Josef-Hospital Delmenhorst

Die Krankenhaus-­Chroniken

2018 war in Delmenhorst das Jahr des Krankenhauses. Das in die Insolvenz geratene Josef-Hospital (JHD) war in die Insolvenz gestrudelt, doch der Patient befindet sich mittlerweile auf dem Weg der Besserung.
28.12.2018, 19:06
Lesedauer: 7 Min
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Die Krankenhaus-­Chroniken
Von Andreas D. Becker

Das Jahr 2018 – in China das Jahr des Hundes, zudem das europäische Jahr des Kulturerbes – wird in den späteren Delmenhorster Geschichtsbüchern das Jahr des Krankenhauses werden. Auch wenn es zuletzt vergleichsweise ruhig um das Josef-Hospital Delmenhorst (JHD), das Krankenhaus mit dem in der Politik so unbeliebten, zu sehr noch an den katholischen Anteilseigner erinnernden Namen geworden ist. Was zuerst einmal ein gutes Zeichen ist, denn das Haus fährt mehr und mehr im Normalbetrieb. Insofern dies im Rahmen eines Sanierungsprozesses möglich ist.

Doch Florian Friedel, seit etwas über einem Jahr nun Geschäftsführer des JHD, blickt entspannt auf das Jahr, das so turbulent begann, zurück. „Wir sind zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der Sanierung“, erzählt er. „Wir haben viel geschafft in diesem Jahr.“ Was sicherlich auch deswegen möglich war, weil die Stadt das Haus übernommen hat und eben nicht ein Krankenhauskonzern das JHD aufkaufte. Zufrieden ist Friedel auch, weil es ihm gelungen ist, die Mitarbeiter zu motivieren, die unbequeme Sanierung mitzutragen. „Da ist eine hohe Veränderungsbereitschaft zu spüren“, sagt der Geschäftsführer. Was wahrscheinlich auch nach den Jahren der Krise mit der Erwartungshaltung zusammenhänge, dass nun endlich einmal Veränderungen her müssten, dass nun endlich einmal ein nachhaltiger Betrieb gewährleistet ist. „Die Mitarbeiter warten geradezu darauf, dass wir sie befähigen, Dinge zu ändern.“

Ein ganz großer Punkt, um das Haus wirtschaftlich wieder auf solidere Füße zu stellen, ist das Verweildauermanagement, ein hochkomplexes System, weil viele Abteilung nahtlos miteinander kooperieren müssen, um Betten so gut wie möglich auszulasten. „Da sind wir viel schneller in prozessuale Verbesserungen gekommen, als ich es erwartet hatte. Das ist nicht nur meine Meinung, das bekomme ich von außen gespiegelt“, sagt Friedel. Nachdem in diesem Jahr das Soll im Großen und Ganzen erfüllt wurde, allerdings mit einem sehr konservativen Sanierungsplan, der auf noch geringeren Patientenzahlen als das Krisenjahr 2017 ausgelegt war, will Friedel nun langsam nicht mehr nur weiter Spar- und Effizienzpotenziale im Krankenhaus heben, sondern auch wieder mehr Geld verdienen: „Wir müssen nun unsere Leistung steigern, wir wollen wachsen. Dazu sind wir einerseits externe Kooperationen wie mit der chirurgischen Praxis in Brinkum eingegangen. Andererseits wollen wir die Delmenhorster verstärkt davon überzeugen, dass sie zu uns ins Haus kommen.“ 2019 möchte Friedel bei den Patientenzahlen gern das Niveau aus dem Jahr 2017 übertreffen.

Die Geschichte des JHD im Jahr 2018 in der Berichterstattung des DELMENHORSTER KURIER:

5. Januar: Jörg Retzlaff, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, sowie Rüdiger W. Schlick, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie, müssen gehen. Der neue Geschäftsführer Florian Friedel greift offensichtlich beherzt durch und versucht, Doppelstrukturen wie im Fall Retzlaff abzubauen beziehungsweise als schwierig geltende Chefärzte wie Schlick, der bereits mit dem ersten JHD-Geschäftsführer Thomas Breidenbach in einen Konflikt geraten war, zum Abschied aus Delmenhorst zu bewegen. Seit Beginn der Insolvenzphase im September 2017 haben laut Friedel insgesamt 65 Mitarbeiter das JHD eigeninitiativ verlassen, das entspricht 54 frei gewordenen Stellen.

6. Januar: Aus einer Vorlage für den Ausschuss für Planen, Bauen und Verkehr geht hervor, dass der Abriss des alten St.-Josef-Stiftes in der Innenstadt im Frühjahr beginnen soll (ursprünglich war bereits Herbst 2017 angepeilt gewesen). Allerdings müsse dafür auch der Grünstreifen zwischen Krankenhausgelände und dem Parkplatz Am Knick gerodet werden, was vielen Politikern nicht zusagt.

13. Januar: Bei der Rekommunalisierung des JHD müsse nun alles ganz schnell gehen, das teilt Insolvenzverwalter Rainer Eckert Oberbürgermeister Axel Jahnz mit. Bis zum 31. Januar will er eine Entscheidung seitens der Stadt, ob sie das Krankenhaus definitiv in ihrer Regie übernehmen will. Am 26. Februar soll das reguläre Insolvenzverfahren eröffnet werden. Die Sanierer gehen zu diesem Zeitpunkt noch davon aus, dass das JHD 2018 einen Zuschussbedarf von 13,8 Millionen Euro haben wird. Bis zur Eröffnung des Neubaus sollen es rund 20 Millionen Euro sein. Unklar ist derweil weiterhin, wie hoch der Eigenanteil des Krankenhauses an den Neubaukosten sein wird. Bislang wurde immer mit 13 Millionen Euro gerechnet (bei 70 Millionen Euro Zuschuss von Bund und Land), aber das scheint zu optimistisch. Im Raum steht auch immer ein anderes Szenario: Übernimmt die Stadt das JHD nicht, werden Bürgschaften in Höhe von über 13 Millionen Euro fällig.

19. Januar: Der Zuschussbedarf bei der Rettung des Krankenhauses sinkt laut neuesten Berechnungen von Florian Friedel. So werden bis 2021 nur noch 15,5 statt 20 Millionen Euro benötigt, der dickste Batzen davon müsse trotzdem 2018 fließen: 12,3 Millionen Euro. Diese Summe setzt sich so zusammen: 5,8 Millionen Euro Working Capital, 1,5 Millionen Euro für Investitionen, drei Millionen Euro Verlustausgleich. Friedel rechnet für den Kauf des Krankenhauses pro forma mit zwei Millionen Euro, am Ende werden es 1,84 Millionen Euro. Friedel sagt, dass das Krankenhaus seit 2014 15 Prozent seiner Erträge eingebüßt habe, gleichzeitig gab es Kostensteigerungen in diesem Zeitraum, allein sieben Prozent für die Mitarbeiter. Rund 110 bis 115 Vollzeitstellen müssen eingespart werden, 70 Mitarbeiter sind bereits von sich aus gegangen. Wahrscheinlich müssten also in der noch bevorstehenden Entlassungswelle 50 bis 60 weitere Vollzeitstellen wegfallen. Das Problem: Nicht immer haben die Mitarbeiter an den Stellen gekündigt, wo es Überhänge beziehungsweise Doppelstrukturen gab. Friedel hat zudem Einsparpotenziale in ungefähr gleicher Größe bei den laufenden Kosten identifiziert.

20. Januar: Die Kommunalaufsicht will den Nachtragshaushalt der Stadt angeblich am 29. Januar zur Prüfung vorliegen haben. Bis zum 31. Januar wollen die Insolvenzverwalter wissen, ob die Stadt das Haus vollständig übernimmt. Bis zum 12. Februar soll ein verbindliches Angebot abgegeben werden, am 26. Februar soll die Rekommunalisierung abgewickelt sein.

23. Januar: Die Stadt stellt ihren Nachtragshaushalt zur Krankenhausrettung vor. Darin sind auch Notfallpuffer zur Sicherung des Krankenhausbetriebes vorgesehen und unter anderem 1,3 Millionen Euro, um das alte Josef-Stift qua Erbbaurecht zu nutzen. Der Nachtrag sieht jährliche Einsparungen von rund sechs Millionen Euro vor. Zudem müsse die Stadt neun Millionen Euro aufbringen, um verbleibende Sicherheiten zu zahlen. Das soll durch einen deutlich verbesserten Abschluss 2017 möglich sein, sagt die Stadtverwaltung. Die Stadt führt zudem aus, dass die Summe aller Bürgschaften für das Krankenhaus, die gezogen würden, wenn die Übernahme scheitert, bei 22,8 Millionen Euro liegt: 13,6 Millionen zur Absicherung des Kontokorrentrahmens, 6,7 Millionen Euro im Rahmen eines Nutzungsüberlassungsvertrages sowie 2,5 Millionen Euro für die Absicherung des Zukunftssicherungstarifvertrages des Klinikums. Erstmals wird ins Spiel gebracht, dass die Stadt bei einer Schließung des JHD eine notärztliche Versorgung vorhalten müsse.

24. Januar: Der Nachtragshaushalt wird vorgestellt. Unter anderem sollen Steuererhöhungen in Summe 2,1 Millionen Euro in die Stadtkasse spülen.

27. Januar: Am Freitagabend, 26. Januar, lehnt der Rat in geheimer Abstimmung den Nachtragshaushalt und damit auch die Rekommunalisierung des Josef-Hospitals ab. 21 Ratsmitglieder votierten mit Ja, 21 mit Nein. Damit war der Antrag abgelehnt. Am 28. November 2017 hatte es noch mit großer Ratsmehrheit den Grundsatzbeschluss gegeben, das Krankenhaus wieder in städtische Trägerschaft übernehmen zu wollen.

30. Januar: Die Fraktion Die Linke stellt den Antrag, die Abstimmung über den Nachtragshaushalt zu wiederholen. Auf Basis des Paragrafen 79 des Niedersächsischen Kommunalverfassungsgesetzes, weil das „Wohl der Kommune“ durch den Beschluss vom Freitag gefährdet sei. Die Stadt hatte am Wochenende vorgerechnet, dass bei einem Nein mit Kosten in Höhe von 34,7 Millionen Euro zu rechnen sei.

1. Februar: Am 31. Januar stimmt der Rat dem Nachtragshaushalt doch zu: 25 Ja-Stimmen, 14 Nein-Stimmen, fünf Enthaltungen. Im Publikum waren rund 300 Zuhörer, darunter zahlreiche Beschäftigte. Zuvor gab es eine vierstündige Debatte, unter anderem sprachen Krankenhausgeschäftsführer Florian Friedel und auch der die Insolvenz begleitende Anwalt Mark Boddenberg, zudem ergriffen mehrere Beschäftigte in der Einwohnerfragestunde das Wort.

7. Februar: Die Politik äußert Bedenken bei der Übernahme des Grundstücks des alten St.-Josef-Stifts. Ursprünglich war ein Erbbaurecht-Vertrag mit 99 Jahren Laufzeit vorgesehen zum Preis von 1,3 Millionen Euro.

10. Februar: Die Stiftung St. Josef sieht nach der Nichtannahme des Letter of Intent durch die Stadt keine Zukunft mehr und meldet Insolvenz an. Auf dem Areal des Josef-Stifts lagen demnach Belastungen von 20 Millionen Euro, elf Millionen Euro konnten aber wohl durch Grundstücksverkäufe erlöst werden – um welche Grundstücke es sich handelte, wurde nicht mitgeteilt. Das Problem, das die Politik in dem vorbereiteten Deal sah, war, dass alle Risiken und Haftungsfragen der Liegenschaft an die Stadt übertragen worden wären.

27. Februar: Die Übernahme des Krankenhauses durch die Stadt verzögert sich und wird nicht wie geplant zum 1. März, sondern erst zum 1. April gelingen. Das Niedersächsische Sozialministerium bestätigt zudem, dass die Standortfrage vor dem Hintergrund der Stiftungsinsolvenz neu geführt werden könne. Bald zeichnet sich ab, dass der Standort Wildeshauser Straße gesetzt ist.

3. März: Die Verträge zur Übernahme des JHD werden am 2. März unterzeichnet.

7. März: Jetzt ist es raus, das JHD wird sich von 130 Mitarbeitern im Rahmen der Sanierung trennen, dahinter stecken 120 Vollzeitstellen. Am 9. März werden die Entlassungsgespräche geführt, zum 30. Juni enden die meisten der Beschäftigungsverhältnisse. Im JHD werden dann noch 830 Mitarbeiter beschäftigt sein.

15. März: Im Rahmen eines Pilotprojektes nimmt auch das Josef-Hospital am Ärztlichen Bereitschaftsdienst via Telemedizin der Johanniter-Unfallhilfe teil. Nach der turbulenten Phase im Übernahmepoker beginnt nun die Neuaufstellung des Hauses.

2. Mai: Seit dem 1. Mai ist die Stadt nun ganz offiziell Eigentümerin des JHD.

23. Mai: Das JHD führt eigeninitiativ Stationsapotheker ein und greift damit im Sinne der Patientensicherheit der Änderung des Niedersächsischen Krankenhausgesetzes vor. Partner des JHD in diesem Fall ist die Antares-Apotheke aus Hamburg.

26. Juni: Der hausärztliche Bereitschaftsdienst zieht ans Josef-Hospital und soll auf diese Weise auch dafür sorgen, dass die Notaufnahme entlastet wird.

24. August: In einer Zwischenbilanz äußert sich Friedel zufrieden über den Fortschritt der Sanierungsmaßnahmen. Unter anderem wurde die Zahl der Betten von 320 auf 290 reduziert, um eine bessere Auslastung zu erreichen. Derweil schreiten auch Pläne für den Neubau an der Wildeshauser Straße voran. Im Frühjahr 2019 müssen die konkretisierten Pläne in Hannover vorgestellt werden.

8. November: Das JHD stellt mit Carla Schwenke die neue Chefärztin der Urologie vor.

22. Dezember: Auch die Frauenklinik bekommt einen neuen Chef: Katharina Lüdemann verlässt das Delmenhorster Krankenhaus, Aref Latif wird ihr Nachfolger.

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