Porträt über Christian Glaß Ein bewegtes Leben

Friedenskämpfer Christian Glaß lebt seit über 40 Jahren in Delmenhorst. Er hatte großen Anteil daran, dass das Hotel am Stadtpark nicht an den rechtsextremen Anwalt Jürgen Rieger verkauft worden ist.
19.12.2019, 06:45
Lesedauer: 4 Min
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Von Ilias Subjanto

An seine Ankunft in Delmenhorst kann sich Christian Glaß noch genau erinnern. „Nass, regnerisch, trüb“, beschreibt der heute 84-Jährige seinen ersten Tag in der Delmestadt. Frisch verheiratet war er im November 1973 hierher gezogen – seine Frau, mit der er heute noch zusammen lebt, hatte eine Anstellung als Lehrerin an einer Delmenhorster Schule bekommen. Er selber nahm als promovierter Politikwissenschaftler eine Lehrtätigkeit an der gerade gegründeten Universität Bremen auf, nachdem er zuvor bereits als Dozent an der Universität Göttingen tätig gewesen war.

Im trüben Delmenhorst fand Glaß jedoch schnell Anschluss: Beim Delmenhorster BV spielte er aktiv Fußball, und im Laufe der Jahre erlangte er durch sein politisches Engagement große Bekanntheit in der Stadt. Mit 24 Jahren war er 1959 von der DDR nach Westdeutschland übergesiedelt, weil er im Arbeiter- und Bauernstaat keine Perspektive für sich gesehen hatte. Die Idee der Gründung eines sozialistischen Staates auf deutschem Boden findet er noch heute richtig; was die politischen Verantwortlichen aus dem Staat machten, hingegen nicht.

„In der Regierung saßen ältere Herren, die die Presse und die Medien zunehmend regulierten. Das hat irgendwann repressive Züge angenommen“, sagt Glaß über die DDR, die er eine „Erziehungsdiktatur“ nennt. Den Bau der Berliner Mauer 1961 und die Abriegelung der innerdeutschen Grenze sieht er als nachvollziehbare Konsequenz: „Den DDR-Oberen blieb nichts anderes übrig. Durch die Abwanderung in den Westen gingen dem Staat zu viele ausgebildete Fachkräfte verloren.“ Gleichzeitig bezeichnet er den Mauerbau als „politische Bankrotterklärung“. „Sie konnten den Staat nur am Leben erhalten, indem sie die Bevölkerung eingesperrt haben“, kritisiert er.

In Darmstadt begann Glaß, Physik und Maschinenbau zu studieren; nach vier Semestern wechselte er an die Frankfurter Goethe-Universität zu den Politik- und Sozialwissenschaften. Mit den Burschenschaften, die in Frankfurt damals sehr stark gewesen seien, konnte der politisch links stehende Glaß wenig anfangen. Stattdessen begann er 1964, sich im Sozialistischen Deutschen Studentenbund SDS zu engagieren.

Die Bundesrepublik bezeichnet Glaß ganz bewusst nicht als das „bessere Deutschland“. Gleichwohl hebt er aber die Wichtigkeit der im Grundgesetz verbrieften Meinungs- und Glaubensfreiheit heraus. „Die gab es in der DDR nämlich nicht.“ Der überzeugte Friedenskämpfer agitierte gegen eine Militarisierung der Gesellschaft und warnte vor dem Ausbruch eines Dritten Weltkriegs. Einer Partei wollte er sich jedoch nie anschließen. „Ich mag keine Kollektivzwänge“, sagt der ehemalige Hochschulllehrer.

Politisch aktiv war er ebenfalls in seinem Wirkungskreis an der Uni Bremen mit Seminaren und Projekten. 2005 verabschiedete er sich schließlich in den Ruhestand – auch weil er mit dem sogenannten Bologna-Prozess, also der Vereinheitlichung der Studienabschlüsse auf Bachelor- und Mastergrade, nicht einverstanden war. Glaß sieht in dieser Umstellung ein weiteres Zeichen, dass das Wissenschaftssystem zunehmend von marktwirtschaftlichen Interessen dominiert sei. Und vom politischen Engagement der einst sehr linksorientierten Bremer Uni sei in der Zwischenzeit ohnehin nur sehr wenig übrig geblieben, bedauert er.

Sehr angetan war er hingegen von der Idee einer Delmenhorster Universitätsgesellschaft, an deren Gründung er sich 1994 maßgeblich beteiligte. Ziel des Vereins war die Ansiedlung einer wissenschaftlichen Institution in Delmenhorst, was mit dem Hanse-Wissenschaftskolleg ein Jahr später auch gelang. Zufrieden äußert er sich über das Vortragsprogramm, mit dem die Universitäts-Gesellschaft wissenschaftliche Themen der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen will. Bestrebungen, aus Delmenhorst einen Hochschulstandort zu machen – etwa durch Einrichtung eines Ablegers der Universität Bremen oder Oldenburg –, sieht Glaß jedoch sehr skeptisch. „In der Stadt gibt es nicht einmal bezahlbare Unterbringungsmöglichkeit für Studenten“, sagt der langjährige Vorsitzende der Universitäts-Gesellschaft.

Ein weiteres Betätigungsgebiet tat sich für den Politikwissenschaftler im ebenfalls 1994 gegründeten Kriminalpräventiven Rat der Stadt Delmenhorst (KPR) auf, der sich 2017 in den Kommunalen Präventionsrat umbenannte. Durch die initiierten Maßnahmen des KPR habe die Kriminalität in Delmenhorst nachhaltig gesenkt und die Sicherheit in der Stadt immer weiter erhöht werden können, betont Glaß. Dabei habe es zahlreiche Schnittmengen mit seiner Forschungsarbeit in den Bereichen Bildung, Gewaltprävention und Jugendsozialarbeit gegeben. „Dass meine vorgeschlagenen Konzepte auch umgesetzt wurden, war für mich als Wissenschaftler sehr befriedigend“, sagt er.

Bundesweit in die Schlagzeilen kam Delmenhorst, als der rechtsextreme Anwalt Jürgen Rieger ein leer stehendes Hotel in der Innenstadt kaufen wollte, um dort ein Schulungszentrum für die rechte Szene einzurichten. Dass es nicht so weit kam, ist nicht nur einer Bürgerinitiative, sondern auch Christian Glaß zu verdanken. „Ich war Vermittler zwischen der Stadt und dem Hotelbesitzer Günter Mergel“, erzählt er. Mergel habe das marode Hotel wegen finanzieller Schwierigkeiten loswerden wollen. Das Problem sei nicht nur das Kaufangebot des Neonazis Rieger gewesen, sondern auch, dass Mergel und die Stadt schon seit Jahren nicht mehr vernünftig miteinander kommunizierten.

„Mergel fühlte sich von der Stadt schlecht behandelt und ist dann irgendwann stur geworden“, sagt Glaß. Ihm sei es gelungen, Mergels Vertrauen zu gewinnen und mit dazu beizutragen, dass er das Kaufangebot der Stadt und der Bürgerinitative in Höhe von drei Millionen Euro annahm. „Damit konnte Mergel seine Bankschulden begleichen, und Delmenhorst ist der Faschistentreff erspart geblieben“, resümiert Glaß.

Dass sich auf dem teuer erworbenen Grundstück seit Jahren nur eine Rasenfläche befindet, stört ihn nicht. „Alles besser, als die Nazis in Delmenhorst zu haben“, sagt er entschieden. Außerdem sei er sicher, dass sich auf diesem Grundstück schon bald etwas Neues entstehen werde.

Ob Delmenhorst nach über 40 Jahren mittlerweile seine Heimat geworden sei? Der 84-Jährige schüttelt den Kopf. „Meine Heimat wird immer das Erzgebirge sein“, antwortet er. Dort wurde er geboren, und von dort stammen seine Kindheitserinnerungen, die ihn tief geprägt hätten. „Aber Delmenhorst ist mein Zuhause. Hier fühle ich mich wohl“, fügt er hinzu. Er spüre eine tiefe Verbundenheit mit der Stadt.

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