Bio-Diversitätskorridor „Die Kunst ist ein Katalysator“

Seit drei Monaten läuft das von der bildenden Künstlerin Insa Winkler und dem artecology_network initiierte Projekt „Bio-Diversitätskorridor im Landkreis Oldenburg". Zwischenbilanz-Austellung läuft.
18.09.2017, 14:05
Lesedauer: 6 Min
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Von Kerstin Bendix

Was versteht man unter der sogenannten „Social Landart“?

Es ist eine Art der Kontaktaufnahme mit einer Landschaft und den Menschen, die darin leben. Der Fokus liegt darauf, ein bestimmtes Gebiet gemeinsam mit dessen Bewohnern künstlerisch und ganzheitlich nachhaltig zu entwickeln und zu erforschen. Wer wirkt dort? Was für den Themen gibt es? Was für Kooperationspartner und Hindernisse gibt es?

Und was steckt hinter dem Projekt „Bio-Diversitätskorridor“?

Mit dem Bio-Diversitätskorridor eröffnen wir kleinteiliges Interesse an verschiedenen Themen in einem Lebensraum. Diese Themen können sich erweitern durch die Bevölkerung, die selbst auch Themen einbringen und benennen. Das dauert seine Zeit.

Ist deswegen der Zeithorizont recht lang gewählt? Die erste Projektphase startet im Frühsommer 2017 und läuft bis Oktober 2018.

Die ersten bilateralen Gespräche im Landkreis haben wir schon 2014 geführt. Es verlangt Geduld, ein solches Projekt zu entwickeln. Unsere Themenideen reflektieren sich an unserem Anliegen, den Landkreis einmal anders zu betrachten. Das vielleicht zunächst sperrige Wort „Bio-Diversitätskorridor“ ist aber bereits angekommen. Es beginnt sich zu etablieren. Wir leben in einem gemeinsamen Bio-Diversitätskorridor.

Das Projekt ist von artecology_network ins Leben gerufen worden. Wer gehört zu diesem Netzwerk?

artecology_network habe ich mit Kollegen und Kolleginnen gegründet, die in ähnlichen ökologischen, partizipativen und gesellschaftsrelevanten Kunstrichtungen deutschlandweit arbeiten. Wir sind ein gemeinnütziger Verein, auch wenn wir auf Förderung angewiesen sind. Es erfordert von dem Künstlerkollektiv ein großes und langfristiges Engagement, um die Projekte für den Bio-Diversitätskorridor zu entwickeln und in ein Gebiet einzutauchen. Aber ohne Förderung wie zum Beispiel durch die Bingo Umweltstiftung, den Landkreis, die Gemeinden und die Oldenburgische Landschaft wäre unsere Arbeit unmöglich.

Das Projekt „Bio-Diversitätskorridor“ findet im gesamten Landkreis Oldenburg statt. Wie kam es dazu?

Wir wollten gern im gesamten Landkreis arbeiten – mit allen Gemeinden. Diese Art von Kunst dockt als soziale Kunst an und spiegelt sich durchaus auch in Tendenzen auf der Documenta in Kassel und der Biennale Venedig wider. Partizipation und Kunst ist also kein Neuland. Aber so langsam – das spüren wir sehr stark – ist das Potenzial, das solche Projekte hervorbringen, auch im ländlichen Raum angekommen. Das besondere an unserem Projekt ist, dass wir nicht Kunstprojekte entwickeln, sondern Themen anbieten, die wir im Landkreis spüren und dafür Partner gesucht haben. Kunst ist hier eher Katalysator.

Haben Sie ein Beispiel, welche Projekte beim Bio-Diversitätskorridor laufen?

Ein Beispiel ist das Projekt „GildE“, das Kerstin Polzin zusammen mit den Landwirten nach eindringlicher Recherche entwickelt. Das heißt, alle Künstler haben durchaus Phasen, in denen sie überlegen, wie sie damit umgehen, was sie angeleiert haben. Es gibt auch Erwartungen. Denn wir berücksichtigen die Bedürfnisse des Landkreises – anhand der Unteren Naturschutzbehörde, der Klimaschutzbeauftragten oder des Natursparks. Das sind sehr wichtige Partner. Die Ergebnisse sind trotzdem offen.

Jedes Projekt hat einen Partner?

Jeder Künstler hat immer ein Gegenüber: eine Behörde, eine NGO oder Veranstaltungsort.

Wie viele Künstler sind dabei?

Im Netzwerk haben wir zwölf Projekte mit 15 Künstlern und Künstlerinnen. In der ersten Projektphase haben wir zunächst ein Budget für acht Projekte aufstellen können. Noch nicht alle künstlerischen Vorhaben waren schon an der Reife angekommen, wo man sie beginnen kann. Wir haben uns auch zugunsten der Qualität Zeit gelassen.

Welche Projekte gibt es außer „GildE“ noch?

Werner Henkel arbeitet schon seit vielen Jahren mit Menschen in der Natur und mit Naturmaterialien. Sein Projekt „Lieblingsplätze“ kooperiert mit dem Naturpark Wildeshauser Geest. Die Teilnehmer werden ihre eigenen Lieblingsplätze entwickeln. Damit haben wir sozusagen wieder einen Korridor aufgemacht, der dazu anregen soll, dass jeder über seinen Lieblingsplatz nachdenkt. Außerdem gibt es das Küchenmobil. Das ist ein Projekt, das die Klimabeauftragte des Landkreises, die Gemeinde Hatten und artecology_network zusammen ins Leben gerufen haben.

Was ist das Küchenmobil?

Es ist ein E-Bike, das zu einer mobilen Küche umgebaut wurde. Es tritt immer in Erscheinung, wenn wir Veranstaltungen haben oder für besondere Workshops. Dann wird es bestückt mit den Ideen der Initiatorin Jaana Prüss. Sie fokussiert sich darauf, was man aus der Natur herstellen kann, wie beispielsweise mit Wildkräutern und Holunder. Im Herbst werden wir gemeinsam kulinarische Feinheiten aus Eicheln herstellen. Es ist kein Experiment. Es geht darum, vorhandenes Naturwissen zu erproben und zu teilen. Wir wollen Menschen erreichen, teilzunehmen und neugierig zu werden, den Landkreis anders zu erleben. Die Klimaschutzbeauftrage hat zum Beispiel gesagt, dass das Küchenmobil zu ihnen passt.

Die kulinarischen Feinheiten mit Eicheln stehen in Zusammenhang mit Ihrem Projekt „von Eiche zu Eiche“. Worum geht es da?

Für mich geht es darum, den Landkreis von Baum zu Baum und nicht von Ort zu Ort oder Straßen und Schilder kennenzulernen. Wenn man sich auf diesen Blick einlässt, stellt man fest, dass wir irrsinnig viele Eichen im Landkreis haben. Das ist das eine. Das zweite ist, dass ich unterschiedliche Geschichten zu den Eichen erfahren möchte. Es gibt viele verschiedene Ansätze dazu: Das Laub ist ein großes Reizthema, Efeu oder nicht. Auch das Potenzial von Eicheln als Proteingeber für Schweinehaltung ist ein Thema. Dann gibt es Bäume, mit denen Menschen Verlust verbinden. Ich kenne Menschen, wo der Eichbaum Schicksalsträger ist. Außerdem habe ich mir vorgenommen, pro Gemeinde eine besondere Eichbaumgeschichte zu finden.

Wird es am Ende eine Ausstellung geben?

Es entsteht eine Eichbaum-Route im Landkreis Oldenburg. Diese entwickelt sich ganz von allein. Sie werden es selbst merken: Wenn Sie jetzt an eine Eiche denken und sich umsehen, dann sind Sie schon auf der Route. Und es gibt Menschen, die sofort an einen bestimmten Baum denken, wenn ich ins Gespräch komme.

Wie finden Sie eigentlich die Eichen und Geschichten dazu?

Ich habe Einladungskarten, die ich selbst per Postwurf verteile. Ich hoffe, dass die Menschen, die eine solche Karte bekommen, sich an der Umfrage beteiligen.

Was ist das Ziel des Gesamtprojektes „Bio-Diversitätskorridor“?

Wir wollen vorhandene Strukturen von Landnutzung durch Kreativpotenziale transformieren. Beispielsweise wird Anja Schoeller zusammen mit der Unteren Naturschutzbehörde Neophyten in den Fokus nehmen und aus dem sehr verpönten japanischen Knöterich Speisen anbieten. Wenn eine Behörde zu so etwas bereit ist, dann ist das toll. Wir haben Neophyten, die man mit Pflanzenschutzmitteln einzudämmen versucht. Der ist aber im Grunde resistent, man kann ihn so gut wie nicht bekämpfen. Wenn man ihn jedoch erntet, entsteht vielleicht etwas ganz anderes. Es nennt sich ja auch japanischer Heilknöterich. Das ist vielleicht auch eine Chance für den Landkreis.

Jedes Projekt hat ein Gegenüber. Wie haben sich die Partnerschaften ergeben?

Wir sind mit unserem Konzept auf die Gemeinden zugegangenen. Wir haben einige Bürgermeister, die wir schon kannten, angeschrieben und wurden mehrfach eingeladen unsere Projekte vorzustellen. So hat es sich ergeben, dass das Projekt „Civil Wilderness“ in Harpstedt angesiedelt ist. Das Projekt konnte sich Bürgermeister Herwig Wöbse sehr gut vorstellen. Das Neophyten-Projekt passte natürlich einfach gut zur Unteren Naturschutzbehörde. Auch mein Projekt „Von Eiche zu Eiche“ ist der Behörde zugeordnet. Es gibt ein spannendes Projekt für Menschen, die eher ganz für sich persönlich Erfahrungen machen möchten. Zwei dieser ganztägigen Workshops leitet Hildegard Kurt. Sie ist in der Lage, über ganz kleine Dinge Menschen in Schwingung zu bringen. Diese Lebendigkeits-Werkstatt ist dem Kulturamt des Landkreises zugeordnet und wird im September stattfinden.

Es gibt auch eine Kooperation mit der Leuphana Universität.

Die Universität Lüneburg hat in ihrem Projekt Leverage Points for Sustainability Transformation eine Fallstudie in Niedersachen gesucht. Und ich habe die Idee des Bio-Diversitätskorridors auf einer Summer School für Transdisziplinäre Forschung vorgeschlagen. So ist der Bio-Diversitätskorridor quasi ein gemeinsames Gebilde für die Nachhaltigkeitsforschung und für unsere Social-Landart-Projekte geworden.

Diese Art von Kunst schafft keine klassischen Bilder. Gibt es trotzdem eine Ausstellung?

Deswegen machen wir auch eine Zwischenbilanzausstellung, die am 18. September eröffnet wird. Dort werden erste Ergebnisse der Kooperation, aber auch der Entstehungsprozess des Bio-Diversitätskorridors gezeigt. Das Programm bietet unter anderem einen Neophyten-Gipfel, einen Neophyten-Pirschnachmittag und eine Neopythen-Portrait-Werkstatt an. Das heißt, es werden starke Bilder erzeugt. Der Unterschied ist, dass wir den Prozess der Entstehung mit in unsere Arbeit einbeziehen. Hier möchten wir erreichen, dass noch mehr Menschen aus dem Landkreis mitmachen.

Wie ist das Feedback aus der Bevölkerung?

Wir haben einen Standort mit dem Projektcontainer. Es ist wichtig, dass wir einen Präsenzort haben. Der ist für die erste Projektphase in Kirchhatten. Denn das Projekt von Peer Holthuizen hat den Bürgermeister von Hatten zum Partner, wo sich gerade ein spannender Dialog entwickelt. Für das nächste Jahr haben wir auch die Gemeinde Wadenburg gewonnen, die bisher die Federführung für die zweite Projektphase übernommen hat. Es wird unter anderem um Flurnamen, vegane Landwirtschaft und Restlebensweisen gehen. Wir haben bis jetzt interessanterweise wenig Ablehnung bekommen. Wir haben von allen Gemeinden sehr positive Resonanz.

Das Interview führte Kerstin Bendix.

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