Demonstration in Delmenhorst "Spaziergänger": Wir kommen aus der Mitte der Gesellschaft

Sie wurden immer mehr: Erst 100, dann 300 und nun nach eigener Einschätzung 500 Menschen folgten am Montag dem Aufruf der Freien Niedersachsen zum sogenannten Spaziergang in Delmenhorst.
20.12.2021, 20:54
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Gerwin Möller

"Wir müssen alle respektvoll miteinander umgehen", sagte Andrea Czubaiko. Die Stuhrerin hatte den dritten sogenannten Spaziergang, bei dem am Montagabend in Delmenhorst gegen Corona-Beschränkungen protestiert wurde, bei der Polizei angemeldet. Zuvor hatte es in Delmenhorst schon zwei Aufzüge gegeben, die ohne eine Anmeldung bei den Ordnungsbehörden organisiert waren. Im Hintergrund steht eine Gruppe „Freie Niedersachsen“, die ihre Verabredungen im Messengerdienst Telegram kommuniziert. "Wie viele waren wir heute Abend?", rief Czubaiko per Megaphon in die Menge. Die auf dem Graftparkplatz Versammelten warfen mit Zahlen um sich, man einigte sich auf die Schätzung von 500 Teilnehmern. Das war vielen wichtig: "Wir werden immer mehr", wurde skandiert.

Die Polizei sprach im weiteren Verlauf des Abends von 300 Teilnehmern. Es sei kurzzeitig zu Verkehrsbeeinträchtigungen gekommen, erklärte Polizeisprecherin Ricarda von Seggern. Die Polizei hätte zuvor Erkenntnisse über mögliche Störaktionen gehabt. "Diese konnten während des Versammlungsverlaufs nicht verifiziert werden. Es handelte sich um einen friedlichen Protest bürgerlichen Klientels", sagte von Seggern. In kleinen Gruppen, in der Fußgängerzone wurden beispielsweise rund 40 Spaziergänger gezählt, umrundeten Menschen die Stadt. Die Demonstranten hielten zueinander Abstände ein oder stammten aus gleichen Haushalten, so wurde auf das Tragen von Masken verzichtet.

An der Bahnhofstraße versuchte eine Gruppe Spielchen mit den Polizeikräften zu spielen. Man bog an der Delme in einen schmalen Gang ein, der für das begleitende Polizeifahrzeug zu eng wurde. Auf dem Weg durch die Louisenstraße tauschten sich verantwortliche Teilnehmer per Handy über die Gruppenstärken auf anderen Abschnitten aus. Da war man sich schon sicher, mehr Demonstrierende auf die Straße gebracht zu haben, als bei den beiden Malen zuvor.

Sorge vor Spaltung

"Wir kommen aus der Mitte der Gesellschaft", sagte Czubaiko. Sie distanziere sich von politisch-extremen Kräften, die auch da seien. "Schreiben Sie fair", mahnte sie den Reporter. In den vergangenen 21 Monaten sei im Land viel kaputt gegangen. Sie habe Sorge vor einer Spaltung der Gesellschaft in Geimpfte und Nichtgeimpfte. Statt die Menschen mit Einschränkungen zu "drangsalieren", käme es in ihren Augen darauf an, die Risikogruppen, vor allem ältere Menschen, vor Corona zu schützen. Die Zahl der Protestler gegen die Corona-Beschränkungen sei noch einmal explodiert, seitdem die Menschen gemerkt hätten, dass auch mit der zweiten Corona-Impfung noch lange kein ausreichender Schutz bestehe. Besonders der Druck, den sie nun auch auf die Kinder ausgeweitet sieht, führe dazu, dass der Protest wachse, so Czubaiko.

Im Stadtrat war den Demonstranten vergangene Woche, es gab schon sogenannte Spaziergänge am vergangenen Montag und dem Freitag davor, vorgeworfen worden, sie seien feige, weil sie schweigend und ohne Forderungen durch die Straßen zögen. Oberbürgermeisterin Petra Gerlach betonte, dass auch Menschen, die den Corona-Regeln mit einer Grundskepsis begegnen würden, das Recht der freien Meinungsäußerung zugesprochen gehöre.

"Die ablehnende Haltung von vielen Mandatsträgern kann ich bei friedlich demonstrierenden Menschen nicht nachvollziehen", sagte AfD-Fraktionschef Jaroslaw Poljak. Seine Partei unterstütze "die Menschen in ihrem freien Denken und Handeln". Man warne vor einer Diskriminierung oder einer sozialen Ausgrenzung Andersdenkender.

Mit Windlichtern

"Wir wollen nicht den typischen Demonstrationscharakter wählen", sagte Czubaiko über den Spaziergang. Man versuche, den Eindruck eines Lichterumzuges zu bewirken. Viele Teilnehmer trugen Windlichter mit sich. Dass es am Ende des Zuges einige lautere Demonstrationsteilnehmer gab, die Parolen skandierten, gab sie zu. Auch dass die AfD die Nähe zu den Spaziergängern suche, gestand Czubaiko ein: "Die haben sich an uns angeheftet, da kann man nichts tun".

Die zuvor der Versammlungsleiterin erteilten Auflagen wurden von den Teilnehmern eingehalten, bilanzierte die Polizei. 30 Ordner hatte Czubaiko zu benennen gehabt, und dafür auch genügend Aktive gefunden. "Die Versammlung löste sich gegen 19.10 Uhr eigenständig auf der Bürgerwiese auf", heißt es im Polizeibericht.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Zur Newsletter-Übersicht