Ersatz für Kramermarkt

Schausteller entwickeln neue Ideen

Der Kramermarkt muss erneut wegen Corona ausfallen. Manche Schausteller geraten durch die Absage auch finanziell in Schieflage. Es gibt Überlegungen, für den Sommer wenigstens eine Ersatzkirmes zu planen.
12.03.2021, 17:47
Lesedauer: 3 Min
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Schausteller entwickeln neue Ideen
Von Gerwin Möller
Schausteller entwickeln neue Ideen

Auf der Suche nach alternativen Einkommensmöglichkeiten hat das Schaustellerehepaar Britta und Albert Coldewey einen Online-Shop entwickelt. Ihr neuestes Produkt ist, passend zur Jahreszeit, ein Osterstollen.

INGO MÖLLERS

Eigentlich lädt der Kramermarkt zweimal im Jahr auf die Graftwiesen ein. Der geplante Frühlingsmarkt vom 17. bis 21. April wurde jetzt aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt. „Zum letzten Mal konnten wir mit dem Weihnachtsmarkt 2019 Einnahmen erzielen“, sagt Albert Coldewey als Sprecher des Delmenhorster Schaustellervereins.

Mit dem Kramermarkt in Delmenhorst und der Bremer Osterwiese startet die Branche sonst regulär in ihre Saison. Nostalgische Karussells, Fahrgeschäfte mit Hightech-Nervenkitzel sowie Schieß- und Spielgeschäfte und zahlreiche Angebote mit kulinarischen Leckereien entgehen der Bevölkerung zum dritten Mal. „Für uns ist das eine Katastrophe“, sagt Coldewey. Er selbst konnte über seine Lebkuchenherstellung noch alternative Einnahmequellen erschließen, „wer als Schausteller nur mit reinen Fahrgeschäften unterwegs ist, hat solche Möglichkeiten nicht“, sagt Coldewey.

Weihnachten als Saisonverlängerung

Schaustellerkollege Andreas Kutschenbauer ist nicht vom Ausfall des Kramermarktes betroffen, aber auch für ihn fallen zu Ostern geplante Jahrmärkte aus. „Wir starten eigentlich beim Volksfest in Nürnberg“, sagt er. Kutschenbauer hat längst zu den Karussells ein gastronomisches Zusatzangebot aufgebaut. „Damit stehen wir bei Weihnachtsmärkten“, eine für die Branche schon lange bedeutende Saisonverlängerung.

„Klar haben wir Verständnis“, sagt Albert Coldewey. Aber die wirtschaftliche Situation werde für viele immer kritischer. Mit seinem „Eis wie Sahne“ hatte er sich vergangenen Herbst zum Freipark auf der Bremer Bürgerweide angemeldet. Dort wollten die Schausteller unter strengen Auflagen einen Ersatz für den abgesagten Bremer Freimarkt betreiben. Dort waren gar keine Besucheranstürme zu erwarten gewesen, das Areal durfte lediglich 3000 Besucher aufnehmen. „Nach fünf Tagen schon war aber Schluss damit.“

Von den Beschlüssen der Bundesregierung zeigt sich Coldewey enttäuscht. Große Hoffnungen waren geweckt worden, „weil es hieß, die Menschen würden bald geimpft werden“. Aber nun schleppe sich die Impfkampagne langsam dahin. Er zeigt sich frustriert, „es wurde viel angekündigt, aber es ist nichts davon passiert“. Wenigstens kann er einen Online-Shop mit Produkten aus seiner Lebkuchenherstellung betreiben. Zu Ostern sollen von dort besondere Kreationen auf den Markt gebracht werden, Präsente und Osterstollen.

Hoffnung setzt Coldewey noch in eine Wiederholung der Sommerwiese, die vergangenes Jahr auf Initiative von Andreas Kutschenbauer ins Leben gerufen worden war. „Ja, wir sind bereits mit den Behörden im Gespräch“, bestätigt Kutschenbauer eine Nachfrage des DELMENHORSTER KURIER. Aber auch für einen abgespeckten Jahrmarkt müssten überhaupt die Bedinungen erfüllt sein. „Die Sommerwiese wurde von den Delmenhorstern großartig angenommen“, schwärmt Kutschenbauer. Man hatte im Juni begonnen, die sogenannte Hotelwiese zu bespielen. „Auch dieses Jahr stellen wir uns wieder vor, Künstler, Chöre und weitere Protagonisten auftreten zu lassen“, sagt Kutschenbauer. „Die Künstler sind nach ihrem Auftritt mit dem Hut durch die Reihen geschritten, ihnen waren die Einnahmen aber gar nicht in erster Linie wichtig, sie konnten wieder vor Publikum auftreten“, erinnert er sich.

Menschen hecheln nach Volksfesten

Als Voraussetzung für das Ersatz-Volksfest nennt Kutschenbauer, dass den Veranstaltern wieder der Alkoholausschank genehmigt werden müsse. „Und der Verkauf von Speisen darf sich nicht auf ein 'to-go-Geschäft' beschränken.“ Überhaupt müsse es den Besuchern erlaubt sein, sich zum Genuss der Leckereien auf die bereit gestellten Bänke zu setzen. Solche Biergarten-Veranstaltungen seien in Süddeutschland viel üblicher, berichtet Kutschenbauer. Dort ließ er sich inspirieren und brachte die Idee nach Delmenhorst mit. Entsprechende Anträge im Rathaus seien schnell gestellt, „aber es müssen auch die Zahlen stimmen“, Kutschenbauer schaut mit Sorge auf die gerade wieder steigenden Inzidenzwerte. „Die Menschen wünschen sich so sehr eine Kirmes, sie hecheln geradezu danach.“

Info

Zur Sache

Volksfest mit großer Tradition

Vor 650 Jahren bekam Delmenhorst durch den dänischen König Christian V. das Marktrecht verliehen. 1823 bezogen 33 Marktbeschicker den Frühjahrsmarkt. Die Bezeichnung „Krammarkt“ ist für 1887 belegt – in diesem Jahr stand auch erstmals ein Karussell auf dem Markt. Seit 1952 beziehen die Schausteller ihren Platz auf den Graftwiesen. In der Regel findet im Frühjahr am Eröffnungstag ab 14 Uhr ein großer Festumzug statt, der mit vielen bunten Festwagen und Fußgruppen durch die Delmenhorster Innenstadt geleitet wird.

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