Haus mit Historie

Der rote Dom des Nordens

Sie hat zwei Bomben während des Zweiten Weltkrieges überlebt: die katholische Kirche St. Marien in Delmenhorst. In unserer Serie „Haus mit Historie“ geht es dieses Mal um die Hallenkirche.
22.03.2018, 19:00
Lesedauer: 5 Min
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Der rote Dom des Nordens
Von Andreas D. Becker
Der rote Dom des Nordens

Die St.-Marien-Kirche wurde um 1900 nach den Plänen des Bremer Architekten Heinrich Flügel gebaut.

Ingo Möllers

Roter Dom des Nordens – der Kosename für die katholische Kirche St. Marien in Delmenhorst zeigt schon: Die katholische Gemeinde der Stadt hatte ein großes Selbstbewusstsein entwickelt, als sie sich Anfang des 20. Jahrhunderts ein neues, ein der Gemeinde angemessenes Gotteshaus baute.

„Die katholische Gemeinde zählte damals viele junge Leute“, erklärt Pfarrer emeritus Josef Nieberding. „Um 1900 gab es um die 300 Taufen im Jahr.“ Zum Vergleich: Heute sind es noch 50 bis 60.

Das erste Gotteshaus der katholischen Gemeinde stand am Westergang, es war eine kleine Kapelle. Doch sie wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu klein, weil die Gemeinde schnell wuchs. Grund war die Industrialisierung, die Delmenhorst zum Boomtown im Großherzogtum Oldenburg machte.

Vor allem die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei heuerte Arbeitskräfte aus Osteuropa an, die oftmals Katholiken waren. Darunter waren auch viele junge Frauen, sodass es zu dem von Nieberding angesprochenen Kinderreichtum kam.

Legendäre Geschichte

Nachdem die kleine Kapelle am Westergang bereits zwei Mal erweitert und erneut zu klein geworden war, wurde ein neues Grundstück erworben. In den Jahren 1901 bis 1903 wurde der „dreischiffige neugotische Backsteinbau mit Westturm, Querhaus und polygonalem Chor mit Nebenapsiden errichtet“, heißt es in dem Band „Baudenkmäler im Oldenburger Land“, herausgegeben von der Oldenburgischen Landschaft.

Typisch für die Neogotik, der wohl ersten Spielart des Historismus, sind die Spitzbögen, aber auch das Kreuzrippengewölbe von St. Marien. Der heiligen Maria wurde die Kirche übrigens wie ihre Vorgängerin in Erinnerung an das Kloster in Hude geweiht. 72 Meter ragte der Turm der neuen Kirche in die Luft und prägte fortan die Silhouette Delmenhorsts.

Legendär ist die Geschichte, dass die evangelische Stadtkirchengemeinde den höheren Turm des roten Doms inakzeptabel fand und selbst in die Höhe baute. 1908 wurde der Turm der Kirche Zur heiligen Dreifaltigkeit auf 54 Meter erhöht, wie auch heute noch an den unterschiedlichen Ziegeln gut zu erkennen ist.

„Der Altarraum in St. Marien ist aber eher nüchtern“, erzählt Nieberding. Was sich mit dem Zweiten Weltkrieg erklären lässt. Am 26. November 1943 wurde St. Marien von zwei Bomben getroffen, das Gebäude wurde weitestgehend zerstört. Doch die katholische Gemeinde krempelte die Ärmel hoch und baute in freiwilliger Leistung alles wieder auf. 1949 wurde sie erneut eingeweiht.

Der Impuls ging vom damaligen Pfarrer Wilhelm Niermann aus, der als eine besonders charismatische Gestalt galt. „Er trieb den Wiederaufbau voran, weil er befürchtete, dass die Nazis die zerstörte Kirche sonst abreißen lassen“, erzählt Nieberding.

Etwas nüchterner gestaltet

Dabei kam Niermann seine Herkunft aus dem Südoldenburgischen zugute, dank seiner Kontakte gelang es ihm, auch in Kriegszeiten Baumaterialien zu beschaffen. „Zahlreiche Anekdoten ranken sich um das Geschick, mit dem er beispielsweise Marmor für den Altarraum und Eichenholz für die Kirchenbänke in einer Zeit des absoluten Mangels beschaffte“, schreibt Michael Hirschfeld in dem von Werner Garbas und Frank Hethey herausgegeben Buch „Delmenhorster Lebensbilder“. Diese Umstände erklären aber auch, warum St. Marien im Innern vielleicht etwas nüchterner gestaltet wurde, als es sonst in katholischen Kirchen üblich ist.

Aber in der Diaspora des im Norden evangelisch-lutherisch geprägten Oldenburger Landes waren die Gemeindemitglieder, größtenteils eben Industriearbeiter, auch nicht so wohlhabend wie in anderen Gegenden, was ebenfalls die „eindrucksvolle Schlichtheit“ erklärt, wie es im kleinen historischen Abriss zur Kirche heißt. „Die schlanken Säulen entbehren jeden Schmuckes. Die hohen Maßwerkfenster kommen allein durch ihre Ornamentik zur Geltung: Hinter dem großen Marmoraltar erhebt sich das von dem Bremer Bildhauer Kurt Lettow geschaffene Kreuz mit seinem 3,20 Meter hohen Corpus.“

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Trotzdem lassen sich in der Kirche auch einige Schätze entdecken. Zum Beispiel das rund sechseinhalb Meter große Christophorus-Fresko des Telgter Kirchenmalers Ludwig Baur am Ausgang. Der Legende nach diente der Riese Gott und trug Pilger über einen reißenden Fluss. Dabei begegnete ihm Christus als Kind und taufte ihn.

Das Fresko soll laut Homepage der Gemeinde (www.st-marien-delmenhorst.de) daran erinnern, „dass auch wir Christen Christus in unsere Welt tragen sollen“. Der Kreuzweg ist in St. Marien in Form von 14 in Eisen gegossenen Reliefs dargestellt, Arbeiten des Düsseldorfer Bildhauers Ferdinand Heseding.

Gerade in der Fastenzeit vor Ostern ist die Kreuzwegandacht ein zentrales Element in der Liturgie. „Die Gesichter sind trotz des spröden Materials von ergreifenden Ausdruck“, heißt es. Und: „Unser Kreuzweg ist errichtet aus den Opfern der Ostvertriebenen.“

Besonderer Schatz

Auch der Tabernakel (der Aufbewahrungsort der Hostien und damit vom Leib Christi befindet sich immer im Herzen der Kirche) ist ein herausragendes Werk aus Silber, geschaffen vom Goldschmied Franz Bolze. Die Motive zeigen biblische Szenen. Das Taufbecken in St. Marien, wiederum von Heseding, wird von den Symbolen der vier Evangelisten – einem Löwen, einem Stier, einem Mensch und einem Adler – getragen.

Ein besonderer Schatz wird indes verschlossen verwahrt: Es ist die Scheibenmonstranz mit dem Thema „Wurzel Jesse“, die einen biblischen Stammbaum mit zwölf Ahnherren Jesu zeigt. Es sind meisterlich gearbeitete Figuren, filigrane Fruchtstände und ebensolches Blattrankenwerk von Goldschmiedemeister Johann Vorfeld aus Kevelaer geschaffen worden. Gestiftet wurde sie der Kirche von Elisabeth Leffers, Frau des Kaufmanns und Zentrumsabgeordneten Carl Leffers.

Beim Umrunden der Kirche fallen die beiden Gräber auf. Sie erinnern an die beiden Geistlichen, die die junge katholische Gemeinde in der Stadt prägten: eben Wilhelm Niermann, dessen letzte Ruhestätte eine Grabplatte von Kurt Lettow ziert.

Und natürlich Bernard Rein, der als Gründungsvater St. Mariens gilt. Er starb 1927. Auch er wurde hinter dem Chor der Kirche beigesetzt. Ein von Münsteraner Künstler Albert Mazotti gestaltetes Grabdenkmal aus Sandstein erinnert an Rein, dessen Vorname erstaunlicherweise auf dem Grabstein mit „h“, also Bernhard, geschrieben wurde.

Als Rein 1879 nach Delmenhorst kam, betreute er eine Gemeinde von 126 Katholiken. Aber es war wie erwähnt eine rasch wachsende Gemeinde, um die er sich kümmerte. Für sie gründete er eine Privatschule und mehrere Vereine, zum Beispiel auch den Mütterverein, den Männergesangverein „Liederkranz“ oder auch den TV Jahn.

5000 Mitglieder um 1900

Zudem holte er bereits 1891 drei Ordensschwestern in die Stadt, die die häusliche Krankenpflege übernahmen und im Hospiz wirkten. Das waren die Wurzeln des St.-Josef-Stiftes, ursprünglich ein Wohnheim für katholische Arbeiterinnen. Als Gebäude hatte Rein die Villa des Korkfabrikanten Wieting an der Westerstraße gekauft. Dass diese Einrichtung den Status eines Krankenhauses erhielt, wie Rein es gern gesehen hätte, erlebte er allerdings nicht mehr.

Rein war es auch, der die St.-Marien-Kirche bauen ließ. Um 1900 war die Gemeinde auf mittlerweile 5000 Mitglieder gewachsen. Nach Plänen des Bremer Architekten Heinrich Flügel, der unter anderem auch am Bau des Überseemuseums beteiligt war, entstand die neue große Hallenkirche.

Um sie bezahlen zu können, wandte sich Rein an das Offizialat in Vechta und setzte durch, dass in allen oldenburgischen Pfarreien einmal im Jahr eine Kollekte für die Delmenhorster Kirche durchgeführt wurde. Zudem initiierte Rein Haussammlungen mit Hilfe des eigens gegründeten Kirchbauvereins.

Und obwohl vor Baubeginn laut Michael Hirschfeld (ebenfalls in den Lebensbildern) bereits über 5000 Reichsmark gesammelt worden waren, was für eine eher arme katholische Gemeinde wahrlich nicht schlecht war, sammelte der Verein bis kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges weiter Spenden, um die Schulden zu tilgen.

Wegen des Kirchenbaus – aber auch wegen zahlreicher anderer Verdienste – wurde Rein 1922 durch Papst Benedikt XV. zum Päpstlichen Geheimkämmerer, also zum Prälaten, ernannt.

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