Autor Winfried Behlau liest am Donnerstag aus dem Buch „Distelblüten“ und erzählt die Geschichte seines Lebens Das vergessene Schicksal der Russenkinder

Delmenhorst. 13 Jahre und einen Tag war Winfried Behlau alt, als er es erfuhr. „Weißt du, wo die kleinen Kinder herkommen?“, fragte die Mutter.
04.04.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Das vergessene Schicksal der Russenkinder
Von Andreas D. Becker

Delmenhorst. 13 Jahre und einen Tag war Winfried Behlau alt, als er es erfuhr. „Weißt du, wo die kleinen Kinder herkommen?“, fragte die Mutter. Das wusste er. Neun Monate wachsen sie im Bauch heran. Neun Monate. „Da ging mir ein Licht auf.“ Der Mann, den er für seinen Vater hielt, der Mann seiner Mutter, Vater der ältesten Schwester, der im Krieg geblieben war, konnte unmöglich sein Erzeuger sein. Winfried Behlau erfuhr, dass sein Vater ein russischer Soldat war. Ein Vergewaltiger. Der Vergewaltiger seiner Mutter. Er reagierte gefasst. Er war ja schon groß, 13 Jahre alt, auch so etwas wie der Mann im Haus. Dann stand seine Mutter auf, verschwand in die Küche. Mehr hat er von ihr nie erfahren.

„Noch vor fünf Jahren hätte ich nie gesagt, dass ich ein Vergewaltigungskind bin“, sagt Behlau. Seitdem ist viel geschehen. Unter anderem erschien Ende 2014 das Buch „Distelblüten. Russenkinder in Deutschland“, in dem Kinder von ehemaligen Soldaten berichten, wie es ihnen ergangen ist. Einige gingen aus Liebesbeziehungen zwischen deutschen Frauen und den Mitgliedern der alliierten Truppen hervor, und andere waren halt das Produkt der letzten Tage des Krieges, als Deutschland überrannt wurde. „Siegreiche Soldaten nehmen auch immer Frauen als Beute“, sagt Behlau. „‚Frau komm‘ riefen die russischen Soldaten. Viele Frauen haben sich danach das Leben genommen.“ Und viele trieben ab, der Paragraf 218 spielte da keine Rolle. „Sogar im Rheinland in den katholischen Krankenhäusern standen die Frauen Schlange, um abtreiben zu lassen“, sagt Behlau, ein gefragter Interviewpartner zu dem Thema.

„Children Born of War“ werden diese Kinder in der Wissenschaft genannt, Kinder des Krieges. Auf der Straße und in der Schule waren sie aber meist nur die Russenkinder, die Amikinder, die Mongolenkinder. Im kalten, brutalen Behördendeutsch der Nachkriegsjahre firmierte Behlau als „Kriegsschadensfall“, so stand es auf dem Deckel der Akte. Das Thema ihrer Herkunft war für viele Betroffene lange ein Tabu, eben weil sie deswegen ein schwere Kindheit hatten. Es ist aber auch ein Thema, das die wissenschaftliche Forschung viele Jahre höchstens am Rande behandelt hatte. Und ein Thema, das in den Medien so gut wie nie eine Rolle spielte. Das hat sich mittlerweile geändert. Auch wegen Behlau und seines Engagements.

Los ging es mit einem Leserbrief, den Winfried Behlau vor einigen Jahren an eine Kirchenzeitung in Münster schrieb. „Es ging in dem Artikel um schlechte Väter. Denen schrieb ich: Lieber einen schlechten als keinen Vater.“ Eine Redakteurin wurde aufmerksam, wies Behlau auf Ingvill Moschmann hin, Professorin an der Cologne Business School, die zu dem Thema forschte. Über sie kam er schließlich mit anderen zusammen, deren Väter russische oder amerikanische Soldaten waren. „Wir haben damals geredet und beschlossen, zu dem Thema eine Website zu gestalten und ein Buch zu schreiben.“

Doch gerade das Buchprojekt gestaltete sich schwierig. Einige, die ihre Geschichte aufschreiben wollten, sprangen wieder ab. „Eine Frau merkte, dass sie nicht schreiben kann.“ Also fing Behlau an, einige der anderen Russen- oder Amikinder zu besuchen, führte Interviews, damit eine Grundlage für die Texte geschaffen wurde. Auch die Suche nach einem Verlag gestaltete sich schwierig. Behlau schrieb Branchenriesen an, doch die zeigten kein Interesse. Also wurde schließlich ein Book on Demand daraus, kleine Auflage. Aber immerhin: Es war veröffentlicht. „Ich schickte dann ein Exposé an mehrere Medien.“

Wieder meldete sich die Kirchenzeitung aus Münster. Und dieses Mal sprang auch die Redaktion von "Geo" auf, wollte die Story exklusiv. In einem großen Schwerpunkt wurde in der Maiausgabe 2015 berichtet, der Starfotograf Andreas Nestl schoss die Porträtfotos. Schließlich erschien der Text sogar als E-Book unter dem Titel "Das Trauma der ‚Russenkinder‘“. Die Medien sprangen stärker auf das Thema auf, und immer wieder kamen auch Wissenschaftler auf Behlau und die anderen Autoren zu. Mittlerweile ist von "Distelblüten" die dritte Auflage erschienen, auf 15 Geschichten ist der Umfang gewachsen, weil sich mit jedem Bericht, vor allem nach Behlaus Auftritt in der Talkshow "Nachtcafé", immer mehr Betroffene bei ihm meldeten und ihre Geschichte niederschrieben. Mittlerweile gibt es für das Buch eine ISBN-Nummer, es ist also ganz einfach über den Buchhandel zu beziehen. Gerade bereitet er eine dreistündige Sendung des Deutschlandfunks zu dem Thema mit vor. Am 21. April soll sie aufgezeichnet werden.

Das mit der Distelblüte muss Behlau dann auch erklären. Er und seine Mitstreiterin Birgrit Michler wollten einen Titel, der neugierig macht, einen, der nicht alles sofort erzählt wie der Untertitel „Russenkinder in Deutschland“. Schließlich fragten sie den in den Niederlanden als Künstler lebenden Bruder von Birgrit Michler, ob er ihnen ein Motiv malt. Knut Weise Breda lieferte zwei. Auch die Schattenkinder. „Aber wir wollten nicht den Eindruck vermitteln, dass wir schwer vom Leben gezeichnet sind.“ Also wurde es die Distel, die vor den Ruinen einer vom Krieg zerstörten Stadt aus einem russischen Stahlhelm sprießt. Breda greift ein Motiv des großen russischen Dichters Leo Tolstoi auf, der in seiner letzten Erzählung „Chadschi Murat“ von dieser besonders robusten Distel berichtet, eine die, selbst wenn sie niedergefahren und getrampelt wurde, genug Energie besitzt, sich wieder aufzurichten, wie Tolstoi schreibt. „Und das steht symbolisch für uns Russenkinder.“


Am Donnerstag, 6. April, liest Siegfried
Behlau auf Einladung des Kulturkreises Delmenhorst im Haus Berger an der Stedinger Landstraße 5 aus dem Buch „Distelblüten“. Zudem wird er berichten, was seit der Veröffentlichung des Buches alles geschehen ist, und in der Veranstaltungspause zwei kurze Filmclips zeigen. Mehr Infos: www . russenkinder-diestelblueten .de.

„Lieber einen schlechten als keinen Vater.“ Winfried Behlau
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