Heimatjahrbuch Delmenhorst

Zeugnis zeitgeschichtlicher Ortsgeschichte

Im Verlag Isensee ist jetzt das neue Heimatbuch für Delmenhorst erschienen. Die Autoren arbeiten ausschließlich ehrenamtlich für das Werk.
01.09.2020, 18:54
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Von Gerwin Möller
Zeugnis zeitgeschichtlicher Ortsgeschichte

Friedrich Hübner stellte als Vorsitzender des Heimatvereins das neue Heft aus der Reihe "Heimatjahrbuch" vor. Themenschwerpunkt ist das Kriegsende vor 75 Jahren.

INGO MÖLLERS

Für Friedrich Hübner ist die neue Schrift „ein mehrstimmiges Zeugnis zeitgeschichtlicher Regionalgeschichte“. Auf 120 Seiten liegt das neue Heimatjahrbuch 2020 vor. Das ehrenamtlich aktive Autorenteam des Heimatvereins hat dabei das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren in den Fokus genommen. Im Vorwort weist Hübner als Vorsitzender des Heimatvereins auf die Entstehung des Buches hin, unter den Bedingungen der Corona-Krise habe auch die Arbeit der Hobbyhistoriker gelitten. Zum Glück hat der Verein, der rund 400 Mitglieder zählt, im März noch seine Jahreshauptversammlung abhalten können.

Mit der Neuerscheinung gibt der Heimatverein auch eine neue Verlagspartnerschaft bekannt: Viele Jahre war das Jahrbuch von „Culturcon“ mit Sitz in Wildeshausen und Berlin verlegt worden. Nun kehrt man nach 2009 erneut zum Oldenburger Isensee-Verlag zurück. „Vor allem setzen wir auf die Erfahrung der Oldenburger mit Veröffentlichungen zur Regionalgeschichte“, sagt Hübner.

Eine Ansteckungsgefahr jenseits der aktuellen Seuche steht im Mittelpunkt des Heimatjahrbuchs: Hübner erinnert im Vorwort an die Mahnung des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker aus dem Jahr 1985, als der in seiner Rede zum „Tag der Befreiung“ erklärte, dass derjenige, der die Augen vor der Vergangenheit verschließe, blind wird für die Gegenwart. „Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“ Adolf Hitler „hat stets daran gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Hass zu schüren“, sagte von Weizsäcker 50 Jahre nach Kriegsende.

Der Autor zahlreicher Beiträge zur Stadt- und Heimatgeschichte, der ehemalige Dezernent für Gymnasien, Dieter Rüdebusch, stellt im Folgenden Flugblätter vor, die seit 1940 von britischen Fliegern über Delmenhorst abgeworfen wurden. Der heute 90-jährige Franz Schübel sammelte als Schüler der Oberrealschule – heute Gymnasium an der Willmsstraße – unter Gefahr von Strafandrohung die „Feindpropaganda“. Am 20. April 1945, dem Tag des Einmarsches britischer Truppen in Delmenhorst, stand er vor seinem Elternhaus an der Molkestraße. Während er seinen vorbeiradelnden Lehrer noch mit einem „Heil Hitler, Herr Studienrat“ zu grüßen hatte, preschten auf der Cramerstraße schon englische Spähpanzer ins Stadtzentrum vor.

Eine eher theoretische Auseinandersetzung mit der Ideologie der Nationalsozialisten liefert Paul Wilhelm Glöckner mit einer Betrachtung eines Leitartikels aus der damaligen Tageszeitung. Kreisblatt-Verleger Theodor Schulte Strathaus verbreitete darin noch zu Ostern 1945 Durchhalteparolen und die Hoffnung auf den Endsieg. Einen Tag nach Erscheinen des Artikels rückten die 1. und 8. amerikanische Armee bis Lippstadt vor und standen nur noch 150 Kilometer von Delmenhorst entfernt.

Wie Delmenhorst kurz vor Kriegsende fast noch zerstört worden wäre, schildert Glöckner ebenfalls. Nach der Kapitulation hatte der Kommandeur der 51. Highland Division erklärt, dass für 16 Uhr des 20. April die ersten schweren Bomberangriffe angesetzt waren. Zum Glück für die Stadt war aber rechtzeitig die weiße Fahne gehisst worden.

Herta Hoffmann hat sich ihrem Artikel mit dem Historiker Enno Meyer befasst und berichtet vom Schicksal des Juden Julius Kuflik. Ihr Thema ist die Befreiung der Konzentrationslager im Jahr 1945. Enno Meyers Geschichte der Delmenhorster Juden von 1695 bis 1945 war der ehemaligen Geschichtslehrerin schon im Unterricht eine unverzichtbare Quelle. Kuflik war einer der ersten Juden, die 1933 aus Delmenhorst auswanderten, er starb am 8. März 1943 im Lager Theresienstadt.

Das Delmenhorster Heimatbuch 2020 enthält insgesamt 15 Aufsätze, die mit vielen Abbildungen illustriert sind und wird im örtlichen Buchhandel für 12,50 Euro verkauft.

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