Sozialarbeit an Schulen

Zufrieden trotz Corona

Was macht mich momentan trotz Corona-Krise glücklich? Das fragten Sozialarbeiter der Delmenhorster Jugendhilfe-Stiftung ihre Schüler. Sie erhielten teils verblüffende Antworten.
16.07.2020, 13:04
Lesedauer: 4 Min
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Von Aylin Olcay
Zufrieden trotz Corona

Mit seiner Glücksbaum-Aktion ist das Team der Sozialarbeit an Schulen von der Delmenhorster Jugendhilfe-Stiftung mit (von links) Lydia Illenseer, Jörn Lahme, Christina Körner, Evke Evers-Feige, Jessica Granz und Karsten Groenewold während des Corona-Lockdowns auf die Schüler zugegangen. Und es kam zu einem wichtigen und erfrischenden Austausch.

INGO MÖLLERS

Delmenhorst. Was ist Glück? Eine Frage, die so alt wie die Welt ist, und doch ist sie, besonders jetzt in Zeiten der Krise, so aktuell wie nie. Vieles von dem, was wir für selbstverständlich gehalten haben, ist im Moment nicht oder nur beschränkt möglich. Das macht das Leben nicht gerade einfacher. Gerade deshalb lohnt es, in sich zu gehen und sich zu fragen: Was macht mich momentan trotz alledem glücklich? Das haben sich auch einige Sozialarbeiter der Delmenhorster Jugendhilfe-Stiftung Mitte März gedacht, als es plötzlich hieß, die Schulen bleiben geschlossen. Sie entschlossen sich kurzerhand dazu, die Frage nach der Bedeutung von Glück an ihre Schüler weiterzugeben und organisierten die Aktion Glücksbaum.

„Wir haben uns verschiedene Glückssymbole wie das Kleeblatt ausgesucht und während des Lockdowns bedruckte Handzettel mit den Lernmaterialien, per Mail oder auch per Post verteilt“, erzählt Jessica Granz, Sozialarbeiterin an der Parkschule. Mit der Aktion sollten die Schüler zum Nachdenken angeregt werden und darüber hinaus gestalterisch aktiv werden. Mittlerweile haben gut 400 kunterbunt bemalte Kleeblätter, Marienkäfer und Herzen ihren Weg in die Hände der Sozialarbeiter zurückgefunden. Ein fantastisches Ergebnis, wie Lydia Illenseer, Bereichsleiterin für Sozialarbeit an Schulen, findet. „Es ist einfach toll, was aus dieser klitzekleinen Idee geworden ist. Wir sind wahnsinnig stolz auf das Ergebnis.“

„Was mich besonders berührt, ist, dass es nicht die materiellen Dinge sind, die die Kinder glücklich machen, sondern Güter wie Familie und Freunde mit Glück verbunden werden“, ergänzt Granz. Und tatsächlich, ein Blick auf die bunten Zettel offenbart, dass vermeintlich Banales wie der Besuch der Freunde oder das Spielen mit den Haustieren die Kleinen besonders glücklich machen. Doch auch Zeit mit der Familie zu verbringen und Gesundheit gibt den Kindern Anlass zum Glücklichsein.

Dass das Thema Gesundheit immer wieder von den Schülern aufgegriffen wurde, verdeutlicht, welchen Einfluss die Pandemie auf das Gefühlsleben der Schüler nimmt. Vor allem nach der kürzlich erfolgten Veröffentlichung der UKE-Studie, die Kindern und Jugendlichen eine erhöhte psychische Belastung diagnostiziert, kommt man nicht umhin, sich zu fragen, was diese Krise bei Kindern für Spuren hinterlassen wird. In Delmenhorst sei von diesem negativen Studienergebnis glücklicherweise nicht viel bemerkbar, weiß Christina Körner, Sozialarbeiterin an der Hermann-Allmers-Grundschule. „Wir haben von Kindern wie von Eltern ein gutes Feedback bekommen. Viele genießen es, Zeit für die Familie zu haben.“ So hätte die Krise auch Positives hervorgebracht.

„Nachdem die Aktion so gut aufgenommen wurde, geht es uns jetzt darum, den Kindern zu zeigen, dass ihre kreativen Glücksbotschaften angekommen sind und wir diese auch präsentieren", betont Illenseer. Zu diesem Zweck wurden die Werke allesamt eingescannt und auf die Homepage www.sozialarbeit-an-schulen.de geladen. Dort werden sie per Zufallsprinzip gezeigt. „Das haben wir absichtlich so gehandhabt. Natürlich sind die Schüler neugierig und wollen ihre eigene Arbeit sehen. Aber sie sollen sich eben auch damit auseinandersetzten, was für die anderen Kinder Glück bedeutet“, erläutert Karsten Groenewold, der an der Wilhelm-von-der-Heyde-Oberschule aktiv ist. Um dem Namen Glücksbaum gerecht zu werden, wurden zudem zwei heimische Bäumchen, ein Felsenbirner und eine Aronia, angeschafft. Beide tragen essbare Früchte und sollen in die Schulgärten der Hermann-Allmers-Grundschule und der Mosaikschule ein neues Zuhause finden.

Das Thema Glück fand schon vor der Corona-Krise seinen Weg auf dem Lehrplan der Kinder. Anfang des Jahres wurden sogenannte Sozialtrainings dazu abgehalten. „Bei so einem Training geht es darum, über seine Gefühle nachzudenken, diese zu erkennen und Strategien im Umgang mit den eigenen Gefühlsregungen zu entwickeln“, erklärt Granz. Als Mitte März die Schulen geschlossen wurden, war plötzlich Schluss mit allem. Das hat die Sozialarbeiter vor einige Herausforderungen gestellt. „Natürlich haben wir nach Möglichkeiten gesucht, um weiterhin für die Kinder erreichbar zu sein und den Kontakt aufrecht zu erhalten“, sagt Granz. Um dieses Vorhaben umzusetzen, haben sich die Sozialarbeiter so einiges einfallen lassen. „Wir haben unsere Schwerpunkte verlegt und verschiedene Wege gefunden, um für unsere Schülern da zu sein“, berichtet Evke Evers-Feige, deren Zuständigkeitsbereich an der Oberschule Süd liegt.

Neben des Bereitstellens der eigenen Handynummer, Hausbesuchen, der Nutzung von Schulclouds und dem Verteilen von Päckchen mit Bastelmaterialien, Rätseln und persönlichen Briefen, die von den Sozialarbeitern selbst ausgeliefert wurden, setzen die Pädagogen verstärkt auf Social Media – und das mit Erfolg. „Wir sind auf Facebook und Instagram aktiv geworden. Das sind Räume, in denen sich die Schüler ohnehin aufhalten, und so konnten wir darüber gut mit den Kindern in Kontakt treten“, berichtet Evers-Feige. Darüber hinaus wurden zwei Youtube-Kanäle eingerichtet, die bei den Schülern besonders gut ankamen. „Auf Youtube haben wir Sozialtrainings abgehalten und sind mit ‚Pauli aus der Parkschule‘ zum Beispiel bei der Polizei in Delmenhorst oder im Nachbarschaftszentrum Wollepark unterwegs gewesen. So haben wir auf beiden Kanälen insgesamt gut 14 000 Klicks erzielt“, berichtet Jörn Lahme, Sozialarbeiter an der Mosaikschule Delmenhorst. Der Wolleparkvogel Pauli aus der Parkschule ist eine niedliche Handpuppe, die jetzt zu Corona-Zeiten Große und Kleine über aktuelle Themen auf dem Laufenden hielt und hält.

Zu guter Letzt wurde nach einer Anregung von Lahme eine Umfrage mit allen Schülern durchgeführt, die den Gemütszustand abfragen und dazu ermutigen sollte, bei Hilfebedarf auf die Sozialarbeiter zuzugehen. „Um die Hemmschwelle herunterzusetzen, haben wir es so eingerichtet, dass Schüler sich per Klick Hilfe holen können. Über einen Verteiler wird die Zuständigkeit geklärt, und der Schüler wird anschließend von uns kontaktiert“, erklärt Evers-Feige. Sie und ihre Kollegen haben in den vergangenen Wochen einiges in Bewegung gesetzt, um der Krise zu trotzen. Und sie sind voll des Lobes. „Es ist toll, wie die Kinder das alles gemacht haben, auch nachdem die Schulen teilweise wieder geöffnet wurden. Sie halten sich an die Regeln und meistern das alles fantastisch“, findet Merle Siedenburg, Leiterin der Jugendhilfe-Stiftung.

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