Prozess gegen Niels Högel Ehemalige Kollegen sagen aus

Im Prozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel, angeklagt des 100-fachen Patientenmordes in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst, dreht sich am elften Prozesstag alles um Delmenhorst.
31.01.2019, 13:36
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Ehemalige Kollegen sagen aus
Von Andreas D. Becker

Alwine C. war den Tränen nahe. Die Arme verschränkt und mit versteinerter Miene saß sie auf ihrem Stuhl in diesem großen, auch einschüchternd wirkenden Saal des Landgerichts Oldenburg in der Weser-Ems-Halle. „Sie mauern in einer Weise, dass allen klar ist: Sie wissen mehr“, sagte der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann. Er hatte mehrmals deutlich gemacht, dass er mit dem Aussageverhalten nicht glücklich ist. Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann war gar so erzürnt, dass sie die Vereidigung der Zeugin beantragte, die so seltsam wenig aus ihren gemeinsamen Nachtdiensten mit ihrem ehemaligen Kollegen Niels Högel erinnerte. Bührmann setzte zur Vereidigung an, betonte noch einmal, dass eine falsche Aussage unter Eid deutlich härter bestraft werde. Und es auch eine Strafe nach sich zieht, wenn unter Eid aus Versehen etwas Falsches vor Gericht gesagt werde.

Alwine C. erstarrte, als wäre sie die Angeklagte, als würde sie gleich ein fürchterliches Urteil über sich hören. „Ich will aber nicht vereidigt werden“, sagte sie leise ins Mikrofon. Geraune, Gelächter im Publikum.

„Ruhe, bitte“, sagte Richter Bührmann. „Sie können die Vereidigung nicht ablehnen.“

„Ich habe Angst, dass man mich verantwortlich macht, dass man mir das zur Last legt, was passiert ist“, sagte die 67-jährige, frühere Krankenschwester, die nach einer längeren Krankheitsphase direkt in den Ruhestand gewechselt war.

Bührmann zögerte. Dann erklärte er, warum er auf eine Vereidigung doch verzichten werde. „Wir hätten Ihre Aussage gern gehört, das wäre im Sinne aller gewesen. Den Menschen, die wissen wollen, was mit ihren Angehörigen gewesen ist, helfen Sie so nicht. Sie unterdrücken hier vieles. Und das ist fatal. Sie müssen verstehen, dass wir mit der Aussage nicht zufrieden sind. Aber ich habe Ihre Notlage erkannt.“ Weil die Aussage von Alwine C. zwar geholfen hätte, vielleicht das eine oder andere Puzzleteilchen in dieses wohl nie mehr ganz zusammenzusetzende Bild einzufügen, auf der anderen Seite aber Wohl und Wehe dieses Mammutverfahrens eben nicht an ihrer Aussage hängt.

Immer wieder fehlte Dormicum

Nur bruchstückhaft kam deswegen wenigstens ein bisschen was ans Licht, vorgetragen vor allem aus alten Aussagen vor der Polizei. Dort wurde protokolliert, dass Alwine C. und ihre ständige Nachtschichtkollegin und Freundin Brigitte T. durchaus fanden, dass mit diesem jungen Kollegen Niels H. irgendetwas nicht stimme. Dass sie auch gefrotzelt hatten, dass in den Nächten mit ihm so viel zu tun sei, dass immer reanimiert werden müsse. Der Polizei erzählte Brigitte T. auch, dass sie irgendwann anfingen, die Beruhigungsmittelbestände zu kontrollieren, weil sie den jungen Kollegen im Verdacht hatten, die Patienten künstlich ruhig zu stelle. Immer wieder fehlte Dormicum. Das teilten die beiden auch der Schichtleiterin Astrid W. mit. An all das wollte sich Alwine C. gar nicht mehr detailliert erinnern, so verängstigt, eingeschüchtert war sie. Deswegen sagte sie stereotyp auf jede Frage von Richter Bührmann, dass sie nie etwas mitbekommen habe, weil sie doch nur Nachtschichten gemacht habe.

Nicht einmal von der Verhaftung Högels wollte sie etwas wissen. „Die Festnahme habe ich nicht mitbekommen, ich war ja nur im Nachtdienst“, sagte sie. Es sei zwar mitgeteilt worden, dass Högel nicht mehr komme, aber mehr nicht. Sie habe keine Fragen gestellt, sondern ihre Arbeit gemacht. Bührmann zweifelte sehr deutlich daran, dass das ein nachvollziehbares Verhalten ist, wenn gerade ein Kollege, dem eine Patiententötung vorgeworfen wird, von der Polizei abgeführt wurde. Doch es half alles nichts.

Endlich einmal über alles reden

Ganz anders lief die Vernehmung von Birgit S., der es offensichtlich ein großes Bedürfnis war, endlich einmal über das zu reden, was in den Högel-Jahren auf der Intensivstation in Delmenhorst passiert ist. Ganz offensichtlich hatte sie an diesen Fällen immer noch schwer zu tragen. Eben weil auf ihrer Station mindestens 64 Menschen von Högel getötet wurden, so viele Fälle sind zumindest angeklagt. Ganz offensichtlich belastete sie auch, wie mit diesem Thema umgegangen wurde, dass es keine Kritikkultur gab, dass nicht im Ansatz die Ereignisse besprochen und aufgearbeitet wurden, dass alle nur Angst um sich und vielleicht um das Krankenhaus hatten und lieber schwiegen, anstatt auch an die Angehörigen der Ermordeten zu denken. Aber so war es auch von der Stationsleitung gefordert worden: Mund halten, nach außen sowieso. Aber auch im Haus sollte keiner etwas erfahren. Es ging um den Ruf des Klinikums.

Vor allem ein Todesfall ist Birgit S. in Erinnerung geblieben. Weil es ihr Patient war. Es war kurz vor Schichtwechsel, sie war spät dran, hatte noch viel zu erledigen, deswegen stand sie unter Strom. Plötzlich betrat Niels Högel Patientenzimmer Nummer 1, in dem sie arbeitete. Was erst einmal nicht weiter verwunderlich war. Högel kam immer 15, 20 Minuten vor seinem Schichtbeginn, drehte eine Runde über die Station, sah sich alle Patienten an. Daran hatten sich schon alle gewöhnt.

„Er spritzte dem Patienten dann etwas“, erzählte Birgit S. Högel erklärte ihr auch, was er da tat: Sie hätte nicht sauber Blut abgenommen, deswegen habe er Natriumchlorid in den Zugang gespritzt: Kochsalzlösung zum Reinigen. Später sagte sie bei der Polizei aus, dass sie sich geärgert hatte über Högel. „Du Korinthenkacker“ habe sie gedacht. Aber auch leicht gezweifelt, ob sie im Stress tatsächlich schlampig gearbeitet hatte: „Später hat die Polizei mir gesagt, dass ich gar kein Blut abgenommen habe.“

Nachdem er die Spritze gesetzt hatte, drängte Högel Birgit S., mit ihm eine rauchen zu gehen. Was sie gut erinnerte, denn die beiden hatten kaum etwas miteinander zu tun. „Ich mochte ihn nicht“, sagte sie vor Gericht. Sie mochte nicht, wie er manchmal spöttisch Eigenarten von Kollegen nachäffte, wie er immer mit den Ärzten sprach, um dann hinter deren Rücken auch schlecht zu reden. Und sie erinnerte genau eine Episode, als ein Arzt Fotos seiner Hochzeit gezeigt hatte. Danach soll Högel, der ebenfalls gerade frisch verheiratet war, gesagt haben: „Der hat alles – und ich muss nehmen, was überbleibt.“

Trotzdem ließ sich Birgit S. überreden, im Arztzimmer eine Zigarette zu rauchen. Er würde ihr danach auch helfen, alles fertig zu machen, versprach Högel. Als die beiden gerade einen oder zwei Züge inhaliert hatten, schlug der Alarm an. Högel ging sofort los, Birgit S. drückte erst noch beide Zigaretten sorgfältig aus. „Ich habe gar nicht auf den Hauptmonitor geguckt, sondern bin direkt zu meinem Zimmer.“ Sie hatte eine Ahnung. Dort sah sie einen Arzt, Lutz F., der mit Högel am Bett ihres Patienten stand. Der Mann war tot, nichts mehr zu machen. Die Geschichte müsse sich bereits im Frühjahr 2003 angespielt haben, also nur wenige Monate nach Högels Einstellung im Klinikum Delmenhorst. Aber ganz sicher konnte sich Birgit S. nicht mehr erinnern.

Verdacht abgewiegelt

Birgit S. ließ die Episode ein, zwei Tage sacken. Dann wandte sie sich an ihren Stationsleiter Dirk F., erzählte, was passiert war, von ihrem Verdacht. Doch er wiegelte ab: Patienten sterben nun einmal, wenn sie alt sind. Und überhaupt: Wenn ihr der Job auf der Intensivstation über den Kopf wachse, müsse sie sich nach etwas anderem umschauen. Birgit S. kochte innerlich, ging in die Küche, traf dort ihre Kollegin Hella P., der sie alles erzählte. Doch die warnte sie nur, sie sei ja auch Schöffin am Gericht: Das, was Birgit S. da andeute, sei Rufmord. Sie habe doch keine Beweise, sie müsse vorsichtig sein.

Ein paar Wochen später. Die stellvertretende Stationsleiterin Astrid W. sprach Birgit S. an. Auf eben jene Geschichte. „Ich dachte: Jetzt geht es mir an den Kragen wegen Rufmordes.“ Doch Astrid W., die Högel selbst wohl schon im Verdacht hatte, ein seltsames Spiel zu treiben, die ihn immer wieder kontrollierte, wenn er Medikamente aus der Apotheke nahm, wollte etwas ganz anderes. „Sie bat mich, darauf zu schauen, was Niels macht – das habe ich auch getan“, erzählte Birgit S. Wobei sie das Gefühl hatte, dass Högel das merkte. Er sprach sie an: „Warum guckst Du mich so an? Wegen meines Knickohrs?“ Doch auf die Schliche kam auch Birgit S. dem Patientenmörder nicht.

Als Richter Bührmann in der Vernehmung gerade eine alte Aussage von Birgit S. studierte, blickte sie auf einmal rüber zu Högel, starrte ihn ein paar Sekunden intensiv an. „Was haben Sie dabei gedacht?“, fragte sie später ein Anwalt der Nebenklage.

„Es tut mir leid.“

„Was tut Ihnen leid?“

„Es tut mir leid, dass ihm keiner helfen konnte.“

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