Cinemaxx Bremen eingerichtet, Abfahrt um 19.15 Uhr – zur Ausstellungseröffnung eine Rolle spielen, zudem gibt es gegen 21 Uhr eine Performance von Noriko Yamamoto.

Das Busprojekt wurde durch die Delbus möglich, mehr Infos: 04221/14132. Weitere Unterstützung gab es durch die Karin und Uwe Hollweg Stiftung, den Freundes- und Förderkreis der Hochschule für Künste Bremen und das Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

Perfektion in Bleistift

Arbeiten von Astrid Brandt aus den Gruppen „Interieurs“ und „Büropartikel“ in der Remise

Delmenhorst. Um es mal gleich klar zu machen: Nein, es sind keine Fotos. Es sind Zeichnungen, Bleistift auf Papier. "Was mich schon immer an Astrid Brandt fasziniert hat, ist ihre technische Perfektion", sagt Annett Reckert, Leiterin der Städtischen Galerie Haus Coburg. Astrid Brandt spricht von "Kunstfertigkeit", die sie sich antrainiert hat, ganz so wie ein Pianist lange übt, bevor er perfekt Mozart spielt. Die atemraubend perfekten Bleistiftzeichnungen sind in der Remise ab morgen bis zum 1. April in der kleinen, aber superben Schau "inwendig auswärts" zu sehen.

Gezeigt werden Zeichnungen aus den Werkgruppen "Interieur" und "Büropartikel", Innenansichten aus alten Häusern und Bürokomplexen stehen Stillleben vom Schreibtisch gegenüber. "In den Zeichnungen ist für mich auch ein Moment des Humors enthalten", sagt Annett Reckert. Ein Thema, das sie ja sehr schätzt. Sie empfiehlt, die Zeichnungen nicht nur als Abbild zu sehen, sondern die Fantasie schweifen zu lassen, angeschubst durch die Titel der Bilder. Zum Beispiel "Ginger & Fred", ein Diptychon, das zwei Treppenaufgänge zeigt, der eine elegant, stilistisch klar, der andere etwas grober, geradezu muffig, wie die Galerie-Chefin findet – aber die Linien der Handläufe schwingen in tänzerischer Verbundenheit miteinander.

"Es ist die Form des Gegenstandes, der in seiner Haltung auch menschlich sein könnte", sagt Astrid Brandt. Und wenn das Stillleben mit dem chromblitzenden Serviettenhalter und dem Zahnstocherbehältnis davor mit "Die Felsenstein-Regatta" betitelt ist, dann sind da auch ein stolzes Segelschiff, das Meer, die Wellen zu entdecken. Eine Ebene, die für den Betrachter nicht auf Anhieb zu erkennen ist – zumal beim ersten Blick auf die Arbeiten die Faszination über die filigrane Ausarbeitung der Texturen und Oberflächen alles andere verdrängen könnte.

Im Katalog zur Ausstellung, der wie die Schau durch die Unterstützung der Sparda-Bank Hannover-Stiftung und das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur ermöglicht wurde, steht eine nicht ganz ernst gemeinte Aussage von Astrid Brandt, die das Wesen ihrer akribischen Werke pointiert: "Für die Fotografie war die Zeichnung ein Kulturschock. Plötzlich war mit der Zeichnung eine Konkurrenz vorhanden, die in dieser Disziplin unschlagbar war." Die Zeichnung kann mehr als die Fotografie, Photoshop hin oder her. Astrid Brandt denkt sich in das "unscheinbare Ding" hinein, wie es durch eine Frage von Martin Heidegger aus "Holzwege" im Katalog klar wird: "Muss dann jenes Befremdende und Verschlossene im Wesen des Dinges nicht für ein Denken, das versucht, das Ding zu denken, das Vertraute werden?"

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