Geschäftsbericht aus Delmenhorst Der gute Ton

Wenn das Wort Nordwolle fällt, denken die meisten Delmenhorster wohl an das Museum oder die Architektur. Vergleichsweise wenige dürften hingegen an die Keramikwerkstatt am Fabrikhof 6 denken.
20.07.2020, 19:31
Lesedauer: 4 Min
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Von Aylin Olcay

Delmenhorst. Wenn das Wort Nordwolle fällt, denken die meisten Delmenhorster wohl an das gleichnamige Museum, die geschichtsträchtige Architektur oder vielleicht auch an die Lehrmöglichkeiten vor Ort. Vergleichsweise wenige dürften hingegen an die Keramikwerkstatt am Fabrikhof 6 denken. Sie flog bisher eher unter dem Radar – und das, obwohl dort seit über 20 Jahren handgearbeitete Keramiken hergestellt werden. Es ist das Reich von Holger Klassen und seiner Partnerin Katrin Fröhlich. Die beiden Keramiker leben und arbeiten seit 1998 gemeinsam. Im Erdgeschoss ihres Hauses haben sich die beiden ihr persönliches Atelier geschaffen. Kleine und große Töpferarbeiten, Hasen- und Hundeplastiken sowie kleine Kinderfiguren stehen zwischen etlichen Töpferutensilien, Pinseln und Spachteln. Hier taucht man ein stückweit in eine andere Welt ein, die ihren ganz eigenen Charme hat.

Dominiert wird das Bild von teils bepflanzten, teils leeren Pflanzgefäßen. In etlichen Variationen, Formen und Farben finden sie sich in der und um die Keramikwerkstatt. Es ist die Arbeit von Holger Klassen – seine Leidenschaft. Charakteristisch für die Töpferarbeiten des Freiberuflers sind die naturbelassenen Oberflächen, die, nachdem sie gebrannt wurden, nicht weiter bearbeitet werden. „Die Pflanzgefäße werden im Elektroofen niedrig gebrannt. Die Oberflächen werden vorher von außen mit verschiedenfarbigen Schlicker, das ist flüssiger Ton, bearbeitet oder mit Kalk eingepulvert“, erklärt der staatlich geprüfte Keramik-Techniker. Dieser leicht rustikale Charakter soll an das mystisch anmutende Ideal eines englischen Gartens angelehnt sein, sagt Fröhlich später. Seit etwa drei Jahren setzt sich Klassen zudem mit der Fertigung von Figuren auseinander. „Wir haben eine eigene Töpfer-Community. Auf den Töpfermärkten begegnet man sich mit den Jahren immer wieder. Natürlich sieht man dann auch die Arbeiten der anderen. Irgendwann hat mich dann der Ehrgeiz gepackt, es auszuprobieren“, erzählt Klassen.

Seine Karriere begann in den 1980er-Jahren mit einer Ausbildung zum Keramiker in der Eifel. „Das war damals ein beliebtes Handwerk. In meiner Zeit als Geselle und danach habe ich in Mainz unter anderem an Kachelöfen gearbeitet“, erzählt der Keramiker. Dann entschloss er sich, etwas Neues zu probieren. „Ich wollte die heile Welt der Töpferei verlassen und etwas anderes probieren, also habe ich eine Ausbildung zum Keramik-Techniker gemacht und zwei Jahre in dieser Industrie gearbeitet“, erzählt Klassen. Schnell habe er dabei gemerkt, dass dies nichts für ihn ist. Mittlerweile hat der erfahrene Keramiker mit den verschiedenen Gefäßen aber seine Nische gefunden und ist seit 1993 freiberuflich tätig. Während seiner Ausbildung zum Keramik-Techniker in Höhr-Grenzhausen im Westerwald lernte er übrigens Katrin Fröhlich kennen, die sich dort zur Keramikgestalterin ausbilden ließ. Für sie zog er damals von der Eifel in den Norden.

Ihre handgefertigten Pflanzgefäße und Tonfiguren verkauft das Paar europaweit auf Töpfermärkten und Messen. „Wir sind bundesweit unterwegs. Hier in der Region sind wir zum Beispiel auf dem Oldenburger Töpfermarkt und in Bremen, aber auch an der Ostsee und in Bayern unterwegs“, erzählt der Keramik-Techniker. 2015 habe das Paar außerdem England für sich entdeckt. „Wir sind seitdem drei- bis viermal im Jahr auf Veranstaltungen in Nordengland an der schottischen Grenze und bei Manchester“, sagt Klassen. Durch Corona sei an eine Englandreise momentan nicht zu denken. Als Folge der Pandemie sind zudem sämtliche Töpfermärkte bundesweit abgesagt worden. „Letzte Woche wären wir eigentlich in Prerow an der Ostsee gewesen. Wir hatten schon alles vorbereitet, dann wurde der Markt zwei Tage vorher abgesagt“, erzählt der Freiberufler. Das Schicksal anderer Veranstaltungen, wie der Keramikmarkt in Bremen, der eigentlich im September stattfinden soll, bleibt ungewiss. Eine katastrophale Situation für die gesamte Töpfergemeinschaft, wie Fröhlich findet. „Diese Märkte sind unsere Haupteinnahmequelle. Wir Keramiker müssen los und unsere Waren vor Ort präsentieren, wenn wir Geld verdienen wollen“, erklärt die Gestalterin. Von April bis Oktober ist die Verkaufssaison der Keramiker. An etwa 15 Veranstaltungen nehmen sie jährlich teil. Der coronabedingte Wegfall der Märkte ist also eine finanzielle Belastung für die Freiberufler. „Man schlängelt sich irgendwie durch. Am Anfang haben wir eine Notfallhilfe für die ersten drei Monate erhalten, seitdem müssen wir gucken, wie wir weitermachen“, erklärt Klassen.

Im Moment bliebe ihnen nur der Versandverkauf insbesondere von Wandtöpfen und die Delmewerkstatt, in der Klassen einmal wöchentlich als Gruppenleiter in der Keramikwerkstatt arbeitet. Tatsächlich sei der Verkauf der Wandtöpfe während Corona ein wenig in die Höhe gegangen. Wahrscheinlich weil viele die Zeit nutzen, um ihre Gärten neu zu gestalten. „Ab und an verkaufen wir auch hier Einzelstücke, das aber eher selten“, erzählt Fröhlich. Grundsätzlich sei es aber möglich, Arbeiten in Auftrag zu geben oder die Gefäße und Figuren vor Ort zu erwerben. Auf ihrer Homepage www.holgerwk.wordpress.com präsentieren die beiden ihre Arbeiten und stehen Interessierten beratend zur Seite.

Corona ist leider nicht die einzige Bedrohung des Berufszweiges. „Es ist ein untergehender Beruf, weil es kaum Nachwuchs gibt“, erzählt Klassen. Die Töpfer-Community ihrerseits altere indes, während sich Jüngere nicht für die Töpferei begeistern könnten. Das sei damals, als Klassen in die Lehre ging, noch völlig anders gewesen. „Keramik-Techniker, das war damals ein sehr angesehenes Handwerk, wir Mini-Ingenieure waren in der Industrie gefragt. Keramik galt damals als Baustoff der Zukunft“, erinnert sich Klassen. Tatsächlich sei die Arbeit mit Ton etwas ganz Besonderes, findet Fröhlich. „Es ist ein tolles Material, mit dem man alles machen kann. Selbst während man damit arbeitet, kann man sich spontan umentscheiden und etwas völlig anderes gestalten“, sagt die Gestalterin. Ihre Leidenschaft für das Material sei aus einer Neigung für Formen und Farben entstanden. Nachdem ihr Interesse geweckt worden war, sei es vor allem die eingeschworene Töpfer-Gemeinschaft gewesen, die sie gefesselt hat. „Wir sind wie eine große Familie. Das Schöne an unserem Handwerk ist, dass jeder seine eigene Art des Arbeitens hat. Jeder hat seinen eigenen Stil, und die Ergebnisse sind immer etwas vollkommen Individuelles.“

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