Das Porträt aus Delmenhorst

Ein Kind der Zeiten

Er war Landtagsabgeordneter und 15 Jahre lang Delmenhorsts Oberbürgermeister: Jürgen Thölke. Nun blickt er auf 85 bewegte Lebensjahre zurück.
24.04.2019, 14:23
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Ein Kind der Zeiten
Von Annika Lütje
Ein Kind der Zeiten

Jürgen Thölke lässt die vergangenen 85 Jahre noch einmal Revue passieren.

Janina Rahn

Delmenhorst. „Irgendwie war das ja klar, aber wenn es so weit ist, glaubt man es manchmal selbst nicht“, sagt Jürgen Thölke und meint sein Alter. 85 Jahre alt ist er vor Kurzem geworden. Er genießt die Ruhe, die sich mit dem fortgeschrittenen Alter in sein Leben geschlichen hat. Denn er hat bewegte Jahre hinter sich, viele davon verbrachte er in der Politik – unter anderem als Delmenhorsts Oberbürgermeister und Mitglied des Niedersächsischen Landtags.

Er ist ein Kind der 1930er-Jahre. „Ich habe die Wirren des Krieges miterlebt. Als Schulkind wurde ich über die Kinderlandverschickung nach Sachsen gebracht. Später habe ich während der Bombardierungen in einem Bremer Bunker gesessen und Menschen sterben sehen“, berichtet er aus den Anfängen seines Lebens, die ihn besonders geprägt haben. Er kommt ins Erzählen: „Was wir in der Nachkriegszeit erlebt haben, kann sich ja heute niemand mehr vorstellen. Wir haben gehungert. Mit meiner Mutter bin ich regelmäßig aufs Land raus gefahren, wo wir abgeerntete Felder nach Korn abgesucht haben. Manchmal sind wir mit einem vollen Beutel nach Hause gekommen, haben das Korn per Hand gedroschen und Pfannkuchen daraus gemacht. Das war immer ein Fest – viel besser als Suppe aus Kartoffelschalen.“

Wenn man so etwas selbst miterlebt hat, werfe man schon einen anderen Blick auf die aktuelle Flüchtlingspolitik und die Ansichten bestimmter Gruppen. Aber: „Jede Politik ist zeitbedingt, denn wir alle sind nur Kinder unserer Zeit“, relativiert Thölke, denn: „Jeder Beteiligte hat seine eigenen Interessen.“ In Delmenhorst ist die Integration jedoch gut gelaufen, meint er. Da sei der Stadt ihre lange Geschichte mit Arbeitsmigranten zugute gekommen.

Dass Thölke selbst einmal Politik machen würde, hätte er als junger Mensch nicht gedacht. Geboren und aufgewachsen in Bremen-Hemelingen machte er als einziger aus seiner Volksschulklasse später das Abitur. „Da es aber 1954 noch kein Bafög gab, kam ein Studium zunächst nicht infrage. Also habe ich eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht. Erst danach habe ich Betriebswirtschaft studiert“, erzählt er.

Wirtschaft allein war nicht genug

Zwei Jahre hielt es ihn nach dem Diplom in der Wirtschaft. Doch etwas fehlte ihm: „Ich wollte anderen etwas vermitteln, wollte gestalten und Verantwortung übernehmen.“ Und so wurde er in Delmenhorst Berufsschullehrer. „Ich habe mich hier gleich wohlgefühlt, wenngleich die Verhältnisse in den 1960ern schwierig waren. Es herrschte eine absolute Schulraumnot. Wir mussten die Schüler zum Teil nachmittags unterrichten, weil es nicht genug Räume gab“, erinnert sich Thölke.

Es wurde also Zeit, Dinge zu verändern. „Ich wollte eine bessere Schulpolitik. Doch nicht nur das. Nach dem Krieg war privater Reichtum entstanden, aber im Gegensatz dazu gab es viel öffentliche Armut. Das durfte so nicht weiter bestehen bleiben“, sagt Thölke. Er würde sich im Geiste schon zu den 68ern zählen. „Ich war ganz bei Willy Brandt: Mehr Demokratie wagen“, ergänzt er, „eine Diktatur hatte ich ja miterlebt.“

1972 kandidierte er als Politikneuling in der SPD zum ersten Mal für den Delmenhorster Rat und schaffte es auch direkt hinein. „Ich war noch relativ jung und hatte so viel Power. Ich wollte so viel bewegen“, erinnert sich Thölke. Auch privat machte er einfach, statt nur zu lamentieren. Zusammen mit weiteren Eltern gründeten er und seine Frau einen Kindergarten. „Es gab da einen absoluten Notstand. Natürlich lief alles ganz antiautoritär. Aber alle Kinder sind normale, brave Bürger geworden“, sagt er augenzwinkernd.

Nach nur zwei Jahren im Rat schaffte Thölke es in den Niedersächsischen Landtag. „Das war eine völlig neue Welt. Allein der Plenarsaal: Alles war vom Feinsten“, erzählt er. „Und ich dachte: Jetzt kann ich alles anpacken und verändern. Und dann stellte ich fest, dass das in einer Großen Koalition doch nicht so einfach ist.“

Zumal Thölke sich im Landtag nicht nur Freunde machte. Zum Beispiel als die Kreisreform anstand. „Delmenhorst sollte der Wesermarsch zugeschrieben werden, mit Kreissitz in Brake. Der Protest war groß. Und wir hatten nur eine Stimme Mehrheit. Da habe ich dagegen gestimmt – aber ich war nicht der einzige“, erinnert er sich. „Trotzdem – damit war man auch in der eigenen Fraktion eine persona non grata. Aber als gewählter Abgeordneter wollte ich die Interessen meines Wahlkreises vertreten.“

Nachdem die Große Koalition auseinander ging, fand Thölke sich zehn Jahre lang in der Opposition wieder. Für jemanden, der etwas gestalten und verändern wollte, eine unbefriedigende Situation. „Auf die Dauer macht es nicht glücklich, immer nur dagegen zu sein“, fasst er es zusammen. Für Thölke war das keine Zukunftsperspektive. Nach seiner dritten Periode im Landtag verzichtete er auf eine weitere Kandidatur und kehrte als Berufsschullehrer nach Delmenhorst zurück.

Progressiver Oberbürgermeister

Doch seinen Ruf, progressiv zu sein, brachte er mit. Und so baten ihn seine Parteigenossen, für das Amt des Oberbürgermeisters zu kandidieren. 1986 wurde er gewählt – mit nur drei Stimmen mehr als sein Gegner. „So einfach ist das dann“, sagt er. Und er blieb für 15 Jahre. „In der Zeit entindustrialisierte sich Delmenhorst und wurde zum Dienstleistungszentrum. Das haben wir gut hingekriegt“, blickt er zurück. „Außerdem haben wir Delmenhorst mit der Gründung des Kriminalpräventiven Rates das Image der Verbrecherstadt genommen und sie mit der Ansiedlung des HWK zum Wissenschaftsstandort gemacht.“ Zufrieden ist er auch über ein Projekt, das heute als selbstverständlich hingenommen werde: „Das Regenrückhaltebecken bewirkt, dass es keine Überschwemmungen mehr in der Stadt gibt.“

Was nach einer Erfolgsserie klingt, war aber nicht immer leicht. „Am Anfang, als mir noch die Erfahrung fehlte, musste ich erst einmal mit der Verwaltung zurechtkommen. Ich war ja nur Vorsitzender des Rates und des Verwaltungsausschusses. Die Abgrenzung zur Verwaltung war manchmal schwierig“, räumt Thölke ein, „da habe ich mich schon mal über Banalitäten aufgeregt, die es eigentlich nicht wert gewesen wären.“

Im Jahr 2001 war seine Zeit als Oberbürgermeister vorbei. Rückblickend waren es stark beanspruchende Jahre. Schließlich bekleidete man damals als Oberbürgermeister ein Ehrenamt. Thölke arbeitete „nebenbei“ weiterhin als Lehrer. „In der Rückschau hätte ich gern mehr Zeit mit meinen drei Kindern verbracht“, sagt er. Dafür hat er nach seiner Amtszeit die ersten sechs Wochen seines Ruhestandes genutzt, um den Garten in Ordnung zu bringen und sich dem Windsurfen zu widmen. Zudem war er acht Jahre Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände. Inzwischen freut er sich über die Ruhe, die in sein Leben eingekehrt ist, und die Zeit, die er mit seiner Familie – unter anderem seinen fünf Enkeln – verbringen kann: „Jeder Lebensabschnitt, jeder Tag hat seine Freuden.“

Mit der Politik beschäftigt er sich trotzdem noch. „Da bin ich wie ein altes Zirkuspferd, wenn es Musik hört“, sagt Thölke und lacht. Allerdings findet er, dass sich die Kommunalpolitik „ziemlich verändert“ hat. „Damals war der Rat nicht so eng mit der Verwaltung verzahnt. Ich weiß nicht, ob der Rat heute als höchstes Organ seine Macht voll ausschöpft und jede Entscheidung intensiv genug berät – ein Beispiel ist die Zusammenlegung der beiden Krankenhäuser“, überlegt Thölke. Er würde sich wünschen, dass der Blick mehr aufs Allgemeinwohl gerichtet wird. „Manchmal weiß ich auch nicht so recht, ob in der Bevölkerung der Wunsch nach Gestaltung noch da ist oder ob nur der eigene Besitzstand erhalten werden soll. Eine Mobilisierung findet häufig nur statt, wenn es um die eigenen Interessen geht.“

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