Erinnerungsorte: In Delmenhorst existieren lediglich zwei Denkmäler für historische Persönlichkeiten der Stadtgeschichte

Der zugewucherte Großherzog am Wegesrand

Denkmäler dienen der Erinnerung, zum Beispiel an große Persönlichkeiten und Ereignisse der Geschichte. Manches Mal sollen sie auch mahnen. Allerdings fristen sie oft ein Dasein jenseits jeglicher Wahrnehmung. Ein letzter Streifzug zu den Orten der städtischen Erinnerungskultur.
14.08.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Andreas D. Becker

Denkmäler dienen der Erinnerung, zum Beispiel an große Persönlichkeiten und Ereignisse der Geschichte. Manches Mal sollen sie auch mahnen. Allerdings fristen sie oft ein Dasein jenseits jeglicher Wahrnehmung. Ein letzter Streifzug zu den Orten der städtischen Erinnerungskultur.

Delmenhorst. Dieser Erinnerungsort, er ist in Vergessenheit geraten. Eine Plastiktüte wurde neben den Obelisken geschmissen, Gräser und Kräuter wuchern aus den Zwischenräumen am Sockel. Unbeachtet steht das Denkmal für Großherzog Nikolaus Friedrich Peter an einer Weggabelung im Tiergarten, unweit des kleinen Weihers und der Schießhalle der 1847er. Von 1853 bis 1900 regierte Peter II. das Land Oldenburg, zu dem auch die aufkeimende Industriestadt Delmenhorst gehörte. Am 7. Juli 1912 wurde das Denkmal enthüllt, eine Initiative des Deichhorster Kriegervereins.

Spaziergänger müssen ein gewisses geschichtliches Wissen mitbringen, wenn sie die Inschrift lesen und zuordnen wollen, arg verkürzt wird nur deutlich, dass das Bronzerelief einem im Profil gezeigten, ernst dreinblickenden bärtigen Mann namens "Nic.Fr.Peter" gewidmet ist. Auf der steinernen, obeliskartigen Säule steht "Ein Gott·Ein Recht·Eine Wahrheit", der Wahlspruch des Oldenburgischen Haus- und Verdienstordens, der 1838 von Großherzog August zu Ehren von Herzog Peter Friedrich Ludwig gestiftet wurde.

Dass Peter II. 1864 die Schirmherrschaft für den Verein zur Pflege verwundeter Krieger, einer freiwilligen Hilfsgesellschaft des Roten Kreuzes, übernahm, 1866 an der Seite Preußens in den deutsch-österreichischen Krieg zog und Zeit seines Lebens ein innenpolitisch konservativer, mit den Neuerungen der konstitutionellen Monarchie fremdelnder Landesvater war, das alles dürfte, außer in Fachkreisen, wahrscheinlich vergessen sein.

Das Großherzog-Denkmal wirft heutzutage wohl eher Fragen auf, es hat sich als Medium überlebt, zumindest in diesem verwahrlosten Zustand, ohne Erläuterungen. Was wiederum an die Überlegungen des Schriftstellers Robert Musil in seinem Aufsatz "Denkmale" aus dem "Nachlass zu Lebzeiten" erinnert. Darin fragt sich Musil, warum es gerade Denkmäler sind, die niemand bewusst beachtet, ja, die geradezu vergessen werden, ein Aufmerksamkeitsranddasein fristen und die somit ihrer ureigensten Funktion, dem Erinnern, beraubt werden. Er vermutet deswegen hinter der Errichtung von Personendenkmälern reine Bosheit: "Da man den großen Männern im Leben nicht mehr schaden kann, stürzt man sie, gleichsam mit einem Gedenkstein um den Hals, ins Meer des Vergessens."

Auffällig in Delmenhorst ist, dass es außer für den ehemaligen Landesvater kaum weitere Personendenkmäler gibt, eine Erinnerungskultur, wie sie in anderen Städte gewachsen ist, existiert nicht. "Bei der Denkmalkultur ist Delmenhorst sicherlich kein Vorreiter", sagt Stadtarchivar Werner Garbas. Dass auch im Kaiserreich keine weiteren Personendenkmäler errichtet wurden, führt er auf das damalige städtische Selbstverständnis zurück, Delmenhorst war mental immer noch das kleine Ackerbürgerstädtchen, keine Metropole.

Auch als in der Bundesrepublik die Tradition der Personendenkmäler wiederbelebt wurde, passierte in Delmenhorst nichts. "Ab den 80er-Jahren wurden wieder vermehrt Personendenkmäler gebaut", sagt der Oldenburger Historiker Stephan Scholz, der gerade ein Buch über Vertriebenendenkmäler und Erinnerungskultur schreibt. Oldenburg sei ein gutes Beispiel für diese Renaissance. "Es sind aber Denkmäler für alternative Figuren, die für ein anderes Deutschland standen, errichtet: Karl Jaspers, Helene Lange oder Carl von Ossietzky", nennt er einige Beispiele. Delmenhorst kennt diese Kultur nicht.

1983 wurde trotzdem eine zweite personenbezogene Skulptur in der Stadt enthüllt: die des ehemaligen Delmenhorster Nachtwächters "Jan Tut". Es handelte sich laut Garbas wohl um Johann Christian von Seggern (1846 – 1931), eine Figur, um die sich viele Anekdoten ranken und die heute noch für Stadtführungen von Ortwin Zielke dargestellt wird. Die Erinnerung bekommt an der Stelle eher eine folkloristische Qualität, die Reduzierung der Stadtgeschichte auf unterhaltsame Döntjes.

Garbas’ Lieblingsdenkmal steht übrigens an der Mühlenstraße. Es ist die Bronzeplastik "Auszug des Müllers" des bekannten Bremer Bildhauers Paul Halbhuber vor der Hauptpost, das 1981 aufgestellt wurde. Der Müller, der einen Getreidesack über den großen Mühlstein schleift und dem die hungrigen Hühner aufgeregt folgen, erinnert an die Tradition des Müllerhandwerks, das über viele Generationen an dieser Stelle der Stadt ausgeübt wurde.

Deutlich skurriler präsentiert sich ein Erinnerungsort an der Friedrich-Ebert-Allee. Im Schatten des Bahndamms steht eine Schranke. Sie ist ein Überbleibsel des ehemaligen ebenerdigen Bahnübergangs, erst 1974 wurde der Bahndamm fertiggestellt. "Vor der Hochlegung herrschten katastrophale Zustände, die Schranken waren meistens unten, es bildeten sich riesige Staus", erinnert sich Garbas. Lediglich einen Fußgängertunnel gab es, ansonsten dienten die immer stärker genutzten Schienen der Strecke Bremen-Oldenburg, gebaut seit 1867, verantwortlich für den industriellen Aufschwung der Stadt, vor allem als Barriere zwischen der Nord- und der Südstadt. Garbas: "Es war eine Wohltat, als die Schienen hochgelegt wurden." Die Erinnerung an diese Wohltat indes steht so versteckt, dass sie kaum auffällt. "Trotzdem: Ich finde es gut, auf diese Episode hinzuweisen."

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