Sarah Kestering über ihr Hobby

Die unbändige Lust am Brettspiel

Gesellschaftsspiele, das ist was für Kinder. Sarah Kestering hört das häufig. Aber die 34-Jährige sieht das anders. Ganz anders. Deswegen schreibt sie dagegen an, auf spielenswert.de bloggt sie darüber, was sie gern spielt und was nicht. Seit Neuestem tut sie das aus Ristedt, wo sie mit ihrem Mann gerade hingezogen ist. Und sie gibt Tipps, welche Spiele sich für Familien ihrer Meinung nach gut unterm Weihnachtsbaum machen. Titel, die mehr bieten als "Uno" oder "Monopoly".
11.12.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Andreas D. Becker
Die unbändige Lust am Brettspiel
Michael Galian

Gesellschaftsspiele, das ist was für Kinder. Sarah Kestering hört das häufig. Aber die 34-Jährige sieht das anders. Ganz anders. Deswegen schreibt sie dagegen an, auf spielenswert.de bloggt sie darüber, was sie gern spielt und was nicht. Seit Neuestem tut sie das aus Ristedt, wo sie mit ihrem Mann gerade hingezogen ist. Und sie gibt Tipps, welche Spiele sich für Familien ihrer Meinung nach gut unterm Weihnachtsbaum machen. Titel, die mehr bieten als "Uno" oder "Monopoly".

Syke-Ristedt. Sarah Kestering ist ein Spielkind. Schon immer. Und irgendwie hat sich das auch nie verwachsen, eher im Gegenteil, es ist noch intensiver geworden mit dem Spielen. Man sieht es sofort, wenn man das Haus betritt. Akkurat reihen sich die Schachteln der neuesten Spiele wie in einer Bibliothek die Buchrücken aneinander. Und im Arbeitszimmer sieht es aus wie in einem Fachgeschäft, bis unter die Decke stehen die bunten Kartons, mehrere Hundert sind es mindestens. Aber der Gern- und Vielspieler an sich ist auch immer Jäger und Sammler. Aber welcher Musikliebhaber verfügt nicht auch über eine wohlsortierte Tonträger-Sammlung? Welcher Whisky-Connaisseur hat nicht einige Flaschen zur Auswahl in der Bar stehen?

Die Freude am Spielen wurde vor allem von ihrem Onkel gefördert. Ständig kam "Malefiz" auf den Tisch. Und "Mau-Mau". "Und wir haben mit der ganzen Familie ,Monopoly' gespielt, nach Hausregeln, das ganze Wochenende." Irgendwann entdeckte sie, dass Spiele mehr können. "Das verrückte Labyrinth" von Ravensburger war so etwas wie das Erweckungserlebnis. Nicht auszudenken für sie, was passiert wäre, wenn sie wieder so einen Fehlkauf wie mit dem "Spiel der Spiele" erlebt hätte, das doch in der Fernsehwerbung so toll aussah und so viel Freude und Heißassa versprach, auf dem heimischen Spieltisch aber einfach nur doof war. Vielleicht wäre die Begeisterung mit einem zweiten Flop verflogen, aber das "Labyrinth" stachelte den Spieltrieb nur weiter an.

"Mir erging es mit dem ,Ver-rückten Labyrinth' wie bei den ,Siedlern von Catan'. Nach einer extrem intensiven Phase verstaubt es nun im Regal. Als ich es zuletzt hervorholte, musste ich gestehn: Wir sind älter geworden - das ,Labyrinth' und ich. Es macht mir immer noch Spaß, aber die totale kindliche Begeisterung ist etwas verschwunden", schreibt Sarah Kestering in ihrem Blog. Was vor allem daran liegt, dass sich viel getan hat auf dem Brettspielmarkt. Die Spiele sind eindeutig in der Breite besser geworden, tolle neue Spiele gibt es mittlerweile jedes Jahr mehr als selbst eine Sarah Kestering spielen kann.

Das Problem mit der Neuheitenflut ist nicht neu. Auch die Vielspielerin und Vielkennerin hatte irgendwann selbst das Problem, den Überblick noch zu behalten. Zumal sie mit ihrem Mann in den USA lebte, weit weg vom weltweit größten und wichtigsten Brettspielmarkt: Deutschland. Also machte sie sich im Internet schlau, was gerade angesagt und gut war. Sie stieß auf viele Seiten, auf denen Gernspieler über ihr Hobby schrieben. "Aber da las ich fast nur Rezensionen, die vor allem langweilig die Regeln nacherzählt haben." Das muss doch auch anders gehen, dachte sie sich. Und weil sie schon immer Spaß am Schreiben hatte, legte sie einfach los. Im März 2007 ging spielenswert.de online, Sarah Kestering hat sich mittlerweile einen recht ordentlichen Leserstamm mit ihrer Kodderschreibe erworben.

Über die Seite stieß auch ein gewisser Udo Bartsch auf sie. Bartsch ist in der Welt der Brettspiele so etwas wie Marcel Reich-Ranicki für die Literaturkritik, sein Urteil ist gefürchtet, er ist gnadenlos. Nur viel lustiger als der kleine Mann mit der rostigen Stimme. Bartsch fand "spielenswert" sehr lesenswert und holte seine Hobbykollegin zur Zeitschrift "Fairplay". Was imposanter klingt, als es ist. Denn die "Fairplay" ist ein reines Liebhaberprojekt von Spielebegeisterten für andere Spielebegeisterte, Geld verdienen die Schreiber keins. Aber sie können in dem Fanzine wenigstens ihrer inneren Stimme folgen und versuchen, Menschen ans Brett zu holen, sie zu begeistern, zu missionieren.

Sarah Kestering, die sich als Hausfrau um Haus, Katze und Spielesammlung kümmert, hatte in Aachen einen großen wie verspielten Freundeskreis. Nun, in Ristedt, muss sie sich einen neuen aufbauen. Wer Interesse hat, kann sich über ihre Homepage an sie wenden und dann eigentlich jederzeit zum Spielen vorbeikommen. "Wer zu mir kommt, muss auch keine Regeln lesen. Ich erklär die Spiele", sagt sie. Und denkt an Katharina zurück. Die auch mal wissen wollte, was es außer "Monopoly" sonst noch so gibt. "Katharina sah dann meine Spielesammlung und wollte alles noch spielen." Das war vier Monate vor dem Umzug in den Norden. "140 Spiele haben wir geschafft."

Und noch einen Vorteil haben Neulinge in der Szene, wenn sie mit Sarah Kestering spielen. Sie bekommen die Auswahl schon vorsortiert, denn die schlechten werden schnell beiseite gestellt - es sei denn, sie müssen wegen einer Rezension unbedingt noch mal auf den Tisch. Aber in der Regel gibt es schon die gute Vorsortierung, also "Spiel der Spiele"-Erfahrungen bleiben aus. Auch wer sich an die Geschenktipps der Expertin hält, wird seinen Spaß haben. Zum Schluss sechs Einkaufstipps:

"The City" (Amigo) heißt ein neues Kartenspiel, das nicht viel kostet, schnell gespielt ist und wenig Regellektüre verlangt. Trotzdem ist es nicht banal, weil Karten nicht nur Gebäude sind, sondern auch als Geld eingesetzt werden. Jeder baut schnell eine kleine Stadt vor sich auf, was ein positives Spielgefühl bringt. Dabei sind viele Strategien möglich, ohne dass es zu akademisch wird. Denn auch das Glück beim Nachziehen spielt eine Rolle.

"Gift Trap" (Heidelberger Spieleverlag) ist schon zwei Jahre alt, aber trotzdem ein kleines Partyspiel-Juwel. Die Jury, die den Preis "Spiel des Jahres" verleiht, hat "Gift Trap" einen Sonderpreis gegeben. Die Spieler beschenken sich gegenseitig, und zwar mit dem, was auf dem Spielplan ausliegt. Da jedes Geschenk nur ein Mal vergeben werden darf, wird es manchmal schwierig, die Mitspieler mit etwas Passendem zu beglücken. Das, was es gibt, sagt nicht nur viel über den Beschenkten, sondern auch über den Schenker aus. Und sorgt garantiert für viele Lacher.

"Pictomania" (Pegasus) ist ein Malspiel, wovon es viele gibt. Aber dieses ist besonders. Aus 42 Begriffen muss jeder Spieler einen anderen malen. Alle malen gleichzeitig und müssen dabei auch noch gucken, was die Mitspieler wohl gerade kritzeln und einen Tipp abgeben. Lustig sind die unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen. So mag es einfach sein, vielleicht ein Märchenwesen wie ein Einhorn zu malen. Aber es gibt noch die Lila-Karten. Lila bedeutet in diesem Spiel: schwer. Und wer dann Gewissen oder Vorstellung malen soll, kommt schnell ins Schwitzen.

"Mondo" (Pegasus) ist ein hektisches Wettpuzzeln. Sieben Minuten haben die Spieler, um ihre eigene kleine Welt zu basteln. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn alle wühlen gleichzeitig im Haufen mit den Plättchen, zudem muss jedes Plättchen richtig angelegt werden. Und wem das zu schlaff ist, der kann mit den mitgelieferten Aufgabenplättchen den Schwierigkeitsgrad erhöhen. Da die Spieler schnell lernen, wie es geht, können sie auf die Aufgaben schon bald nicht mehr verzichten.

"Airlines Europe" (Abacus) richtet sich an Familien, die mal etwas mehr spielen wollen als "Mensch ärgere Dich nicht" oder "Monopoly". Es geht darum, das Flugstreckennetz in Europa auszubauen und dabei möglichst die Aktienmehrheiten an den lukrativsten Fluggesellschaften zu halten. Ist im Grunde ganz einfach, eröffnet aber viele Möglichkeiten für Strategien, ohne zu kompliziert zu sein. Die kleinen Plastikflugzeuge, die das Liniennetz auf dem Plan markieren, sehen zudem toll aus. Eine echte Perle unter den Familienspielen.

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