Delmenhorster Köpfe: Wissenschaftskolleg-Rektor Reto Weiler liebt die Schönheit und sieht das Unentdeckte Der Intendant des schlauen Hauses

Delmenhorst. Das Hanse-Wissenschaftskolleg thront auf einem kleinen Hügel, der für Delmenhorster Verhältnisse ein Berg ist. Es ist ein schöner Zufall, das Reto Weiler ausgerechnet auf diesem Bergchen arbeitet. Nicht nur weil er Schweizer ist. Eigentlich vielmehr, weil der Berg dafür steht, die Welt um einen herum genüsslich überblicken zu können.
28.09.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Andreas D. Becker

Delmenhorst. Das Hanse-Wissenschaftskolleg thront auf einem kleinen Hügel, der für Delmenhorster Verhältnisse ein Berg ist. Es ist ein schöner Zufall, das Reto Weiler ausgerechnet auf diesem Bergchen arbeitet. Nicht nur weil er Schweizer ist. Eigentlich vielmehr, weil der Berg dafür steht, die Welt um einen herum genüsslich überblicken zu können.

Das mit dem Genuss ist die eine Sache. Dazu gleich mehr. Das mit dem Überblick die andere. Diese Perspektive erlaubt es einem auch, weiße Flecken zu sehen, Unentdecktes. Reto Weiler hält immer Ausschau danach. Und an einem großen weißen Fleck hat er sich schon lange gestört. "In Nordwestdeutschland gibt es keine akademische Medizin", sagt er mit diesem perkussiven Schweizer Akzent, den er sich trotz seiner vielen Jahre im Norden erhalten hat. Er sah also dieses Loch, das er stopfen wollte. Gern an seiner Hochschule, der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, an der er seit 1986 Neurobiologie lehrt. "Ich hatte überlegt, wie die Zukunft der Universität aussehen könnte: Wie kann sie in einer dynamischen Universitätslandschaft bestehen?" So kam eins zum anderen. Weiler fand Mitstreiter, die seine Idee gut fanden. Und mit Beharrlichkeit und innovativen Konzepten wurde aus einer Überlegung ein neuer Studiengang: European Medical School heißt das Kind, eine Kooperation der

Universitäten Oldenburg und Groningen. Und Reto Weiler ist einer der geistigen Väter. Er gibt offen zu, dass ihn das freut. "Das ist seit rund 30 Jahren die erste Gründung einer medizinischen Fakultät in Deutschland."

Diese Episode erzählt einiges über den 64-Jährigen. Andere würden sich auf ihrer Professur ausruhen, würden den Posten im Wissenschaftskolleg als ausreichend schmückend empfinden. Weiler nicht. Es geht ihm aber gar nicht darum, auf möglichst vielen Hochzeiten zu tanzen, was im durchaus eitlen akademischen Betrieb immer auch eine wichtige Motivation ist. "Es hat eher etwas damit zu tun, Chancen zu erkennen", sagt Weiler, der Opern-Freund, der sich weniger als Rektor des Kollegs, sondern vielmehr als dessen Intendant versteht, als einer, der das schlaue Haus nicht nur akademisch, sondern auch kulturell abwechslungsreich bespielen will.

Ein Professor und Ästhetiker

Er lud deswegen auch Künstler ein, die durch die Wissenschaftler neue Perspektiven eröffnet bekommen. Und die mit ihrer Sicht natürlich auch die Gedanken der Forscher befruchten sollen. Außerdem bedeuten die wechselnden Ausstellungen der Artists in Residence ganz einfach eine ästhetische Bereicherung des Hauses. Was Weiler wichtig ist, womit das Genuss-Motiv aufgegriffen ist. Der Professor, der sich intensiv damit beschäftigt, wie Sehen funktioniert, ist selbst begeistert von Schönheit. Nicht nur gemalter. Auch komponierter. Und geschriebener.

Weiler zeigt ein Bild, das im Kaminzimmer des Kollegs hängt. Seine Frau, die Künstlerin Astrid Weiler, hat es gemalt. Es zeigt seltsam grazile Wesen, die durch den Himmel zu schweben scheinen. Es ist das Motiv von recht unbekannten und noch größtenteils unerforschten Felsmalereien, die die Weilers in Australien entdeckt haben. Sie waren natürlich nicht die ersten Menschen, die die Malerei sahen. Aber die Bilder sind auch nicht touristisch erschlossen, man muss schon Forscherdrang und Bergerfahrung mitbringen, um sie zu finden. "Bei diesen Bradshaw-Malereien handelt es sich um menschliche Darstellungen von fantastischer Schönheit", sagt Weiler. Es war eher ein Zufall, dass seine Frau und er auf sie stießen.

"Wir hatten Interesse an der Malerei der Aborigines, der australischen Ureinwohner", berichtet er. Im Norden Australiens machten sich die beiden auf die beschwerliche Wanderung ins Gebirge. "Und auf einmal sahen wir diese Malerei, die so gar nicht nach Aborigines aussahen." Der Forschergeist war erwacht. Denn es schien so, als wenn diese Malerei von einem Volk stammte, das nicht mehr existierte. Vielleicht kam es vor rund 70000 Jahren nach Australien. Es gibt in der Ecke des Kontinents Bäume, deren Urahnen aus Tansania stammen, das haben genetische Untersuchungen gezeigt. Diese Episode ist sozusagen die perfekte Verbindung des Genusses und des Hügelblicks, weil die Ästhetik der archaischen Kunst den Forschergeist beflügelte. Und der Bergblick lässt es auch zu, dass Weiler nicht nur sein Fachgebiet sieht. "Zu dem Thema habe ich meine erste archäologische Publikation veröffentlicht", erzählt er.

Der Kollegberg ist aber auch noch ein weiteres Sinnbild, dafür, dass das Haus auch über allem steht, ein bisschen Elfenbeinturm, für viele Bürger der Stadt unnahbar. "Ja, man ist ein bisschen abgehoben hier, das stimmt. Aber man ist nicht so hoch, dass man nicht mehr mitbekommt, was rundherum passiert." Doch das Hanse-Wissenschaftskolleg zu einem Ort weiterzuentwickeln, der in die Stadt inspirierend hineinstrahlt, das ist noch nicht gelungen. "Es ist nicht immer ganz leicht, der Öffentlichkeit unsere Arbeit zu vermitteln. Denn hier stehen keine großen Labors und tollen Maschinen, es gibt hier Wohnungen. Aber wir strengen uns an", sagt Weiler, der gern ins Tal hinunterkommt. Aber die Talbewohner, die müssten auch mal auf den Berg steigen.

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