Franz Robert Czieslik spürt mit seinen „Baumturen“ dem Wesen des Holzes nach / Auch schreiberisch ist er tätig „Die Zeichnung ist im Material“

Groß Ippener. In dem kleinen Häuschen hängt ein großformatiges Bild. Nüchterne Menschen erkennen darauf wahrscheinlich nur einen liegenden, wohl schon etwas modrigen Baumstamm und ein bisschen Gras und ansonsten eine eher undefinierbare Umgebung.
28.05.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ute Winsemann

In dem kleinen Häuschen hängt ein großformatiges Bild. Nüchterne Menschen erkennen darauf wahrscheinlich nur einen liegenden, wohl schon etwas modrigen Baumstamm und ein bisschen Gras und ansonsten eine eher undefinierbare Umgebung. Franz Robert Czieslik sieht mehr. Nicht nur mehr Details an der Oberfläche. Sondern auch mehr irgendwo und irgendwie dazwischen und dahinter. Lauter Gesichter zum Beispiel. „Hier ist eins, da zwei, da noch eins und da ein alter Mann mit Hakennase.“ Vielschichtig und vielgestaltig ist das Bild für ihn. Trotzdem kann er es ganz kurz zusammenfassen: „Das bin ich.“ Dabei handelt es sich gar nicht um eine eigene Arbeit des Künstlers, vielmehr stammt sie von seiner Kollegin Claudia Schreiber. Aber er „musste“ das Bild einfach haben.

Da es drinnen hängt, bekommen es Gelegenheits-Besucher seines Skulpturenparks am Waldrand zwischen Groß Ippener und Dünsen nicht zu Gesicht. Wohl aber das, was der Künstler in anderen Baumstämmen entdeckt. Denn das macht er auch für weniger sehbegabte Menschen erlebbar, indem er es sozusagen aus dem Holz herausholt.

„Baumturen“ nennt er die oft übermannshohen Arbeiten, die er auf dem großen Grundstück am Dünsener Bach verteilt hat. Die Wortschöpfung aus Baum und Skulptur macht nicht zuletzt die Bedeutung des Rohstoffs deutlich. „Ich mache keine Zeichnung, die Zeichnung ist im Material“, sagt der Künstler denn auch über seine Arbeitsweise. Manchmal ist das Ergebnis figürlich, manchmal abstrakt.

Viele der abstrakten „Baumturen“ sehen so aus, als hätte er fast chirurgisch das Innenleben eines Stamms freigelegt, einzelne Faserstränge weggenommen, damit die anderen umso deutlicher hervortreten. Bei einigen springen die Strukturen den Betrachtern förmlich entgegen, selbst aus der Ferne, weil der 49-Jährige Teile mit leuchtenden Farben angemalt hat, die umso deutlicher mit den natürlichen Tönen des Holzes kontrastieren.

Acrylfarbe und Leuchtpigmente benutzt er überwiegend bei den abstrakten Werken. Doch auch bei figürlichen setzt er damit gelegentlich Akzente, zum Beispiel bei einer „Waldkönigin“. Es ist aber nicht etwa die Krone, die der Künstler hervorhebt, vielmehr sozusagen eine Falte des hölzernen Gewands, das – wie die anderen „Baumturen“ auch – quasi aus dem Boden emporgewachsen scheint.

Auch die figürlichen Arbeiten sind alles andere als naturalistisch oder realistisch. Vielmehr folgen ihre meist geschwungenen Formen ebenfalls dem Holz. Aber zumindest sind etwa Menschen als solche – oder höchstens noch als verwandte mythische Wesen – zu identifizieren. Und auch die Krone der „Waldkönigin“ lässt sich erahnen. Ihren Titel allerdings erfahren die Besucher nicht. Viele der „Baumturen“ haben gar keinen. Aber selbst diejenigen, die er benannt hat, lässt ihr Schöpfer lieber einfach so wirken, als mit einem Namen die Richtung vorzugeben.

Nur an zwei Arbeiten stehen Schilder. Ohne sähen sie vielleicht auch nur aus wie Kreise aus aufrecht stehenden langen Spalthölzern. Mit aber erschließt sich zumindest ein bisschen mehr. „In den Baum gehen“ heißt die eine, „vom Baum umgeben“ die andere. Beide hat der Künstler jeweils aus einem Stamm gearbeitet. Den einen hat er der Länge nach gespalten und dann die Einzelteile im Grunde nur auseinander gerückt, sodass man zwischen ihnen hindurch und so tatsächlich „in den Baum gehen“ kann.

Den anderen Stamm hat der Künstler ebenfalls gespalten und auseinander gerückt, dabei aber die Rindenseite nach innen gedreht, in der Mitte ist man also in einer in der Natur unmöglichen Weise „vom Baum umgeben“. So können dann auch die Besucher vielleicht ein klein wenig dem nachspüren, wie der Künstler gedanklich und mit seinem Werkzeug – moderne Kettensäge für die groben Formen, traditioneller Holzhammer und Bildhauerbeitel für die Feinheiten – zum Kern des jeweiligen Baums vorzudringen versucht.

Gegenwärtig allerdings komme er kaum dazu, mit Holz zu arbeiten, sagt er. In diesem Jahr habe er bislang gerade mal eine „Baumtur“ fertiggestellt. Und die ist auch noch etwas atypisch, weil sie nebenbei einen praktischen Zweck hat: In das Innere können Besucher Geld fallen lassen, mit dem sie den Künstler und seinen teils auf einer offenen Wiese, teils unter Bäumen befindlichen Park unterstützen wollen. Bislang habe er nämlich öfter etwas aus dem durchsichtigen Rohr am Eingang fischen müssen, erzählt der Künstler. Dabei dient das Rohr doch eigentlich nur als Zählanlage: Jeder Besucher soll einen Lärchenzapfen deponieren, so kann der Hausherr auswerten, wie viele da waren. Aber wer ihn selbst nicht antraf oder ihm nicht direkt etwas in die Hand drücken wollte, habe eben manchmal dort einen kleinen Obolus hinterlassen.

Dass er aktuell nicht mehr geschafft hat als die eine Spendensammel-Vorrichtung, hängt nicht nur damit zusammen, dass er in Teilzeit noch als „Schweinedompteur“, wie er selbst sagt, auf einem Bauernhof hilft und das auch das Herrichten des Parks – vom Mähen der Wege um die Bodenbrüter-Nester herum bis zum immer wieder nötigen Ausreißen des invasiven Springkrauts – einige Zeit erfordert. Sondern vor allem ist die Bildhauerei nicht sein einziges künstlerisches Metier.

Gegenwärtig hat er besonders viel mit dem Schreiben zu tun. Gerade sind Texte für Kinderbücher fertig geworden, um die sich jetzt eine Illustratorin kümmert. Auch ein Hörspiel, zu dem Franz Robert Czieslik unter seinem Pseudonym „Bob Farmer“ die Idee lieferte, die seine beste Freundin Susanne Oßwald dann in Dialoge umwandelte, ist fast vollendet, nur eine Kleinigkeit müsse noch verändert werden.

Besucher des Skulpturenparks können auch diese Seite des Künstlers kennenlernen. Denn bei seinen monatlichen offenen Ateliers kann man ihm – und zeitweise auch einem Schüler – nicht nur bei der Bildhauerei über die Schulter schauen. Sondern es gibt auch jeweils noch Sonderveranstaltungen. Die Veröffentlichung des Hörspiels ist für Juni geplant. Davor können die Besucher bereits an diesem Wochenende einem weiteren Pseudonym des 49-Jährigen begegnen: Am Sonntag, 31. Mai, liest er ab 17 Uhr Satiren, die er als „Franz Zehnbier“ verfasst.

Der Skulpturenpark ist täglich von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Termine für das offene Atelier sind 30./31. Mai, 27./28. Juni, 25./26. Juli und 22./23. August. Der Weg ist zu dem abgelegenen Grundstück mit der Adresse Zum Baßmerhoop ist ab Groß Ippener ausgeschildert. Besichtigungen mit Führung können unter 01 72 / 1 09 77 74 (Anrufe nur von 19 bis 20 Uhr) vereinbart werden. Internet: www.skulpturen-holz.de.

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