Uli Borowka liest im Hotel Thomsen

Doppelleben als Profi-Fußballer und Alkoholiker

Der einstige Werder-Spieler Uli Borowka liest am 21. Januar in Delmenhorst aus seinem Buch über sein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker. Christina Steinacker traf den 53-Jährigen zum Interview.
14.01.2016, 00:00
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Der einstige Werder-Spieler Uli Borowka liest am 21. Januar in Delmenhorst aus seinem Buch über sein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker. Christina Steinacker traf den 53-Jährigen zum Interview.

„Eine Flasche Whisky, eine Kiste Bier, eine Flasche Wodka“, das war teilweise sein Tagespensum, sagt Uli Borowka. Seit 16 Jahren ist der ehemalige Werder-Spieler trocken und setzt sich heute für den Kampf gegen die Sucht ein, vor allem im Sportbereich. Seine Geschichte vom Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker erzählt der einst gefürchtetste Verteidiger der Bundesliga in einem Buch. Auf Einladung der Guttempler Delmenhorst liest der 53-Jährige am 21. Januar ab 19 Uhr im Hotel Thomsen daraus vor. Über seinen Ausstieg aus der Abhängigkeit, seinen Selbstmordversuch und sein Engagement in der Suchtprävention sprach Christina Steinacker mit ihm vorab.

Sie erzählen von einem Tagespensum, das kaum vorstellbar ist im Profisport, wo körperliche Höchstleistung zählt. Wie war so ein Doppelleben als Leistungssportler und Alkoholiker möglich?

Uli Borowka: Das ist in dem Moment möglich, wenn man Leistung bringt in der Gesellschaft. Und wer Leistung bringt, kann sich viel herausnehmen. Das war damals so und ist heute auch noch so.

Wie schafft man das körperlich?

Ich hatte das Glück, dass mein Körper auch mitgespielt hat. Er war in der Lage, die Gifte des Alkohols brutal schnell abzubauen. Das hat mit meinem Stoffwechsel zu tun, das wurde später bei Untersuchungen nachgewiesen. So bin ich in der Woche teilweise bis zwei, drei Uhr morgens unterwegs gewesen und war aber morgens der erste auf dem Trainingsplatz.

Der Trainer, die Mannschaftskollegen, der Verein – alle wussten, dass Sie trinken, sagen Sie. Aber solange die Leistung stimmte, hat es niemanden gekümmert.

Mir ist nichts passiert, weil ich ja Leistungsträger war. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, es hätte kein Mensch die Chance gehabt, mir zu helfen, weil ich es nicht zugelassen habe.

Wie haben die Menschen um Sie herum reagiert – Ihre Familie? Ihre Freunde?

Jeder hat das gewusst, aber es hat auch jeder vor mir Angst gehabt. Ich hatte ja einen brutalen Ruf auf dem Platz und das habe ich auch genossen. Ich habe in einer Ritterrüstung gesessen und bin nicht mehr mit mir klargekommen. Den Alkohol brauchte ich auch, um vor mir selbst Ruhe zu haben. Weil ich mich selbst nicht mehr gemocht habe. Gleichzeitig hatte ich Angst, dass, wenn ich über meine Gefühle rede, mein Kartenhaus komplett zusammenbricht.

Wie ist es losgegangen mit dem Alkohol?

Es hat genauso angefangen wie so oft: In der Lehre, mit 15, der Geselle sagt mittags: „Uli, trinkst Du mal ’ne Flasche Bier mit?“ Wenn Du nein sagst, wirst Du ausgegrenzt. Man muss aber auch klipp und klar sagen: Ich war auch nie in der Lage, nach zwei Gläsern mal zu sagen, es reicht. Ich konnte es nicht kontrollieren.

Was war im Rückblick Ihr persönlicher Tiefpunkt?

Mein Selbstmordversuch, das war 1996. Ich habe mir Alkohol und Medikamente zusammengemixt und wollte mich umbringen. Bis 2011 habe ich nie darüber gesprochen.

Gab es da nicht den Moment, in dem sie gesagt haben : Halt, das wird jetzt zu viel? Hatten Sie danach gar kein schlechtes Gewissen?

Doch, zwei Stunden lang. Ich war 14 Stunden bewusstlos, dann bin ich wieder aufgewacht, hatte zwei Stunden lang ein schlechtes Gewissen und dann habe ich weitergesoffen.

Im März 2000 haben Sie einen Entzug in einer Spezialklinik begonnen. Wer hat es letztlich geschafft, Sie davon zu überzeugen, dass Sie ein Problem haben?

Christian Hochstätter (der bei Borussia Mönchengladbach damals Sportdirektor war, Anmerkung der Redaktion) und der ehemalige Präsident Wilfried Jacobs haben für mich hinter meinem Rücken einen Platz in einer Entzugsklinik klargemacht und mich abholen lassen. Ich war morgens losmarschiert zur Geschäftsstelle von Borussia Mönchengladbach, hatte eine Platzwunde am Kopf und keine Zähne mehr im Mund. Die beiden haben den Ernst der Lage erkannt und sofort gehandelt. Von alleine wäre ich nicht in die Klinik gefahren.

Sie haben sich aber nicht gewehrt?

Mein Gedanke war ja: Hier hast Du ein Dach über dem Kopf, bekommst was zu essen und nach drei Wochen kannst du wieder gehen und kontrolliert trinken. Den Zahn haben die Therapeuten mir aber schnell gezogen.

Die vier Monate Entzug, die dann folgten, waren wohl die härtesten Ihres Lebens, die Ihnen das Leben aber auch gerettet haben – kann man das so sagen?

Es war hammerhart, aber im Endeffekt bin ich froh, dass ich da war, es hat bis heute was gebracht. Jeder einzelne Tag, an dem ich trocken bin, ist für mich wichtiger als jeder Titel, den ich gewonnen habe.

Sie haben 2013 außerdem einen Verein gegründet: Uli Borowka Suchthilfe und Prävention. Worin sehen Sie seine Aufgabe?

Wir kümmern uns um Kinder aus suchtkranken Familien, um sie ins normale Leben zurückzuführen, um ihnen einiges zu ermöglichen. Die Eltern gehen ja nicht mehr vors Haus, und die Kinder sind die Leidtragenden. Wir unterstützen Jugendarrestanstalten, machen Workshops in Schulen und ich bin über den Verein in Fanprojekten.

Sie leisten Präventionsarbeit, durch Lesungen und Veranstaltungen mit Fanclubs oder Vereinen, und Sie sind auch Anlaufstelle für suchtkranke Profisportler. Sind diese aus Ihrer Sicht besonders suchtgefährdet? Durch den Leistungsdruck?

Das kommt noch oben drauf. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, hat man noch mehr Druck. Es gibt eine Studie der Profifußballer-Gewerkschaft Fifpro dazu, dass 19 Prozent der aktuellen Hochleistungssportler suchtkrank sind, bei den ehemaligen sind es 34 Prozent. Dazu kommen noch die psychischen Krankheiten.

Was ist Ihre Botschaft an Menschen, die ein Suchtproblem haben, oder lässt sich das nicht so einfach zusammenfassen?

Nein, zum Glück sind da alle Menschen anders und nicht so verbohrt und resistent gegen Hilfe, wie ich es war. Das habe ich mitbekommen in den letzten Jahren. Ein Großteil ist so, aber nicht alle. Der eine oder andere geht sogar allein in die Klinik. In den nächsten Jahren werden wir jedoch mehr alkoholkranke Menschen dazubekommen, denn 80 Prozent aller Suchtkranken werden rückfällig. Das sind schon aus meiner Sicht dramatische Ausmaße und es wird relativ wenig dagegen getan in Sachen Prävention, der Aufklärung bei Jugendlichen.

Was erwartet die Zuhörer Ihrer Lesung?

Es wird keine reine Lesung, ich beantworte alle Fragen, in alle Richtungen – auch zu Werder Bremen (lacht). Die Menschen möchten etwas wissen, weil fast jeder in seinem Familien- und Freundeskreis einen, wenn nicht sogar zwei suchtkranke Menschen hat.

Ihr Buch „Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“ ist eine schonungslose Abrechnung mit Ihnen selbst. Ihre schwache Seite zu zeigen – ist Ihnen das schwergefallen?

Das gehört zum Leben dazu, sich bis auf die Unterhose auszuziehen. Das ist Stärke. Ich musste das aber auch erst lernen und kann es so klar sagen, weil ich es am eigenen Leib erfahren habe.

Zur Person: Uli Borowka wurde am 19. Mai 1962 in Menden geboren. Er absolvierte insgesamt 388 Spiele für Borussia Dortmund und Werder Bremen in der Fußball-Bundesliga. An der Weser, wo er von 1987 bis 1996 spielte, feierte Borowka, auch die „Axt“ genannt, seine größten sportlichen Erfolge. Er wurde jeweils zwei Mal Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger, gewann 1992 den Europapokal der Pokalsieger. Sein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker konnte er vor Fans und Öffentlichkeit jahrelang verheimlichen. Erst zwei Jahre nach seinem Abschied aus der Bundesliga gelang es Borowka im Jahr 2000, nach viermonatiger Therapie seine Alkoholkrankheit zu besiegen. Im Herbst 2012 erschien seine Biografie. Uli Borowka wohnt heute in der Nähe von Hannover.

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